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Schlechter tanzen Roman von Beatty, Paul (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Schlechter tanzen

Gunnar Kaufman, ein etwas linkischer schwarzer Jugendlicher, zieht mit seiner Familie vom schicken und multikulturellen Santa Monica nach Hillside, einem schwarzen Vorort von Los Angeles. Schlimmer konnte es nicht kommen, denn Gunnar liest Kant, Hegel und Homer, tanzt wie ein Weißer und hat von den Ghettoregeln keine Ahnung. Wie Gunnar dennoch den Durchbruch zum Dichter, Basketballstar und schließlich Erlöser der gesamten afroamerikanischen Kultur schafft - das erzählt Paul Beatty frech, virtuos und in schnellen, wechselnden Rhythmen. 'Schlechter tanzen' ist ein abgründig komischer Entwicklungsroman und Kultbuch einer Generation. PAUL BEATTY, 1962 geboren, zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. Begonnen hat er als Lyriker, schnell avancierte er zum Star der New Yorker Slam-Poetry-Szene. Seine Romane haben in den USA Kultstatus. Für "Der Verräter" wurde Beatty mit dem National Book Critics Circle Award sowie - als erster Amerikaner - mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Paul Beatty lebt in New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 12.11.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641222475
    Verlag: btb
    Serie: btb 71665
    Originaltitel: The White Boy Shuffle
    Größe: 2829 kBytes
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Schlechter tanzen

Eins

Im Gegensatz zum erdverbundenen, volkstümlichen schwarzen Voodoo-Priester - Totem im Blaumann, Blues im Blut -, der den weißen Rassismus großmütig weg- und den Pulitzerpreis einsteckt, bin ich nicht der siebte Sohn des siebten Sohns des siebten Sohns. Ich hätte nichts dagegen, aber das Schicksal hat mich um sechs Brüder und drei Onkel betrogen. Die Häuptlinge und Stammesmütter oben auf dem Kilimandscharo haben mich übergangen, mir absolut nichts hinterlassen, die Knickstiefel. Sie haben mich grausam um das mythologische Erbe und die Zauberkraft des Afrikaners gebracht. Kein Gott hat mir die Gabe verliehen, mit einem perlenbesetzten Knüppel in der Luft rumzufuchteln, rassenpolitische Halunken anzufunkeln und per Stammesgesang zu vernichten. Vielleicht hat irgendein Familienclown den Karren in den Sand gesetzt und die Ahnen gekränkt. Die Götter verschaukelt, zu viel Hokus in den Pokus gegossen, und jetzt müssen die Söhne für die Sünden der Väter büßen.

Ich heiße Kaufman, Gunnar Kaufman. Ich bin der schwarze Orest im verfluchten Haus des Atreus. Ein wackliger Chromosomensatz hat mich gezwungen, in die Fußstapfen einer langen Reihe kuschender Coons, Onkel Toms und loyaler Ja-Massa-Faktoten zu treten. Ich bin der erste Sohn eines rückgratlosen, farbenblinden Hurensohns, des dritten Sohns eines arschkriecherischen, nestbeschmutzenden Hausnegers, der seinerseits ein siebter Sohn war - wenn auch nur aus Versehen. (Großvater Giuseppe Kaufman hatte sich im Schlaf auf seinen älteren Zwillingsbruder Johannes gewälzt und ihn erstickt, und seitdem meldete er Anwartschaft auf die hochgeschätzte Stelle des siebten Sohnes an.) Von Geburt an bekam ich zu hören, meine Vorväter hätten mit ihrem "Platz da, jetzt komm ich ", ihren surrealen Eskapaden und Melonenmätzchen wahre Heldentaten vollbracht. Ihre Bravourstücke und ihr Onkel-Tom-Getue wurden uns allabendlich eingebläut, wenn meine Mutter bei Makkaroni mit Käse Oral history lehrte. Es gibt nichts Schlimmeres als einen lauten Griot, und meine Mutter war der lauteste.

Meine Schwestern und ich wuchsen bei Mom auf; wir waren die heiß erkämpften Trophäen einer verheerenden Vormundschaftsschlacht, die das Familienporzellan als Granatsplitter im Nacken meines Vaters hinterlassen hatte. Die Scheidung bestärkte Mama, Ms. Brenda W. Kaufman, darin, ihre Kinder mit ihren Vorfahren bekannt zu machen. Als Waisenkind aus Brooklyn, das weder Eltern noch Geburtsurkunde kannte, kaschierte Mom ihre uneheliche Herkunft mit der patriarchalischen Familiengeschichte meines Vaters.

An Sommernachmittagen saßen Nicole, Christina und ich ihr zu Füßen und erforschten unsere Blutpfade, indem wir mit den Fingern die Krampfadern entlangfuhren, die ihre aschgrauen Beine überzogen. Sie legte ihre abscheulichen Stampfer auf ein Sofakissen, und wir enträtselten unsere Abstammung, während wir an ihren Füßen die steinharten Ballen und Schwielen abfeilten.

Wir fingen bei den Grundlagen an. Gefahr in Verzug, Kinder bei der Arbeit! Nicole, die kleinste, die mich auf das geflügelte Wort "Und ewig brüllen die Bälger" gebracht hatte, eröffnete auf ihre ichbezogene Art das Verhör und pulte die ganze Zeit an dem rissigen Knubbel herum, der die linke Ferse meiner Mutter bildete.

"Maw, habt ihr mich adoptiert?"

"Nein, haben wir nicht. Ich hab dir doch letzte Woche die Schwangerschaftsstreifen gezeigt. Mensch, jetzt mach mal. Reiß die Haut mit den Nägeln ab, wenn's anders nicht geht."

Dann war Christina dran, die mittlere, die ich nach Art der amerikanischen Ureinwohner "Die mit den Fingern in der Nase und dem Daumen im Mund ihren Rotz verteilt" getauft hatte. Sie zerrte am Tränenkanal und zurrte die Blutsbande fest.

"Und mich und Gunnar?"

"Auch nicht."

"Kannst du das beweisen?", fragte Christina ängstlich und atmete so schwer, dass ihr Schleimbläschen aus der Nase traten. "Welche von den Runzeln auf deinem Bauch ist

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