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Schlafgänger Roman von Elmiger, Dorothee (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.03.2014
  • Verlag: DuMont Buchverlag
eBook (ePUB)
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Schlafgänger

Irgendwo tief im europäischen Wald begegnen sie sich. Grenzgänger, Schmugglerinnen, Flüchtlinge, Arbeiterinnen, Asylbewerber, Kontrolleure, Künstlerinnen, Instrumentalistinnen, Schauspieler, Journalisten, Stipendiaten, Logistiker, Studentinnen, Geister. Sie kommen von überall. Sie alle sind Stellvertreter unserer Zeit, und sie führen ein Gespräch. Über Herkunft und Gerechtigkeit, über Körper und Staat, Import und Export, Heimat und Migration, über Glück, Musik und den Tod. Dorothee Elmiger hat einen Roman geschrieben, der die brisanten Fragen unserer Gegenwart ausleuchtet. Und sie findet dafür eine Sprache, wie sie zuvor in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur noch nicht zu hören war.

Dorothee Elmiger, geboren 1985, lebt und arbeitet in Zürich. 2010 erschien ihr Debütroman Einladung an die Waghalsigen Schlafgänger

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 142
    Erscheinungsdatum: 06.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783832187781
    Verlag: DuMont Buchverlag
    Größe: 2248kBytes
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Schlafgänger

Im Schlaf, sagte die Übersetzerin, sah ich einmal das ganze europäische Gebirge zusammenbrechen, wie von Sinnen lag ich da, aber still, hörte auch Geräusche in diesem Zusammenhang, die Gipfel zerbrachen vor meinen Augen, alles stürzte langsam ein und kam mir als Geröll entgegen, Gestein wurde durch die Luft geschleudert, ich sah, wie die Flanken in Bewegung gerieten, in Stücke zerfielen, alles kam auf mich zu. Später wachte ich auf, der Raum war leer, die Heizung auf höchster Stufe eingestellt. Unverändert lag die Landschaft vor den Fenstern, das ganze nächtliche Panorama, das aufgefaltete, das gestapelte Gestein.

A. L. Erika sagte, der Ort, an den sie denke, sei nicht über eine Straße zu erreichen, man gelange nur zu Fuß oder auf Pferden dorthin, dieser Ort sei eine Schlucht, durch die ein Fluss führe, relativ viel Geäst und Grün, Versteinerungen in den Felswänden, das Wasser sei ganz klar, wie in der Karibik.

Am Fenster saß Fortunat und las; den Alpstein habe er auf Tageswanderungen kennengelernt, auch die Innerschweiz und Kärnten, sagte er.

Und wiederum, rief die Übersetzerin, sah ich alles um mich einbrechen, eine plötzliche Explosion jagte die Alpen auf, langsam und still sah ich die Gipfel, Grate niedergehen in meine Richtung. Stunden später betrat jemand das dunkle Zimmer, legte sich neben mich, atmete ruhig, ich schloss die Augen, was wurde eingeläutet und wer hatte damit zu tun.

Zuvor war nichts Besonderes geschehen, sagte der Logistiker, nur dass ich alle Dinge fallen ließ, alles glitt mir aus den Händen zu dieser Zeit und fiel. Ich sah den Dingen zu, wie sie fielen, ruhig stand ich da, während sie sich im Fall von mir entfernten, schließlich aufprallten, ich sagte nie ein Wort. In jenen kurzen Augenblicken wurden mir die Dinge mit zunehmender Entfernung fremd, ich sah nicht mehr die Gabel, das Glas und so weiter als Gabel und als Glas, sondern sah nur etwas vor mir liegen, ein so und so geformtes Objekt, das stand in keinerlei Beziehung zu mir selbst. Ich war darüber nicht beunruhigt, es war mir gleichgültig, dass beispielsweise das Glas auf dem Küchenboden zersprang, und auch das Klirren erschreckte mich nicht, so als hätte ich das Geräusch erwartet oder als hörte ich es nur von sehr fern, als hätte mich die Erzählung von einem solchen Geschehen längst auf alles vorbereitet. Ich schlief kaum mehr, ging unruhig durch die Zimmer, saß in der Küche, ich legte mich hin, war müde, aber schlief nicht ein.

A. L. Erika erhob sich und trat hinter ihren Stuhl, als würde sie einen wichtigen Vortrag beginnen: Wenn ich nachts hin und wieder durch die Stadt ging, sagte sie, dachte ich an die Schlafenden, die tausend, Millionen Schlafenden, die in dunklen Zimmern lagen, still und mit weichen Zügen, wie sie sich bewegten im Schlaf und atmeten, in den Vorstädten, an der Pazifikküste, am Rand der Wüste.

Das Radio, fuhr der Logistiker fort, lief rund um die Uhr, der Nachrichtensprecher sprach von zwölf Kältetoten in Westeuropa, der Himmel war blau, auf dem Alpgebirge lag der ewige Schnee, über die Grenze kamen und gingen die Leute zu dieser Zeit, zu jeder Zeit, es brach ein Tag an vor den Fenstern, dann ging er wiederum zu Ende und alles verdunkelte sich. Nachts machte ich die Lampe an, die neben der Matratze stand, oder ich fand sie brennend vor, ich hatte begonnen zu vergessen, schien die Erinnerung an die vergangenen Tage zu verlieren, sachte entglitt mir vieles, und ich war einverstanden, ich hatte keinen Einwand vorzubringen, stand auf und setzte mich, saß ruhig auf meinem Stuhl, es kümmerte mich nichts auf der Welt.

Die Vorstellung, sagte A. L. Erika, dass sich zu einer Stunde oder der anderen jeder Mensch dem Schlaf hi

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