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Serenade von Winter, Leon de (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.04.2020
  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Serenade

Die Geschichte eines Sohnes, der seine Mutter neu für sich entdeckt. Und ein aufrüttelndes Buch über die Ohnmacht von uns allen, die wir die Nachrichten verfolgen, die wir über das Schreckliche in der Welt informiert werden, doch nicht imstande sind, etwas dagegen zu tun. Leon de Winter, geboren 1954 in 's-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, begann als Teenager, nach dem Tod seines Vaters, zu schreiben. Er arbeitet seit 1976 als freier Schriftsteller und Filmemacher in Holland und den USA. Seine Romane erzielen nicht nur in den Niederlanden überwältigende Erfolge; einige wurden für Kino und Fernsehen verfilmt, so Der Himmel von Hollywood SuperTex

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 22.04.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257610291
    Verlag: Diogenes
    Größe: 865 kBytes
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Serenade

Meine Mutter litt seit Jahren unter Rückenschmerzen. Wir hatten schon etliche Spezialisten zu Rate gezogen, von qualifizierten Medizinern bis hin zu herumdokternden Quacksalbern, und Diagnosen erhalten, die von altersbedingten Verschleißerscheinungen bis hin zu negativen Erdstrahlen unter ihrer Wohnung reichten.

Als ich hörte, daß die Universitätsklinik Amsterdam sich einen neuen Scanner zugelegt hatte, ließ ich sie gleich auf die Warteliste setzen. Die Wundermaschine konstatierte ganz ordinäre Gallensteine. Endlich hatten wir eine fundierte Erklärung für die Krämpfe, die sie bisweilen mehrere Tage lang quälten. Gallensteine sagten uns was. Kleine Kiesel in ihrem Bauch. Die Ärzte beteuerten, daß deren Entfernung nicht länger als eine halbe Stunde dauern würde. Bis zur völligen Genesung würden dann nicht mehr als drei Tage "stationäre Nachbetreuung" nötig sein.

Hundert Minuten nach Beginn der Operation, nach acht Bechern Kaffee und ausgiebiger Lektüre des Telegraaf einschließlich der erotischen Kontaktanzeigen, schwante mir allmählich, daß die Operation wohl anders verlief, als man es uns prophezeit hatte. Mannhaft klammerte ich mich an den Gedanken, daß meine Mutter immerhin vierundsiebzig und jede Operation anders war; es würde schon gutgehen.

Es dauerte noch einmal zwei Stunden, bis eine Schwester mich davon unterrichtete, daß meine Mutter auf die Intensivstation gebracht worden war.

Sie lag, an Apparate und Schläuche angeschlossen, in einem hellen Zimmer, und ihr kleines Gesicht sah ohne das Gebiß, das man ihr herausgenommen hatte, alt und müde aus. Wie sie immer wieder stolz verkündete, schätzten flüchtige Bekannte sie auf höchstens fünfundsechzig, aber diese Illusion war nun zerstört. Ihre Augenhöhlen waren dunkelblau, ihre eingefallenen Lippen aufgesprungen.

Während ich mich über sie beugte und flüsterte, daß sie in ein paar Tagen wieder zu Hause sein werde, rang sie bewußtlos nach Atem. Sie war nur noch ein Schatten der Frau, die gestern abend munter und vertrauensvoll der Erlösung von den Gallensteinen entgegengesehen hatte. Warum hatte die Operation so lange gedauert?

Neben mir tauchte der Internist auf, der auch ihr Chirurg war. Ein Multitalent.

"Herr Weiss", sagte er.

Ich gab ihm die Hand und brachte die stumpfsinnige Frage heraus: "Ist alles gut gelaufen?"

Er bat mich, ihn auf den Gang hinauszubegleiten.

Die Tür fiel hinter uns zu, und er wartete einen Moment, bis er genügend Mut gefaßt hatte, um mir den ersten Schlag zu verpassen. Er sagte: "Die Operation selbst ist eigentlich gut verlaufen. Aber Ihre Mutter wird nicht so bald nach Hause können."

"Warum nicht?"

"Wir haben einen Tumor gefunden. Ein Geschwür, das sich um Gallenblase und Leberausgang gewickelt hat, ein Gallenblasenkarzinom, und das läßt sich nicht behandeln, da ist nichts zu machen, schlechte Prognosen."

"Was sind schlechte Prognosen?" wollte ich wissen. Meine Stimme zitterte. Aber solange ich redete und Fragen stellte, konnte ich den Anschein von Normalität wahren.

"In der Regel weniger als ein Jahr."

"Sie hat nicht mal mehr ein Jahr zu leben?"

"Ja. Selbst bei jüngeren Menschen in besserer körperlicher Verfassung als Ihre Mutter führt ein solches Karzinom binnen kurzem zum Tod."

"Sie hatte schon ewig Rückenschmerzen. Vielleicht hat sie das Geschwür schon lange und kann noch Jahre damit leben", warf ich blindlings ein.

"Leider ist das in den allermeisten Fällen nicht so", antwortete der Internist, ein junger Mann in meinem Alter, der den Bauch meiner Mutter aufgeschnitten und darin das Antlitz des Todes gesehen hatte.

"Wird sie Schmerzen haben?"

"Wir konnten das Geschwür nicht vollständig entfernen. Der Leberausgang wird eines Tages abgeschnürt werden. Das wird sehr schmerzhaft für Ihre Mutter sein."

"Ein Leidensweg?"

"Ja."

"Was können Sie dagegen tun?"

"Den Schmerz l

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