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Schlangentöchter von Kühn, Heike (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2014
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
eBook (ePUB)
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Schlangentöchter

Als Hartmut Alles, Pfleger für Reptilien im Frankfurter Zoo, an jenem schicksalhaften Dezembertag des Jahres 1963 erfährt, dass ihm seine Frau statt des erhofften Sohns eine Tochter geboren hat, hält er gerade eine giftige Grubenotter in den Händen, die seine Unaufmerksamkeit nutzt und ihn durch ihren Biss in Lebensgefahr bringt. Zur gleichen Zeit wird seiner Frau Milla im Krankenhaus eröffnet, dass ihr Neugeborenes Tonie mit einem schwarz-rot-goldenen Schlangenschwanz zur Welt gekommen ist. Wer zunächst nur an eine Laune der Natur denkt, wird von Großmutter Elsbeth, der Hüterin des Familiengeheimnisses, eines Besseren belehrt, denn das Mädchen ist nicht die erste 'Schlangentochter' in der weiblichen Ahnenreihe dieser besonderen Familie ... Ihr hellsichtiges Wesen wird Tonie nützlich sein, nicht nur beim Umgang mit wilden Zootieren, sondern auch während der einsamen Stunden in der dunklen Abstellkammer, in die sie zur Strafe gesperrt wird. Mutter Milla kocht und backt derweil und erstickt jeden Konflikt unter einer dicken sonntäglichen Sahneschicht; verdrängte Erinnerungen an die Kriegsjahre brechen sich an anderer Stelle Bahn. Tonie muss selbst herausfinden, warum ihr Vater Hartmut weder an Gott noch an die Menschen glaubt, warum ihre Halbschwester Hannah ständig Bauchschmerzen hat und Tante Christine sich hinter einem undurchdringlichen Panzer verschanzt. Heike Kühn entwirft das spannende Panorama eines noch durch den Krieg geprägten Deutschlands der sechziger und siebziger Jahre und erzählt mit großer stilistischer Begabung von den Verlusten der Unschuld und vom Trauma einer ganzen Generation. In die Geschichte einer deutschen Familie webt sie kunstvoll fantastische Elemente und schafft so einen magischen Raum, in dem die Schlange mit ihrer vielschichtigen Symbolik durch die Biografien führt. Heike Kühn, geboren 1963, studierte Germanistik, Film, Fernseh- und Theaterwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte in Frankfurt. Seit 1984 arbeitet sie als Theater- und Filmkritikerin, u. a. für Die Zeit und die Frankfurter Rundschau. Sie publizierte zu den Themen israelischer und iranischer Film, Shoah und Kalter Krieg. Seit 1990 war sie beteiligt an der Konzeption der Arnoldsheimer Filmgespräche, 2007 Referentin an der Kunsthochschule von Portland, Oregon. Für ihr Drehbuch zu 'Water Marks' gewann sie mit Annette Ernst 2009 den Hessischen Filmpreis in der Kategorie Dokumentarfilm und war regelmäßig Jurymitglied internationaler Filmfestivals. 'Schlangentöchter' ist ihr erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 01.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783627022105
    Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
    Größe: 600 kBytes
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Schlangentöchter

KAPITEL 1

"Wir werden ihn Tonie nennen. Wie meinen Großvater. Anton Alles hat alles. Was Sie bei uns nicht kriegen, brauchen Sie nicht, stand auf der Tonne mit den Heringen, und wenn die Polen kamen und zu viert einen Heringsschwanz kauften, ist Christine immer um die Tonne rum und hat ihnen das vorgelesen. Da war sie acht und schon giftiger als du. Nu halt doch mal still. Man könnte ja meinen, es ist das erste Mal." Der Schwanz der Schlange peitschte den Arm des Wärters, als seine rechte Hand sich dem rautenförmigen, zu den Schläfen hin dunkel bebänderten Kopf des Tieres näherte und die linke sich bereitmachte, das Fangeisen aus dem Erdreich des Terrariums zu ziehen. Bevor die Schlange sich den Moment der Lockerung zunutze machen konnte, fixierten kundige Finger ihren Schädel über dem Glasrand einer Petrischale. Daumen und Mittelfinger ihres Gegners massierten sanft ihre Giftdrüsen. Reflexartig dehnte sich der Rachen. Die langen, am Unterkiefer befestigten Fangzähne blitzten im Neonlicht. Sie lenkten von den unscheinbaren Röhren der Giftzähne ab, die sich mitsamt der verkürzten, um neunzig Grad verstellbaren Oberkieferknochen aus ihrem Versteck am Gaumen des Tieres lösten und klappmesserartig zum Vorschein kamen. Noch ein Druck auf den massigen, zum Hals hin schmaler werdenden Schädel, und die Schlange verbiss sich in den Glasrand. Anerkennend musterte Hartmut Alles die dickflüssig hervorperlende Flüssigkeit. Zehn Tage hatte er das Weibchen vor dem Melken hungern lassen. Das dottergelbe Gift in ihren Drüsen hätte Beute bedeutet. Nun würde es sich in Heilung verwandeln. Bedächtig zog er den weit aufgerissenen Rachen des Tieres zurück, drückte den Kopf erneut auf den Boden des Terrariums und unter die Gabelung des Fangstocks. "Muss bald so weit sein", sagte er, während seine Hände über den vibrierenden Schlangenleib strichen und dabei entlang der schwarzbraunen, leuchtend gelb gesäumten Rauten- und Dreiecksflecke auf dem rotbraunen Schuppenkleid die Reste einer unlängst vollzogenen Häutung abschilferten. Als das Telefon in der Futterküche klingelte, zuckten Mann und Schlange zusammen, im Gleichklang einer Bewegung. "Heinz, geh ran, ich hab Fenster fünf offen. Heinz!" Seine Stimme wand sich durchs Frankfurter Exotarium, kroch in die Ecke hinter dem kleinen Futterhäuschen, stieß auf den Lehrling, der auf der Riesenschildkröte saß und ihren rissigen Panzer ölte. Aufgeschreckt faltete der Junge seinen Lappen zusammen und schwang sich über die hüfthohe Glaswand. Durch die oberen Sprossenfenster der Futterküche, die sich den Besucherströmen als gläserner Tempel entgegenstellte und auf dem Weg zu der Riesenschildkröte umgangen werden musste, konnte der Lehrling seinen Ausbilder sehen. Nicht einmal am Abend der Inventur ließ sich Hartmut Alles davon abbringen, das Gift für den Serumsbestand der Uniklinik einzustreichen.

Dem Tag der Listenfüller brachte Hartmut Alles die Verachtung eines Provinzfürsten für seine Steuereintreiber entgegen. Sollten doch die übrigen Tierpfleger des Frankfurter Zoos gemeinsam mit Ärzten und Biologen Hufen und Tatzen hinterherlaufen, die flinken Erdmännchen mit Infrarotstrahlern aus der Dezembererde herauslocken und tränende Augen auf vielfarbig vibrierende Kolibris richten, die sich flügelschlagend zu verdoppeln schienen. Mochten Lehrlinge wie der fünfzehnjährige Heinz im Erdgeschoss des Exotariums entlang der tief in die Erde hineingebauten Süß- und Salzwasserreviere an Schwärmen kleiner Fische verzweifeln, die nicht die Chuzpe hatten, sich leuchtend wie der giftige Rotfeuerfisch von Korallen und Seegras abzuheben.

Die illuminierte Tr

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