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Schwindel Roman von Winton, Tim (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.08.2015
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Schwindel

Das zornige Meer, die rote Wüste, die unbarmherzige Natur - dafür ist der australische Schriftsteller Tim Winton berühmt, in seinen Geschichten ist der Mensch immer auch ein Ausgesetzter. In seinem neuen Roman erzählt er die Geschichte eines ehemaligen Umweltaktivisten, dessen Dasein gescheitert ist und der, gerade als er zu verzweifeln droht, eine neue Aufgabe für sich und vielleicht auch wieder Sinn und Hoffnung für sein Leben findet. Tom Keely hat mehr als nur eine Midlife-Crisis: Einst bekannter und überzeugter Umweltaktivist, hat er nun, mit Mitte vierzig, durch einen Skandal seinen Job verloren, nebenbei seine Ehe zerstört und will mit der Welt nichts mehr zu tun haben. Alkohol und Tabletten helfen ihm zu vergessen, was schiefgelaufen ist. Er lebt in einem Apartmenthochhaus in Fremantle, einer schäbigen Hafenstadt in der Nähe von Perth, Westaustralien, und dort sieht er täglich vor seiner Haustür, was Gier und Korruption im großen und Gewaltverbrechen und Drogenhandel im kleinen Maßstab aus der Stadt und seinem Land gemacht haben. Als plötzlich Gemma Buck, eine alte Bekannte aus seiner Kindheit, in das Hochhaus einzieht, wird Tom aus seiner Abwärtsspirale gerissen; vor allem Gemmas sechsjähriger Enkel Kai, ein hochsensibler, verstörter Junge, den Gemma aufzieht, weil seine Mutter im Gefängnis sitzt, weckt Gefühle und Kräfte in Tom, die er längst verloren glaubte. Um jeden Preis versucht er, Gemma und Kai vor weiteren Katastrophen in ihrem prekären Leben zu beschützen. Und es scheint, als könnte diese merkwürdige kleine Familie entgegen aller Erwartung alte Wunden heilen und das Leben wieder lebenswert machen ... Tim Winton wurde 1960 in der Nähe von Perth, Westaustralien, geboren. Er hat zahlreiche Romane, Sach- und Kinderbücher sowie ein Theaterstück veröffentlicht und ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Australiens. Zweimal kam er auf die Shortlist des Man Booker Prize, und viermal erhielt er den Miles Franklin Award, den wichtigsten Literaturpreis Australiens. Seine Werke sind in zwölf Sprachen übersetzt, fast alles wurde für Bühne, Radio oder Film adaptiert. Tim Winton lebt mit seiner Familie in Westaustralien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 31.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641165796
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Originaltitel: Eyrie
    Größe: 2152 kBytes
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Schwindel

S o.

Da war dieser Fleck auf dem Teppich, eine feuchte Stelle, so groß wie ein Couchtisch. Er hatte keine Ahnung, was es war oder wie er da hingekommen war. Aber der Anblick jagte ihm Angst ein.

Bis jetzt hatte der Donnerstag nicht ganz so bedrohlich gewirkt.

Es war ja auch ziemlich einfach, spät und unabhängig vom Läuten der Rathausglocke unter ihm aufzuwachen. Acht, neun, vielleicht zehn am Vormittag - Keely fehlte der Wille mitzuzählen. Dieses strenge, calvinistische Bimmeln machte ihn kribbelig. Die Augen fühlten sich schwer vom Wein an, obwohl er sie geschlossen hatte. Er blieb noch eine Weile liegen, um das Unvermeidliche hinauszuzögern, und überlegte sich, wie viel Kummer wohl auf ihn wartete. Die winzige Wohnung war schon jetzt heiß. Die Luft dick und schwer von den Kippen und Duschen und Bratgerüchen und Spülwasserbläschen der anderen. Die Gerüche seiner guten Nachbarn. Was heißen soll, der Gestank von Fremden, denn seine Mitbewohner in diesem Turm waren ihm unbekannt auf die befriedigendste Art, anonym und beruhigend distanziert, nur Trappeln und Räuspern hinter nackten Ziegelwänden, Lachfetzen und Gepolter, denen er kein Gesicht geben musste. Vor allem nicht der Verrückten von nebenan - der Merkwürdigsten von allen. Sie investierte einen Großteil ihrer Tage in den Kampf gegen Satans Listen und Schliche. Was zugegeben eine ehrbare Arbeit war, aber an den Nerven zerrte. Vor allem an seinen. Im Augenblick war sie gnädigerweise still, vielleicht schlief sie oder hatte Beelzebub zwischen Frühstück und Mittagessen ein Unentschieden abgerungen, und Gott möge sie dafür segnen. Auch dafür, dass sie Ruhe gab, während er die giftigen Nachwirkungen dieser Unmengen Barossa Syrah ausbaden musste.

Das Gebäude schwankte im Wind, wie immer schepperten und stöhnten die Rohre, und hin und wieder stieß es einen gedämpften Schrei aus. Ach, Mirador, was für ein gemütlicher Steinhaufen bist du doch.

Mit einem Seufzen, das aus tiefster Seele kam, schlug er die Lider auf und stemmte sich in die Höhe und auf die Füße, doch ohne sich sofort in Bewegung zu setzen. Schwankte ein wenig, während er sich, zwischen Unwohlsein und formloser Erniedrigung, einem Zustand wie Wachsein näherte. Der abscheulich war. Obwohl alles in allem die heutigen Beschwerden das geringste seiner Probleme waren. Er sollte froh sein über die Ablenkung. Die kleine Unpässlichkeit war ja nur vorübergehend. Na ja, zeitweilig. Nur ein verdammter Kater. Allerdings eine richtige Granate, einer, bei dem sogar Schweine kotzen. Sogar die Füße taten ihm weh. Und ein Bein war noch immer besoffen.

Der Schmerz würde erst noch kommen. Eine Staubsäule in der Ferne.

Im Bad, vor einem sengenden Block Sonnenlicht, beugte er sich zum Spiegel, um nachzusehen, wie weit die Augen sich aus dem Schlachtfeld seines Gesichts zurückgezogen hatten. Über dem wilden Bart sah er nur Furchen und schuppigen Schiefer. Ödland. Seine vom Wein geschwärzten Zähne die Ruinen nach einem Rückzug der verbrannten Erde.

Hand über Hand tastete er sich in die schimmelige Duschnische, stand dann unter einem kalten und verschwenderischen Wasserfall, bis jede Aussicht auf Belebung sinnlos war.

Das Handtuch war nicht im Entferntesten frisch. Ans Gesicht gedrückt, erinnerte es an den ehrlichen, schlichten, moderigen Geruch von Hippies. Nicht abwertend gemeint, Genossen. Doch auch wenn die Nase ein eindeutiges Signal bekam, vollreifer Gorgonzola war es nicht. Noch war Leben darin. Wenn man der Romantik abhold war. Und sich so weit hatte gehenlassen.

Er band sich den Fetzen um den weicher gewordenen Bauch, schlurfte ins Wohnzimmer mit seinem vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster und betrachtete die uneingeschränkte Klarheit der westlichen Grenze: das funkelnde Meer, die Blechdächer, Fahnenmasten und Norfolktannen. Die alle im Bodensatz des Vormittags ihr grausames, augenschmerzendes Gleißen aufsammelten.

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