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Schwarze Mutter von Ambjørnsen, Ingvar (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.04.2014
  • Verlag: hey! publishing
eBook (ePUB)
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Schwarze Mutter

"Diese Novellen gehören zu dem Besten, das Ingvar Ambjørnsen je geschrieben hat. Sie sind ganz einfach makellos. Wir haben es hier mit einem der wenigen Autoren zu tun, die immer neue Überraschungen bieten." Kjell Olaf Jensen, Osloer Arbeiderbladet. Ich wartete. Worauf, weiß ich nicht, Vielleicht darauf, dass meine Seele, die ich irgendwo vergessen zu haben glaubte, zurückkäme, mich wieder erreichte. Ich kam mir vor wie halb. Hier saß ich still und abwartend, aber es war wie in einem Traum, es fiel mir schwer, mein Bild ernst zu nehmen. Stille. Ich hatte vergessen, was Stille bedeutet. Ein aufgeladener Zustand, der jederzeit zerreißen kann, zerfetzt werden von einem springenden Fisch, einer verwirrten Fliege. Die Stille als Zustand der Erwartung. In elf Kurzgeschichten und Erzählungen schildert der sanfte Rebell und Grandseigneur der norwegischen Gegenwartsliteratur die Wahrnehmung des Einzelnen im Kampf mit dem Ich, dem Wir und dem ganzen wundersamen Rest der Welt. "Diese Sammlung beweist, dass Ambjørnsen eine Stimme hat, auf die wir hören und mit der wir sprechen sollten. Wir werden dazu gezwungen, uns der Melancholie der Einsamkeit, Gewalt, Angst, Leere, Distanz, Leiden, Tod zu stellen. Das macht uns nicht unbedingt glücklich. Aber es macht uns klüger." Steinar Sivertsen, Stavanger Aftenblad. Der Erzählband "Schwarze Mutter" von Ingvar Ambjørnsen, übersetzt ins Deutsche von Gabriele Haefs, nun auch als eBook!

Ingvar Ambjørnsen wurde 1956 in Norwegen geboren. Nach einer kurzen Schulkarriere begannen lange, unruhige Jahre in den Randgruppen der Gesellschaft, seiner informellen Ausbildung zum Schriftsteller. Inzwischen gilt er nicht nur in Norwegen als erfolgreicher Autor. Seit 1985 lebt er in Hamburg und erhielt u. a. nach dem Hamburger Literaturstipendium 1986 das Literaturstipendium 1988 der Stadt Lübeck mit Stadtschreiberwohnung im Buddenbrook-Haus, darüber hinaus wurden seine "Elling"-Romane verfilmt. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Die Nacht träumt vom Tag" im Hamburger Nautilus Verlag. (C) Autorenfoto: Christine Poppe

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 92
    Erscheinungsdatum: 30.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956070815
    Verlag: hey! publishing
    Originaltitel: Sorte mor
    Größe: 857 kBytes
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Schwarze Mutter

Die Schädel

Vor vielen Jahren an einem heißen Sommertag hätte er um ein Haar ihren Kopf gegen das Armaturenbrett gestoßen. Sie steckten bei Toulouse in einem Stau, es war schrecklich heiß, sie hatten alle Fenster heruntergekurbelt, sie hatte die eine Hand am Lenkrad, in der anderen hatte sie eine Zigarette. Sie war gereizt, ungeduldig, er selber fand, sie hätten Zeit genug; und außerdem würde ihr Adrenalin sie auch nicht schneller ins Hotel bringen können. Um sie wortlos zu beruhigen - er ahnte schon, dass in diesem Moment jedes Wort gefährlich sein könnte - legte er ihr den linken Arm um die Schulter und ließ seine Finger ihren Nacken hoch wandern, bis ihr Hinterkopf wie ein großer warmer Stein in seiner Hand ruhte. Sie lächelte. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sie kannte. Aber er hatte sich selber nicht gekannt. Die Vorstellung, ihren Kopf mit aller Kraft gegen das Armaturenbrett zu stoßen, überkam ihn vollständig unerwartet, kurz sah er das Blut vor sich, ihren ungläubigen Blick, hörte den Schrei. Er zog seine Hand zurück, er hatte die dünne Membran zwischen allem und nichts gesehen, dieses Erlebnis hatte etwas mit ihm gemacht, er wusste nicht, was.

Er lag auf dem Bett und rauchte, die Badezimmertür war angelehnt, er konnte sehen, wie sie vor dem Spiegel stand und sich die Lippen nachzog. Ein unschönes blasses Rosa, das ihn immer an die sechziger Jahre erinnerte, an Blondinen mit hochtoupierten Haaren, an kragenlose Kostüme in Pepitamuster.

"Bist du so weit?" Sie steckte den Lippenstift in ihre Handtasche, blieb stehen und schmatzte ihrem Spiegelbild zu.

Ja, er war so weit. Der Frühstückssaal war fast leer, es war zehn vor zehn, sie waren die letzten. Ein einsames Spiegelei schwamm im Fett auf einem weißen Teller, der Saft war lauwarm, der Kaffee ungenießbar. Er trank ihn trotzdem und sah angeekelt zu, wie sie mit dem Messer das Eigelb zerteilte, wie der Dotter im Fett zerrann, wie sie alles mit einem Stück Weißbrot auffing, es zwischen ihre rosa Lippen führte, ihm schauderte, als ihre Zunge im rechten Mundwinkel einen Krümel erwischte.

"Du musst doch versuchen, wenigstens irgendetwas zu essen", sagte sie mit vollem Mund. Jetzt bekam der Speck Messer und Gabel zu spüren. Schlaffer, fetter Speck, nicht salzig genug.

"Fang jetzt bloß nicht wieder damit an." Er zündete sich eine Zigarette an, die dritte. "Ich esse, wenn mein Magen das will. Im Moment rät er mir energisch davon ab."

"Sie legte den Kopf schräg. "Ich verstehe mich heute auch nicht so gut mit meinem Magen. Aber wenn ich gar nichts esse ... Himmel, was haben die uns gestern bloß in die Getränke gemischt?"

"Mir Whisky und Eis. Ich glaube, deine waren ein bisschen komplizierter zusammengesetzt."

Der Vorabend erschien jetzt fast unwirklich. Sie hatten fast eine Woche gebraucht, um Schottland zu durchfahren, sie hatten von Thurso aus die Fähre nach Orkney genommen und waren am frühen Nachmittag in Kirkwall angekommen. Sie hatte in einem kleinen Fischrestaurant Kabeljau und Scallops gegessen und dann den Abend in der Hotelbar verbracht. Sie hatten ihr Reiseziel erreicht, die grünen Inseln im Norden, den Tummelplatz von Pikten und norwegischen Herzögen, sie waren erschöpft.

Und dann stellte sich heraus, dass die Inselbevölkerung, oder vielleicht eher ein phantasieloser Hoteldirektor, auf die Idee verfallen war, am Tag ihres Eintreffens in der Hotelbar einen "Bermudaabend" zu arrangieren. Kirkwalls Jugend brach scharenweise über sie herein, in Hawaiihemden und Bermudashorts, sie kamen durch peitschenden Regen und Wind in eine Bar

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