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Schockraum Roman von Schlegl, Tobias (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.08.2020
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Schockraum

Irgendetwas stimmt nicht im Leben von Notfallsanitäter Kim. Er fühlt sich wie betäubt, ist ängstlich und macht Fehler, die seine Patienten gefährden. Auch seine Beziehung zu Marie geht in die Brüche. Was Kim nicht wahrhaben will: Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung - ausgelöst von einem Einsatz, den er verdrängt hat. Auf einem Roadtrip mit seinem besten Freund Benny lernt er Luzi kennen. Sie bietet ihm einen unverhofften Ausweg. Doch Kim hat nur eine Chance, wenn er sich seinen Ängsten stellt ... Mitreißend und temporeich zeichnet Tobias Schlegl ein alarmierendes Bild von den schwierigen Arbeitsbedingungen in unserem Gesundheitssystem und teilt zugleich seine große Leidenschaft für seinen überlebenswichtigen Beruf.

Tobias Schlegl, Jahrgang 1977, moderierte lange beim Musiksender Viva, später die Satiresendung Extra 3 und das Kulturmagazin aspekte. Im Sommer 2016 gab er den Großteil seiner Fernsehjobs auf, um etwas gesellschaftlich Relevantes zu machen: Er absolvierte eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter. Mittlerweile ist er als Sanitäter und Moderator tätig. Tobias Schlegl lebt in Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 31.08.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492997249
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 2637 kBytes
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Schockraum

WARUM?

Ich am Steuer. Versuche, mich auf die Straße zu konzentrieren. Mein Herz pocht. Laut. Lauter als das Martinshorn. Jeder Schlag durchfährt meine Brust, meine Arme bis in die Fingerspitzen, die schweißig am Lenkrad kleben. Ich zwinge mich, ruhig zu atmen. Schwierig. Unmöglich.

Ich bin im Tunnel. Mein Sichtfeld ist verengt auf den Ausschnitt genau vor mir. Rechts und links ist es dunkel. Ich biege in eine dreispurige Straße ein, der Wagen legt sich in die Kurve. Keiner im Weg hier.

Ich bemühe mich, an nichts zu denken, zu fokussieren. Es ist hoffnungslos. Ich höre den Beat meines Herzens und ein einziges Wort, eine Frage, im Rhythmus des Beats. Ein kleiner H. P. Baxxter brüllt sie wieder und wieder in sein Mikro. Der Boxenturm steht mitten in meinem Kopf. Ich mag die Band Scooter nicht. Sie verkörpert alles, was den Menschen so hässlich macht. Stumpfe Plastikscheiße. Schnapskoma und Grölen. Und montags wieder schön einreihen in die lebenslange Arbeitsschlange bis zum Tod. Aber solange am Wochenende mal ordentlich die Sau rausgelassen wird, lässt sich das Dasein ertragen. Irgendwie. Muss ja.

Es gelingt mir ganz und gar nicht, an nichts zu denken. Der Song läuft in Dauerschleife. Der kleine H. P. Baxxter fängt wieder an zu schreien: WARUM? Immer dieses eine Wort, diese eine Frage. WARUM? WARUM? WARUM???

Ja, warum eigentlich? Das frage ich mich in solchen Momenten oft. Warum zur Hölle tu ich mir das an? Warum dränge ich gerade mit siebzig Sachen die Autos in der Innenstadt zur Seite, nur Zentimeter zwischen Crash und der Weiterfahrt? Warum rieche ich schon wieder meinen eigenen sauren Schweiß? Das ist doch nicht normal, was ich hier mache.

Ich sehe Menschen, die sich die Ohren zuhalten, die hoffen, dass ich schnell wieder aus ihrem Leben verschwinde. Ich nerve, ich irritiere. Ich reiße sie für einen kurzen Moment aus ihrem Alltag. Jederzeit kann alles vorbei sein. Ich erinnere sie daran, dass sie sterben werden. Sie alle. Und dann ist all das, was sie sich mühsam erarbeitet haben, auf einen Schlag bedeutungslos. Ich sehe nur Tote. Ich bin der kleine Junge aus The Sixth Sense. Aber über mich wird man nie einen Film drehen. Und wenn, dann würde niemals Bruce Willis mitspielen. Vielleicht Ralf Bauer, aber nicht fucking Bruce Willis.

Blick nach rechts zum Beifahrersitz. Da sitzt Dennis. Kann ich mich auf ihn verlassen? Schläfrig sitzt er da. Wieso ist Dennis so tiefenentspannt und ich nicht? Ihm ist einfach alles egal. Sogar er selbst, so wie er aussieht. Wird immer fetter und zynischer. Immer diese fiesen Sprüche. Das macht mich wütend. Aber es darf heute nicht eskalieren. Bitte nicht. Ich fühle mich nicht gut. Möchte nur ins Bett. Oder zu Hause den Kühlschrank öffnen und überlegen, was ich mir koche. In aller Ruhe.

WARUM? Warum sitze ich hier? Welche Wendung hat mein Leben genommen, dass ich mir das antun muss?

VU. Verkehrsunfall. So viel weiß ich. Steht auf der Einsatzdepesche. Über Funk hieß es: eine schwer verletzte Person. Die Laienreanimation sei bereits auf der Straße eingeleitet worden. Das war der Moment, der den Sound meines Herzschlags auf »MAX« gedreht hat. In diesem Moment dachte ich fest daran, an nichts zu denken. Eine Sekunde später bekam der kleine H. P. Baxxter seinen Einsatz.

 

Ich lenke den Rettungswagen durch die wartenden Autos.

»Siehst du was?«, fragt Dennis.

Ich recke den Hals. »Jepp. Wir haben es gleich geschafft. Da stehen Leute. Und da liegt einer. Und einer drückt.« Drei Autofahrer sind ausgestiegen, haben sich näher gewagt und gaffen. Mein Blick fällt auf den verformten Wagen, der zusammen mit dem Baum eine seltsame Einheit bildet. Eine hässliche Skulptur, Thema: »Verschmelzung von Natur und Technik«.

Ich halte den RTW an, schaue rüber zu dem Verletzten.

»Sch

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