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Serpentinen Roman von Bjerg, Bov (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.01.2020
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)

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Serpentinen

Ein Vater unterwegs mit seinem Sohn. Ihre Reise führt zurück in das Hügelland, aus dem der Vater stammt, zu den Schauplätzen seiner Kindheit. Da ist das Geburtshaus, dort die elterliche Hochzeitskirche, hier der Friedhof, auf dem der Freund Frieder begraben liegt. Ständiger Reisebegleiter ist das Schicksal der männlichen Vorfahren, die sich allesamt das Leben nahmen: 'Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt.' Der Vater muss erkennen, dass sein Wegzug, seine Bildung und sein Aufstieg keine Erlösung gebracht haben.
Vielleicht helfen die Rückkehr und das Erinnern. Doch warum bringt er seinen Jungen in Gefahr? Warum hat er keine Antwort auf dessen bange Frage: 'Um was geht es?' Er weiß nur: Wer zurückfährt, muss alle Kurven noch einmal nehmen. Wenn er der dunklen Tradition ein Ende setzen will.
Bov Bjerg gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der deutschen Gegenwart. Nach dem Bestseller 'Auerhaus' legt er nun seinen neuen Roman vor. Genau, mutig und lang nachwirkend erzählt er vom Kampf eines Vaters gegen die Dämonen der Vergangenheit. Nur wenn er seinen Sohn so liebt, wie er selbst nie geliebt wurde, kann die Reise der beiden glücken.

Bov Bjerg, Jahrgang 1965, ist Schriftsteller und Vorleser. Er gründete mit Freunden verschiedene Berliner Lesebühnen: Dr. Seltsams Frühschoppen, Mittwochsfazit, Reformbühne Heim & Welt. Sein erster Roman hieß 'Deadline', sein zweiter 'Auerhaus', letzterer ist für verschiedene deutsche renommierte Theaterhäuser adaptiert und inszeniert worden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 28.01.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843722872
    Verlag: Ullstein
    Größe: 2387 kBytes
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Serpentinen

1

Um was geht es?

Er sei ausgewandert, im Jahr 1900. Habe Frau und Kinder im Havelland gelassen und sei einfach fort. Seine Holzpantinen habe man in der Elbe gefunden.

Die Tantenstimme klirrte aus den Dauerwellen. Sie diktierte.

Name, Beruf, Bekenntnis.

Sternchen, Datum, Ort.

Kreuzchen, AMERIKA, Fragezeichen.

Über die Seite schrieb ich: AHNENTAFEL.

Viel später war ich in Hamburg und ging die Passagierlisten durch. In Bremerhaven. Auf Ellis Island. Ich fand den Urgroßvater nicht.

Er war nicht ausgewandert. Er hatte sich einfach das Leben genommen. Wie der Großvater und wie der Vater.

Holzpantinen im Fluss: Beweis, dass einer ausgewandert war. Diese Familie hatte es nicht so mit Wirklichkeit oder Logik. (Was vielleicht gar nicht das Gleiche war.)

Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben. Vor Angst schlief ich ein.

Um was geht es?

Ich rannte los, immer schneller. Das Standbein rutschte weg, ich fiel, ich spürte den Boden am Körper, zog durch und trat mit der Spitze, mit Wucht, gegen den Ball.

Ich erwachte vom Schmerz. Dann ließ der Schmerz nach. Ich hörte den Knall. Dann kam der Schmerz wieder, stärker als vorher.

»Bist du wach?«

Ich öffnete die Augen. Die Wand.

»Hast du gegen die Wand getreten? Warum trittst du gegen die Wand?«

Ich drehte mich um. Große braune Augen. Titelbild eines Elternratgebers. Auf der Stirn die helle Narbe. Er hatte gerade laufen gelernt, da war er losgerannt und hingefallen, mit dem Kopf in die Bierflaschenscherben. Ich hatte nicht gut genug aufgepasst.

Ich streichelte über sein Ohr. So weit waren wir gekommen. Sieben Jahre.

»Was machen wir heute?«

»Mal sehen.«

»Suchen wir Versteinerungen?«

Ich sagte nichts. Ich hasste die Frage.

»Kann ich rausgehen?«

Ich drehte mich wieder zur Wand.

Ich hörte den Jungen rascheln. Das Türschloss klackerte.

Der Schmerz pulsierte in den Zehen, stärker, schwächer, pegelte sich ein.

Ich durfte den Schmerz nicht stören. Ich atmete flacher.

Dass einer irgendwo seine Wurzeln hatte, das Geschwätz kam vom Stammbaum. Jeder Depp ein Wurzelsepp und saugt das Blut aus dem Boden.

Der Vater aus Brandenburg, die Mutter aus Böhmen, ich von der Alb, M. von der Ostsee, der Junge aus Berlin.

Verbinden Sie die Geburtsorte. Betrachten Sie das Bild. Fällt Ihnen etwas dazu ein?

Krickelkrakel.

Und jetzt lassen Sie uns die Generation davor betrachten.

Ach Gott. (Bomben und Trecks. Arbeit. Suche nach Arbeit. Verhungerte Großmütter. Ledige Kinder, Hochzeiten mit steinalten Männern. Bei ledigen Kindern schrieb man das Sternchen in Klammern. Überfälle, keine Räuber. Morde, keine Mörder. Legenden, Lügen, Familienbla.)

Gestern waren wir im Museum gewesen. Vitrinen voller Fossilien, an den Wänden Schieferplatten mit freigelegten Versteinerungen. Alles sehr lehrreich.

Wale waren keine Fische.

Erdnüsse waren keine Nüsse.

Ammoniten keine Schnecken.

Schautafeln mit den Erdzeitaltern: Kreide, Jura, Trias, Perm. Die Schichten gaben den Zeiten die Namen, das hatte ich schon in der Schule nicht verstanden. Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess ich nimmer.

Das Skelett eines Ichthyosaurierweibchens. Im Bauch die Knochen der Embryos.

Eine Wand voller Seelilien, meterhohe Schieferplatten, die Blütenstängel wie eingefroren im Wind.

Ich sagte: »Guck mal, die Pflanzen da, die haben vor ganz langer Zeit gelebt.«

Der Junge sagte: »Seelilien sind keine Pflanzen. Das sind Stachelhäuter. So wie Seeigel.«

Gleich neben dem Museum lag ein Steinbruch. Eine große Tafel an der Straße wies darauf hin mit vermurkster Typografie. Für ein paar Euro bekam man Hammer und Meißel, und dann konnte man selbst Versteinerungen aus de

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