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Schweigeminute Novelle von Lenz, Siegfried (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.03.2009
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Schweigeminute

'Wir haben Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes.' Marcel Reich-Ranicki Ein warmer Sommer an der Ostsee vor vielen Jahren. Benny Goodmann und Ray Charles sind noch en vogue, in den Gassen spielt der Drehorgelmann, man bezahlt in 'Mark', und wenn die Englischlehrerin vor die Oberprima tritt, stehen alle auf: 'Good morning, Mrs. Petersen.' Wie es zu der Liebe zwischen Stella und Christian kam, wie die Leidenschaft sich an der Realität messen muss und wie dann mit einem Mal alles zu Ende ist - und doch auch nicht. Wie die Liebe gerade durch den Tod unsterblich wird: das erzählt Siegfried Lenz mit meisterhafter Einfühlungskraft, mit Distanz und Humor. Im Thema des Vergänglichen, der Zeitverfallenheit irdischer Liebe, der Unmöglichkeit vollendeten Glücks, schwingt die Melancholie eines Theodor Storm. In der Lakonie des Erzählens spürt man die existenzielle Härte eines Ernest Hemingway. Und doch spricht hier die Sympathie und Integrität des Erzählers Siegfried Lenz, der im knappen Raum der Novelle eine Menschheitsfrage entfaltet, die immerzu gültig ist. 'Späte Sommerbilder, in einer Sprache wie aus Bernstein gegossen.' Andrea Seibel, Die Welt Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, gestorben am 2014 in Hamburg, zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen Schriftstellern der Nachkriegsliteratur. Seit 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. Mit den masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken hatte er seinen ersten großen Erfolg, der sich 1968 mit der Deutschstunde zum Welterfolg ausweitete. Mit seiner Novelle Schweigeminute gelang ihm 2008 im hohen Alter abermals ein fulminanter Presse- und Publikumserfolg. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 05.03.2009
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455042900
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 156 kBytes
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Schweigeminute

"Wir setzen uns mit Tränen nieder", sang unser Schülerchor zu Beginn der Gedenkstunde, dann ging Herr Block, unser Direktor, zum bekränzten Podium. Er ging langsam, warf kaum einen Blick in die vollbesetzte Aula; vor Stellas Photo, das auf einem hölzernen Gestell vor dem Podium stand, verhielt er, straffte sich, oder schien sich zu straffen, und verbeugte sich tief.

Wie lange er in dieser Stellung verharrte, vor deinem Photo, Stella, über das ein geripptes schwarzes Band schräg hinlief, ein Trauerband, ein Gedenkband; während er sich verbeugte, suchte ich dein Gesicht, auf dem das gleiche nachsichtige Lächeln lag, das wir, die ältesten Schüler, aus deiner Englischstunde kannten. Dein kurzes schwarzes Haar, das ich gestreichelt, deine hellen Augen, die ich geküßt habe auf dem Strand der Vogelinsel: Ich mußte daran denken, und ich dachte daran, wie du mich ermuntert hast, dein Alter zu erraten. Herr Block sprach zu deinem Photo hinab, er nannte dich liebe, verehrte Stella Petersen, er erwähnte, daß du fünf Jahre zum Lehrerkollegium des Lessing-Gymnasiums gehörtest, von den Kollegen geschätzt, bei den Schülern beliebt. Herr Block vergaß auch nicht, deine verdienstvolle Tätigkeit in der Schulbuchkommission zu erwähnen, und schließlich fiel ihm ein, daß du ein allzeit fröhlicher Mensch gewesen warst: "Wer ihre Schulausflüge mitmachte, schwärmte noch lange von ihren Einfällen, von der Stimmung, die alle Schüler beherrschte, dies Gemeinschaftsgefühl, Lessingianer zu sein; das hat sie gestiftet, dies Gemeinschaftsgefühl."

Ein Zischlaut, ein Warnlaut von der Fensterfront, von dort her, wo unsere Kleinen standen, die Quartaner, die nicht aufhörten, sich darüber auszutauschen, was sie interessierte. Sie bedrängten, sie schubsten sich, sie hatten einander etwas zu zeigen; der Klassenlehrer war bemüht, Ruhe zu stiften. Wie gut du aussahst auf dem Photo, den grünen Pullover kannte ich, kannte auch das seidene Halstuch mit den Ankern, das trugst du auch damals, am Strand der Vogelinsel, an die es uns antrieb im Gewitter.

Nach unserem Direktor sollte auch ein Schüler sprechen, sie forderten zuerst mich auf, wohl deswegen, weil ich Klassensprecher war, ich verzichtete, ich wußte, daß ich es nicht würde tun können nach allem, was geschehen war. Da ich ablehnte, sollte Georg Bisanz sprechen, er bat sogar darum, ein paar Worte sagen zu dürfen für Frau Petersen, Georg war schon immer der Lieblingsschüler, seine Referate bekamen höchstes Lob. Was hättest du gedacht, Stella, wenn du seinen Bericht von der Klassenreise gehört hättest, von diesem Ausflug auf eine nordfriesische Insel, wo uns ein alter Leuchtturmwärter mit seiner Arbeit bekannt machte und wo wir im Watt Butt peddeten, jauchzend, mit schlammbedeckten Beinen, auch deine schlammbedeckten Beine erwähnte er und deinen hochgezogenen Rock und daß du die meisten Flachfische mit den Füßen ertastet hast. Den Abend im Fährhaus überging er ebenfalls nicht. Als er die gebratenen Flundern rühmte, sprach er für uns alle, und ich stimmte ihm auch bei, als er den Abend mit Shanty-Musik begeistert in Erinnerung rief.

Wir sangen mit damals, wir kannten ja My Bonnie und Wir lagen vor Madagaskar und all die anderen Shanties. Ich trank zwei Gläser Bier, und zu meinem Erstaunen trank auch Stella Bier. Manchmal glaubte ich, du seist eine von uns, eine Mitschülerin, du freutest dich, worüber wir uns freuten, du hattest deinen Spaß daran, als einer von uns den ausgestopften Seevögeln, die überall herumstanden, Mützen aufsetzte, Papiermützen, die er geschickt faltete. "Uns alle, liebe

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