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Schlechte Gesellschaft Eine Familiengeschichte von Born, Katharina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.02.2011
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Schlechte Gesellschaft

Drei Geschichten, drei Generationen, drei Frauen: Während der 68er-Protestbewegung lernen sich der junge Dichter Peter Vahlen und die von allen bewunderte Hella von Nesselhahn kennen. Fast vierzig Jahre später ist Vahlen tot. Als der Doktorand Andreas Wieland Vahlens Nachlass sichten will, blockt Hella ab, denn in den Kartons steckt auch die dunkle Geschichte der Vahlens. Wielands Recherchen führen ihn zurück ins Kaiserreich, in die Weimarer Republik und Nazizeit und tief in die Lebenslügen, Eitelkeiten und blinden Flecke einer Familie. Die Tochter Judith aber begeistert sich für die Idee, alles ans Licht zu bringen. 'Schlechte Gesellschaft' ist eine Spurensuche in der eigenen Heimat und Geschichte, fesselnd, ironisch, voller lebendiger Figuren und realistischer Situationen. Katharina Born, 1973 in Berlin geboren, lebt in Paris und bei Dannenberg. Seit 2003 gibt sie das Werk ihres Vaters Nicolas Born (1937-1979) heraus. Sie erhielt u.a. den Literaturpreis Ruhr 2007, den Georg-K.-Glaser-Preis 2008 und den Ernst Willner-Preis 2009.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 07.02.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446236882
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1306 kBytes
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Schlechte Gesellschaft

Die Panne des Fremden (Juni 1865) (S. 16-17)

An einem der wenigen Sonnentage im regnerischen Juni von 1865 hatte in der Melsbacher Hohl unterhalb der Kirche ein junger Herr mit seinem Landauer eine Panne. Der glänzende Wagen machte noch mit gebrochener Vorderachse und schief am matschigen Fuß der Hüh stehend, großen Eindruck auf die herbeigekommenen Dorfbewohner.

Der Herr selbst trug einen samtblauen Gehrock und war von so offensichtlich städtischer Eleganz, dass keiner der jungen Männer, die auf dem angrenzenden Feld mit dem Ausbringen von Mist beschäftigt waren, es wagte, ihm zu helfen. Er hatte aussteigen müssen, um das Pferd zu beruhigen, was ihm sichtlich schwerfiel, so aufgebracht war er. Als seine glanzledernen Stiefel im Schlamm versanken, begann er laut zu fluchen.Die Mädchen kehrten gerade vom Markt in Arlich zurück und sahen schon von weitem den Wagen.

Die großen leeren Körbe im Arm, liefen sie über den matschigen Waldpfad aus der Hohl heran, um den Fremden genauer zu besehen. Die Jungen, die nun ebenfalls vom Kurtenacker herbeigerannt kamen, fingen in ihrer Aufregung an zu johlen und die Mädchen zu zwicken. Diese aber kicherten beim Anblick des jungen Herrn nur noch nervös, senkten den Blick und versuchten ihre von den Waldbeeren blaugefärbten Hände hinter den schmutzigen Röcken zu verstecken.Allein Irma stand wie angewurzelt da und beobachtete den schimpfenden Mann, seinen schnaubenden Braunen, die blitzende Kutsche und den schönen Rock. Schnapp sprang um das Mädchen herum und bellte den Wagen an. Langsam öffneten sich Irmas Lippen.

Aber sie schlossen sich sofort wieder, als der Mann sie ansah.Im Jahr 1865 war Irma Wittlich dreizehn Jahre alt. Zwar hatte sie, wie alle ihre Geschwister, die Wittlichschen Ohren, das starke Kinn und die etwas zu große Nase. Was bei den anderen aber zu dem ärmlichen, hohläugigen und dümmlichen Ausdruck geführt hatte, für den die Familie bekannt war, verschmolz in Irmas Gesicht zu einer extravaganten Schönheit, einer gebrochenen Harmonie.

Die Wittlichs hatten nie Glück gehabt. So lange man sich in Sehlscheid erinnern konnte, waren sie Trinker gewesen, rauhbeinige, brutale Bewohner der Lehmhütte auf der Hüh, die es mit ihrem kleinen, unfruchtbaren Stück Land nie weiter brachten als ihre Väter. Jeden Morgen mussten die Töchter dem Alten den Eimer ans Bett bringen, denn bevor er den Kopf ins kalte Wasser getaucht hatte, durfte niemand das Wort an ihn richten. Abends umwickelten die Großen den Kleineren mit Lappen die Füße, damit die Ratten nicht an ihnen fraßen. Sie bauten Kohl und Kartoffeln an, zogen Kaninchen und Ziegen. Aber allein mit dem Verkauf von Heidelbeeren im nahegelegenen Arlich konnte die Familie Vorräte für den langen Winter anlegen.

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