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Schattenfangen von Erdrich, Louise (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.05.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Schattenfangen

Ein grausames Spiel hat sich Irene ausgedacht, als sie feststellt, daß ihr Mann heimlich in ihrem Tagebuch liest. Sie beginnt ein neues, das sie jetzt besser versteckt. Dem vertraut sie ihre wahren Gefühle, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen an, die Zweifel an ihrer Ehe, aus der sie nicht loskommt. Das alte Tagebuch führt eine andere Irene. Eine, die ihren Mann wissen lassen will, daß sie ihn nicht mehr liebt, eine, die vorgibt, ihn zu betrügen, eine, die ihm sagen will, daß sie nur noch Verachtung für ihn übrig hat. Es ist der perfide Versuch, die Ehe zu einem Ende zu bringen. Das Bild, das die beiden nach außen vermitteln, ist ein anderes: zwei, die füreinander bestimmt sind. Er der Maler, sie die Kunstwissenschaftlerin, seine Muse. Ohne sie kann er nicht malen. Ohne ihn kann sie nicht leben. In Wirklichkeit: ein Paar, aneinander gefesselt durch Haßliebe und ihre Kinder. Sie werden zusammenbleiben, bis daß der Tod sie scheidet. Louise Erdrich hat mit "Schattenfangen" einen beeindruckenden Psychothriller geschrieben, konsequent stülpt sie das Innenleben ihrer Protagonisten nach außen und zeigt, wohin es führt, wenn aus Liebe Hass wird.

Louise Erdrich, 1954 in Little Falls, Minnesota als Tochter einer Indianerin und eines Deutschamerikaners geboren, wuchs in North Dakota auf. Sie wurde für ihre Romane und Lyrikbände mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland war sie vor allem mit den Romanen Die Rübenkönigin und Liebeszauber erfolgreich. Sie lebt mit ihren fünf Kindern in Minnesota.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 239
    Erscheinungsdatum: 19.05.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518746004
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Shadow Tag
    Größe: 1371 kBytes
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Schattenfangen

Blaues Notizbuch

2. November 2007

Du warst leichtsinnig geworden, und für eine Weile hatte ich so ein merkwürdiges Gefühl. Als könntest du meine Gedanken lesen. Du hast zwar darauf geachtet, mein Tagebuch genau an den alten Platz zu legen und nichts in meinem Zimmer durcheinanderzubringen. Aber es war mehr als das. Ich konnte es nicht glauben. Es war ein Versagen meiner Vorstellungskraft. Oder zumindest dachte ich das am Anfang. Aber hier in der Bank, in meiner kleinen Schreibkammer, wird mir klar, dass ich meinem roten Tagebuch nicht allzu viele Wahrheiten anvertraut habe. Und ich habe es versteckt. Ich muss also gewusst haben, dass du nicht widerstehen konntest, dass du dem Geheimnis nachgehen musstest.

Du hast mich fast fünfzehn Jahre lang gemalt. In dieser Zeit hatte ich öfter Geheimnisse. Ich ließ sie auf meiner Haut landen wie Libellen. Einmal hast du sogar einen fein ziselierten, zarten, durchsichtig geäderten Libellenflügel auf meinen Innenschenkel gemalt, und ich dachte – er weiß Bescheid!

Unsere Kinder wurden in deine Hände geboren. Was gibt es da noch für dich zu wissen?

Man hat mir beigebracht, dass das Leben sich aus seinen prägenden Startbedingungen entwickelt und später nur noch schwer beeinflussen lässt. Wenn es mit der Liebe genauso ist, dann war sie von Anfang an von bösen Vorzeichen überschattet. In der Nacht vor unserer Hochzeit träumte ich von wilden Hunden, die mich anfielen und in Stücke rissen. Deinen Vater hast du kaum gekannt, und deine Mutter hatte ein seltsames Hüftleiden, so dass sie sich dir auf eine schiefe Art entgegenkrümmte. Und du bist dreizehn Jahre älter als ich – eine Unglückszahl. Aber jetzt kommt das Entscheidende: Du willst mich besitzen. Und mein Fehler: Ich habe dich geliebt und im Glauben gelassen, es könnte dir gelingen.

Nachdem ich dein nettes Abendessen verlassen hatte, ging ich in mein Arbeitszimmer und setzte mich an den Schreibtisch. Schwarzbären. Wölfe. Und das Soufflé. Alles klar. Ich strich über das kühle Eichenfurnier meines Schreibtischs und ertastete den Ring, wo deine Coladose stand – eine klebrige Stelle, die du nicht weggewischt hast.

Irene ging hinauf in die Küche und wusch das Geschirr ab, das die Kinder ordentlich abgestellt hatten. Sie waren jetzt in ihren Zimmern und machten Schularbeiten. Nachher würde sie alle der Reihe nach herabholen und die Aufgaben und die Klavierübungen mit ihnen durchgehen. Nebenan, im Fernsehzimmer, sah Gil CNN und telefonierte dabei. Den Ton hatte er weggedreht. Unaufhaltsam rückte der Tag auf sein Ende vor. Die Hunde schliefen im Korridor, am Fuß der Treppe. Ganz gleich, wie sich die Familie übers Haus verteilte: diese zwei Burschen, sechsjährige Schäferhundmischlinge, hielten ihren Posten am zentralen Ein- und Ausgangspunkt des Hauses. Gil nannte sie Pförtnerhunde. Und es stimmte, sie waren neugierig und aufmerksam. Weder aufdringlich noch übermäßig verspielt, einfach nur wachsam und umsichtig. Irene fand, dass sie Würde ausstrahlten, etwas Gravitätisches hatten – wie Diplomaten. Immer wenn Gil aus dem Häuschen geriet, stand einer von ihnen auf und versuchte, ihn abzulenken. Einmal, als er herumbrüllte wegen der Mahngebühr für ein verschollenes Video, kam einer der Hunde gelaufen und hob das Bein über Gils Schuh. Während Gil Florian anbrüllte, plätscherte die Hundepisse auf seinen Schuh, und Irene registrierte es mit Stolz.

Als die Kinder im Bett waren, schlüpfte Irene ins Badezimmer, verriegelte die Tür, ließ die Wanne volllaufen und tauchte ins heiße Wasser ein. Die Wanne w

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