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Schweig wenn du sprichst Roman von Verschueren, Roel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2011
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
15,99 €
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Schweig wenn du sprichst

Victor hat es aus Belgien nach Wien verschlagen, wo er sich mit seiner Freundin auf die Geburt ihrer gemeinsamen Tochter freut. Ein Besuch bei seiner Mutter in Gent stößt ihn auf einen rätselhaften Brief seines verstorbenen Vaters aus dem Jahr 1942. Die Fragen, die diese Zeilen aufwerfen, lassen Victor keine Ruhe mehr: Warum fuhr sein Vater als Belgier 1942 nach Österreich? Was hatte er mit der Waffen-SS zu tun? Und warum schweigt sich eigentlich jeder in seiner Familie darüber aus? Die Suche nach der Wahrheit wird für Victor zur Suche nach seiner eigenen Identität.Am schmerzhaftesten empfindet Victor das Schweigen seiner Mutter. Die alte Dame ist dickköpfig und sie wird es umso mehr, je eindringlicher Victor sich um Antworten bemüht. Erst die Hilfe eines Freundes seines Vaters bringt Victor schließlich der Lösung näher - doch die Wahrheit sieht anders aus, als er es je geahnt hätte.Roel Verschueren deckt in seinem Debütroman die unterdrückten Geheimnisse einer ganzen Familie auf. Konsequent konfrontiert er mehrere Generationen mit ihrer Verdrängung der flämischen Kollaboration im Zweiten Weltkrieg. Dabei geht es ihm nicht um eine späte Verurteilung. Aber er zwingt seine Figuren, in den Spiegel zu schauen. Was sie dort sehen, ist nicht schön, aber es ist ein Stück Freiheit.

Roel Verschueren, geboren 1954 in Gent, ist Autor, freier Journalist und Übersetzer. Er schreibt regelmäßig Beiträge unter anderem für die belgischen Zeitungen 'De Standaard' und 'De Tijd Online'. Sein erster Roman 'Zwijg als je praat' ('Schweig wenn du sprichst') erschien 2008 auf Niederländisch. 2010 erschienen 'Stof', eine Kolumnen- und Kurzgeschichtensammlung, und 'Morgen is van mij' ('Die Zukunft gehört mir'), eine Antwort auf sexuellen Missbrauch in der Kirche. Der Autor lebt und arbeitet in Wien. Im Picus Verlag erschien sein Roman 'Schweig wenn du sprichst' auf Deutsch.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 230
    Erscheinungsdatum: 01.07.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711750112
    Verlag: Picus
    Originaltitel: Zwijg als je praat
    Größe: 393kBytes
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Schweig wenn du sprichst

5 (S. 30-31)

Am nächsten Morgen betrat Victor durch das Gatter den Bauernhof seiner Tante. Er hatte das Gespräch mit seiner Mutter nicht aus dem Kopf bekommen. Sie hatten sich voneinander verabschiedet, ohne noch viel zu sagen. Er beobachtete Maaike, die mit einem Eimer in der Hand den Innenhof überquerte. Als sie ihn sah, stellte sie den Eimer ab und hielt sich einen Arm über die Augen, damit sie besser sehen konnte. Sie streckte ihre Hände vor sich aus und rief: "Na, na, Söhnchen. Du hier. Na, na, mein Söhnchen!", und kam flinker, als Victor erwartet hätte, auf ihn zu. Sie ging völlig krumm, fast neunzig Grad in den Hüften gebogen, aber mit aufrechtem Kopf auf dem verwachsenen Rücken. Victor sah eine alte, spindeldürre Frau, mit einem Gesicht wie ein verschrumpelter Lederlappen, mit schneeweißen, nach hinten gekämmten und im Nacken zusammengebundenen Haaren.

Er musste sich bücken, um sie küssen zu können. Er hatte sie zuletzt bei der Beerdigung ihres Mannes Herbert gesehen. Er wusste nicht mehr, wie lange das her war. Maaike ergriff seine Hände und küsste ihn ausgiebig. Dann schob sie ihn einen Schritt zurück – "Lass dich einmal genau anschauen!" – und führte ihn durch den niedrigen Stall, wo alles noch genauso roch, wie Victor es in Erinnerung hatte. Allerdings standen dort nur noch zwei Kühe. "Ich schaffe so viel Arbeit nicht mehr", sagte sie, "und nur einer meiner Söhne hilft mir ab und zu." Das Land hatte sie an einen anderen Bauern verpachtet, und abgesehen von ihren Kühen konnte sie nicht viel mehr als ein paar Hühner und ein Schwein unterhalten. Victor nahm sie am Arm. Er sah, dass die Farbe an den Wänden abgeblättert war, die Böden waren matt. Hier und da fehlten Lampen in den Halterungen, [36]und ein paar Türen waren aus den Angeln gebrochen.

Der Kaffee, den Maaike gekocht hatte, war schwärzer als schwarz und er schmeckte nach Zichorie. Seine Tante ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf einen alten, verschlissenen Stuhl fallen und sah ihn schweigend an. Victor bemerkte ihre leicht wässerigen Augen und beobachtete, wie sie mit einem kleinen weißen Taschentuch regelmäßig Tropfen unter ihrer Nase und um die Augen herum wegwischte. Dann musste er zehn Minuten lang eine Frage nach der anderen beantworten. "Wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen", wiederholte Maaike nun schon zum dritten Mal.

Sie hielt Victors Hände fest. "Wann war Herberts Beerdigung? Vor zwölf, dreizehn Jahren?" "Es wird bald fünfzehn Jahre her sein, Junge. Die Zeit vergeht rascher als man denkt." "Hast du ein bisschen Zeit, Tante?" "Junge, für dich habe ich alle Zeit der Welt. Zeit und Rheuma sind das einzige, was ich noch zu vergeben habe." "Ist die Geschichte über Tante Filomeen und Onkel Max wahr?" "Ich weiß nicht, welche Geschichte sie dir erzählt haben." "Ist er wirklich durch das Scheunendach gefallen?" Victor sah, dass die Geschichte Maaike Spaß machte. Sie nahm ein vergilbtes Foto vom Schrank, auf dem ihre Schwester und deren Mann strahlend in die Kamera schauten. Während sie das Foto mit dem Daumen streichelte, sagte sie: "Er sollte im Jahr '44 über Antwerpen abspringen, um den Hafen zu befreien.

Die Maschine war spät am Abend in England losgeflogen, und Max hat uns immer erzählt, dass die Piloten was getrunken hatten, bevor sie abflogen. Bei grünem Licht über der offenen Tür sprangen alle zweiundzwanzig Kameraden rechtzeitig raus. Nur Max nicht. Der hatte seine kleine Taschenlampe verloren und zu lange nach ihr gesucht.

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