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Schnee Roman von Pamuk, Orhan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.02.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Schnee

Ein Fremder kommt nach Kars, eine türkische Provinzstadt, um eine merkwürdige Serie von Selbstmorden zu untersuchen: Junge Mädchen haben sich umgebracht, weil man sie zwang, das Kopftuch abzulegen. Plötzlich kommt es zu einem Putsch, inszeniert von einem Schauspieler. Ein Theatercoup? Doch es fließt echtes Blut, es intervenieren echte Soldaten, keiner kann die Stadt verlassen, weil es unaufhörlich schneit ... Ein aktueller Roman, in dessen Zentrum die Frage nach der Identität der Türkei zwischen 'Verwestlichung' und Islamismus steht. Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journalismus. Für seine Werke erhielt er u. a. 2003 den Impac-Preis, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur. Auf Deutsch erschienen zuletzt Der Koffer meines Vaters (2010), Cevdet und seine Söhne (Roman, 2011), Der naive und der sentimentalische Romancier (2012), der Katalog Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul (2012), Diese Fremdheit in mir (Roman, 2016) und Die rothaarige Frau (Roman, 2017).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 520
    Erscheinungsdatum: 01.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446252318
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Originaltitel: Kar
    Größe: 4314 kBytes
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Schnee

1 Die Stille des Schnees

DIE FAHRT NACH KARS

Die Stille des Schnees, dachte der Mann, der gleich hinter dem Busfahrer saß. Er hätte zu dem, was er in seinem Inneren empfand, "die Stille des Schnees" gesagt, wenn dies der Beginn eines Gedichtes wäre.

Er hatte den Bus, der ihn von Erzurum nach Kars bringen sollte, im letzten Augenblick erwischt. Nach einer zweitägigen Fahrt von Istanbul durch Schnee und Sturm hatte er den Busbahnhof von Erzurum erreicht, als er mit seiner Tasche in der Hand auf den schmutzigen und kalten Korridoren versuchte herauszufinden, wo es einen Bus gab, der ihn nach Kars brachte, hatte jemand ihm gesagt, daß gleich einer losfahre.

Der Fahrtbegleiter des alten Magirus-Busses hatte zu ihm gesagt: "Wir haben es eilig", um die Ladeklappe nicht wieder öffnen zu müssen, die er gerade geschlossen hatte. Deswegen hatte er seine große, rotbraune Bally-Reisetasche, die jetzt zwischen seinen Knien stand, an sich genommen. Der Reisende, der da am Fenster saß, trug einen dicken aschgrauen Mantel, den er fünf Jahre zuvor im Frankfurter Kaufhof erworben hatte. Wir wollen vorausschicken, daß dieser schöne flauschige Mantel in den Tagen, die er in Kars verbringen würde, für ihn eine Quelle von Scham und Unbehagen, aber auch von Sicherheit sein sollte.

Gleich nachdem der Bus losgefahren war, machte der Reisende am Fenster seine Augen weit auf, in der Hoffnung, vielleicht etwas Neues zu sehen, und betrachtete die winzigen armseligen Krämerläden, die Bäckereien, die verfallenen Teehäuser in den Vierteln an Erzurums Stadtrand. Schon begann der Schnee zu fallen. Er war dichter und großflockiger als der Schnee, der auf dem Weg von Istanbul nach Erzurum gefallen war. Wäre der Reisende am Fenster nicht so müde von der Fahrt gewesen und hätte er etwas mehr auf die wie Flaumfedern vom Himmel fallenden Flocken geachtet, dann hätte er womöglich den starken Schneesturm, der da aufzog, gespürt und gefühlt, daß er sich auf eine Reise machte, die wohl sein ganzes Leben verändern würde, und wäre umgekehrt.

Aber umzukehren fiel ihm gar nicht ein. Während die Nacht hereinbrach, hatte er die Augen auf den Himmel gerichtet, der heller schien als die Erde, und betrachtete die immer dichter fallenden Schneeflocken, die der Wind vor sich hertrieb, nicht als Vorboten einer Katastrophe, sondern wie Zeichen einer endlich wiedererschienenen Freude und Reinheit aus seiner Kindheit. Der Reisende am Fenster war nach Istanbul, der Stadt, in der er seine Kindheit und die glücklichsten Jahre erlebt hatte, eine Woche zuvor zum erstenmal seit zwölf Jahren auf den Tod seiner Mutter hin zurückgekehrt, hatte sich dort vier Tage aufgehalten und war dann zu dieser gar nicht eingeplanten Reise nach Kars aufgebrochen. Er fühlte, daß der so wunderschön fallende Schnee ihn glücklicher machte als selbst Istanbul, das er nach so vielen Jahren wiedergesehen hatte. Er war ein Dichter und hatte vor Jahren in einem dem türkischen Leser kaum bekannt gewordenen Gedicht geschrieben, daß der Schnee einmal im Leben auch in unseren Träumen falle.

Während der Schnee lange und ruhig fiel, wie er das auch in Träumen tut, erlebte der Reisende am Fenster eine Läuterung; ihn erfüllte ein Gefühl der Reinheit und Unschuld, nach dem er seit Jahren leidenschaftlich gesucht hatte. Dabei glaubte er aufrichtig, daß er sich in dieser Welt zu Hause fühlen könnte. Etwas später tat er etwas, was er schon lange nicht mehr getan und gar nicht vorgehabt hatte: er schlief auf seinem Sitzplatz ein.

Wir wollen ausnützen, daß er schläft, und ihn leise ein wenig vorstellen. Er hatte zwölf Jahre lang im Exil in Deutschland gelebt, sich aber nie sehr mit Politik befaßt. Seine wirkliche Leidenschaft, all sein Denken galt der Dichtung. Er war zweiundvierzig Jahre alt und ledig (er hatte nie geheiratet). Man konnte das auf dem Sitz, auf dem er sich zusammengerollt hatte, zwar nicht erkennen, aber er war für einen Türken ziem

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