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Sei du mir das Messer Roman von Grossman, David (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.10.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Sei du mir das Messer

Jair sieht eines Tages eine fremde Frau, Mirjam, und ist von ihr hypnotisiert. Er schreibt ihr und die beiden beginnen, sich in Briefen gegenseitig Geschichten zu erzählen. Jair zumeist solche aus seiner Traum- und Seelenwelt, Mirjam scheinbar aus ihrem täglichen Leben. Bis sie ihm nach und nach verrät: Die Wahrheit sieht leider ganz anders aus... Ein Liebesroman in Briefen und eine Geschichte über das Verhältnis zwischen Mann und Frau und ihre unterschiedlichen Erwartungen an die Liebe. David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2017 den internationalen Man-Booker-Preis für seinen Roman Kommt ein Pferd in die Bar. Bei Hanser erschienen zuletzt Diesen Krieg kann keiner gewinnen (2003), Das Gedächtnis der Haut (2004), Die Kraft zur Korrektur (2008), Eine Frau flieht vor einer Nachricht (Roman, 2009), Die Umarmung (2012), Aus der Zeit fallen (2013), Kommt ein Pferd in die Bar (Roman, 2016), Die Sonnenprinzessin (2016) und Eine Taube erschießen (Reden und Essays, 2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 408
    Erscheinungsdatum: 12.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446255203
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Originaltitel: Shet'i liha-sakin
    Größe: 1962 kBytes
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Sei du mir das Messer

16.7. (Abend)

Hier stehe ich vor Ihnen, sagten Sie mir dort.

Ja.

Wissen Sie, ich bin mitunter ein bißchen schwer von Begriff. Beim ersten Lesen dachte ich, Sie bieten mir Ihre Kleider an, um meine Blöße zu bedecken, aber solch eine Idee paßt nicht zu Ihnen, ganz im Gegenteil. Später schien es mir, daß es eine Art einladendes Verführen war, extravagant, bizarr, etwas belustigend, ein wenig plump, ein verbaler Striptease. Aber auch wenn Sie den Brief derart begonnen haben sollten, änderte sich nach und nach Ihre Stimmlage.

Da haben Sie Blöße, sagen Sie (oder so lese ich das jetzt), eine Blöße, die nicht wie ein Messer und nicht wie eine Wunde ist. Eine enthüllte verletzliche Nacktheit, etwas verschämt und verstohlen. Genau wie die Ihre. Keine makellose Nacktheit, die einer Frau meines Alters. Sehen Sie hin, sagen Sie, sie ist etwas beklommen, meine Nacktheit, und sie behilft sich mit diversen kleinen Tricks, um ihre Mängel zu verschleiern, aber sie ist auch sofort bereit, für den auf diese Machenschaften zu verzichten, der sie mit einem wohlwollenden Blick betrachten will.

Hier ist eine Nacktheit, die von Kleidung Gebrauch macht (sagen Sie?), von Blusen, Kleidern, Büstenhaltern, Gürteln, so wie Menschen Worte benutzen, die Worte jener; Sie jedoch, komm her und faß an, fühle, hier ist eine Nacktheit, die auch heilen kann.

Mirjam, zwanzigmal am Tag sage ich mir - sie will dir wirklich und wahrhaftig helfen. Und das ist in meinen Augen ein Wunder, denn tief in meinem Herzen begreife ich noch nicht, was Sie an mir finden, und ich kann kaum glauben, daß sie mir passiert, diese Beziehung zu Ihnen. Sagen Sie mal, was kann ich Ihnen geben? Und was gebe ich? Und was ist in mir, das Sie so für mich einnimmt? Bisweilen schreie ich mich in meinem Innern buchstäblich an: Hilf ihr wenigstens dabei, dir zu helfen, komm und stell dich vor sie, wie du bist, offen. Ohne all deine Spielchen und Fallbeile. Wovor hast du noch Angst. Lies, was sie schreibt, es ist mehr als deutlich ...

Und nicht genug, wenn ich jetzt nur versuche, diese Stelle in meinem Hirn zu finden, ohne Sie, ohne Ihre lesenden Augen, entzieht sie sich mir sofort, sie kühlt ab, sie wird gedrosselt. Das genau ist geschehen, als mein Brief versiegelt zurückkam, ohne daß Sie ihn gelesen hatten. Ich erfror. Ich dachte mir - nun, du bist verloren. Kürzlich schrieben Sie, wenn jemand ein starkes Gefühl von Ihnen negiere, sei Ihnen, als verleugne er Sie ganz und gar, als liquidiere er Sie regelrecht; damals schien es mir etwas übertrieben und schwülstig, aber als Sie mir den Brief zurückschickten und ich davon ausging, daß Sie mich nicht länger wollen, mich als für-Sie-empfundenes-Gefühl - konnte ich absolut nachvollziehen, was Sie mit "Verleugnen" meinten: Es gab ein paar Stunden, in denen ich regelrecht im Hohlraum meines Kopfes auf und ab lief, ohne jene Stelle zu finden oder auch nur den Weg zu ihr, und ich wußte, daß sie drauf und dran war, von neuem zu sterben, und ich befürchtete, daß ich, wenn Sie nicht mit mir dort sein wollten, es nie im Leben schaffen würde, allein den Weg zu finden.

Ich weiß, daß ich hier murmele, aber ich weiß auch, daß Sie verstehen. Wer, wenn nicht Sie. Sie haben ein paar Andeutungen über die schlechten Jahre gemacht, die Jahre des inneren Sibiriens, die Ihrer ersten Ehe. Ich weiß nicht, was genau Ihnen in dieser Zeit passiert ist, aber als Sie jenes "persönliche Erz" beschrieben und daß Sie fühlten, wie Sie es durch Ihre pure Existenz entwerteten, da nie jemand danach verlangte, da nicht einmal einer auch nur die geringste Ahnung hatte, daß man es von Ihnen erbitten könnte ... Drei, vier solcher Sätze haben Sie geschrieben, und auf einmal haben Sie mir einen Namen gegeben, Sie haben dem Mineral, das ich bin, einen Namen gegeben, diesem Mineral, das allein dadurch, daß es Sie berührte, einem beschleunigten Prozeß ausgesetzt wurde und Farbe, Wärme und Dichte ände

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