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Schnitt Minutenromane. von Waffender, Corinna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2015
  • Verlag: Querverlag
eBook (ePUB)
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Schnitt

Sechzehn Prosastücke, darunter die vom Autorinnenforum Rheinsberg ausgezeichnete Kurzprosa 'Ohne Ende leben', schneidet Corinna Waffender auf virtuose Weise zu einem beeindruckenden Ganzen zusammen. Es sind Momentaufnahmen, Szenen, Einstellungen, die die Protagonistinnen und Protagonisten auf eine eigene, besondere Weise beleuchten und ihre Gefühle und Charaktere umso deutlicher hervortreten lassen. So schildert 'Hinter Glas' die Beziehung zweier Frauen und die jähe Tragik, die der Satz 'Fass mich nicht an!' bekommen kann. In 'Stille Post' läuft ein eigenartiger Film zwischen Tina und Jo ab. 'Bis dass' erzählt von Manni und dessen ungewöhnlichem Hobby, Todesanzeigen zu archivieren. Und 'Ohne Ende leben' ist eine melancholisch-poetische Schilderung einer Zukunft, in der Unsterblichkeit zum Fluch geworden ist. Wie schon im Romandebüt Zwischen den Zeilen beweist Corinna Waffender auch in Schnitt ihr poetisches Können, die Fähigkeit, die Welt in ihrer ganzen literarischen und sprachlichen Intensität hervortreten zu lassen. Sechzehn Prosastücke, darunter die vom Autorinnenforum Rheinsberg ausgezeichnete Kurzprosa 'Ohne Ende leben', schneidet Corinna Waffender auf virtuose Weise zu einem beeindruckenden Ganzen zusammen. Es sind Momentaufnahmen, Szenen, Einstellungen, die die Protagonistinnen und Protagonisten auf eine eigene, besondere Weise beleuchten und ihre Gefühle und Charaktere umso deutlicher hervortreten lassen. So schildert 'Hinter Glas' die Beziehung zweier Frauen und die jähe Tragik, die der Satz 'Fass mich nicht an!' bekommen kann. In 'Stille Post' läuft ein eigenartiger Film zwischen Tina und Jo ab. 'Bis dass' erzählt von Manni und dessen ungewöhnlichem Hobby, Todesanzeigen zu archivieren. Und 'Ohne Ende leben' ist eine melancholisch-poetische Schilderung einer Zukunft, in der Unsterblichkeit zum Fluch geworden ist. Wie schon im Romandebüt Zwischen den Zeilen beweist Corinna Waffender auch in Schnitt ihr poetisches Können, die Fähigkeit, die Welt in ihrer ganzen literarischen und sprachlichen Intensität hervortreten zu lassen.

Corinna Waffender, 1964 in Mainz geboren, lebt in Berlin. Mehrfach literarisch ausgezeichnet, Herausgeberin verschiedener Anthologien und Initiatorin von Literaturprojekten (www.textwaren.de). Im Querverlag sind von ihr folgende Romane erschienen: Zwischen den Zeilen (2002), Schnitt (2005), Flüchtig bleiben (2007), Laut gedacht (2008) sowie die beiden Kriminal romane Tod durch Erinnern (2009) und Töten ist ein Kinderspiel (2010) in der Reihe quer criminal.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 11.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896565952
    Verlag: Querverlag
    Größe: 552kBytes
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Schnitt

Scherenschnitt

Leipzig, September 1989

Es ist kalt. Gut so. Ines nimmt den weißen Schal aus dem Schrank. Seit sie die Bilder von der letzten Demo im Fernsehen gesehen hat, ist sie entschlossen, Farbe ins Spiel zu brin gen. Als ob alle Bürger nur blaue Jacken besäßen... Ein Blick in den Spiegel: Wenn noch einmal ein Reporter der BBC auf sie zukommt, wird sie vorbereitet sein. Liberty , wird sie antworten. Oder freedom . Ganz klar ist ihr der Unterschied noch nicht. Auf Deutsch könnte sie sagen, was sie meint: Die Schere im Kopf muss raus. What do you want? Sie lacht verlegen in das Mikrofon, und der Engländer verschwindet wieder in der Menge. Eine Woche später ist der Bahnhof brechend voll, man kommt kaum raus auf die Straße. In die Kirche geht sie nicht. Was soll sie da? Plötzlich an Gott glauben? Freiheit ist eine einsame Sache, da helfen auch Gebete nicht. Angst hat sie keine, im Gegenteil. Die Mon tage haben sie in Bewegung gebracht. Sechs Tage warten auf den Zug, der sie von Grimma hierher bringt. Eine halbe Stunde davon träumen, wie es wäre, einfach sitzen zu bleiben, weiterzufahren. Nach Wien, zum Beispiel.

"Was willst du denn in Wien? Da ist es auch nicht anders als in Budapest."

Alex versteht nichts. Von der Grenze schickt er graue Postkarten ohne Himmel und Ver sprechen.

"Würdest du wirklich auf einen schießen, der rüber will?" fragt Ines ihn an einem dieser Sams tage, in denen sie beinahe glaubt, es könnte wieder in Ordnung kommen zwischen ihnen.

"Es will doch gar keiner rüber", antwortet er grinsend.

Doch, denkt sie, ich.

Sie reden immer weniger, die Kluft zwischen ihnen wird größer. Er bringt ihr polnische Unterwäsche mit: Slips, Büstenhalter, Strapse. Schwarze, harte Stoffe, die ihr ins Fleisch schneiden, ihre Haut genauso reizen wie ihn. Sie zieht das Zeug an, damit er es ihr vom Leib reißen kann. Dabei sieht sie aus dem Fenster, in das gelbe Licht der Straßenlaterne, das die Nacht lächerlich sonnig erscheinen lässt.

"Du kannst zu den Kirchentreffen nicht mehr hingehen. Ich krieg Ärger."

Sie stehen am Bahnhof, und zum ersten Mal hofft sie, er würde sie zum Abschied nicht umarmen.

"Ich gehe, wohin ich will", hört sie sich sagen, das heißt, sie hört das Lied im Kopf, das ohne Melodie aus ihrem Mund fällt.

"Dann gehst du in Zukunft allein", sagt er.

"Ich weiß", antwortet sie, bevor sie mit schnellen Schritten zum Ausgang läuft.

Sevilla, November 1989

Sie liest es an der Bar eines Vier-Sterne-Hotels, in der aufgeschlagenen Zeitung eines deut schen Touristen: Grenze offen! Berliner fallen sich in die Arme! Zuerst hält sie es für einen Witz. Am Abend sieht sie die Bilder in den Nachrichten: wie sie auf der Mauer sitzen, wie die Trabis in den Westen rollen, die Freudentänze am Brandenburger Tor. Ihre Schüler wollen wissen, wie das mit der Grenze war. Sie malt ein Haus an die Tafel und zieht einen Längsstrich. Sie glauben ihr nicht. Sie kann es nicht beweisen. Die Bilder davon existieren nur in ihrem Kopf. Einmal war sie in Eisenach. Konfirmandenfahrt nach Wittenberge. Kaltschale zum Mittagessen, keine Cola und nur Ziga retten ohne Filter. Später neben dem großen Bruder im VW-Bus bei Helm stedt über die Grenze nach Berlin. Aussteigen, ausladen, auspacken, einpacken, einladen, weiterfah ren.

"Die können nichts dafür, Schwesterchen", belehrt er sie, als sie ungeduldig wird. "Die müssen das machen. Schuld sind die Amerikaner mit ihrer Scheißpropaganda."

Die Transitstrecke ohne Anhalten bis zur Raststätte. Sie zwän gen sich an einen der überfüllten Tische und bestellen eine doppelte Portion Buletten, weil sie halb so teuer sind wie im Westen. Auf dem Rückweg allein im Zug riecht es wie in der alten Turnhalle ihrer Schule. Ein Student bietet ihr Rosinen an und findet ihre abstehenden Ohren süß. Sie ist froh, als s

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