text.skipToContent text.skipToNavigation

Sich hinlegen und sterben Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Roman von Agaoglu, Adalet (eBook)

  • Verlag: Unionsverlag
eBook (ePUB)
19,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Sich hinlegen und sterben

Die Dozentin Aysel steckt in einer privaten Lebenskrise und zieht sich, zum Sterben entschlossen, in ein Hotelzimmer zurück. Denn der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Pflichten und ihren eigenen Bedürfnissen spitzt sich zu und zwingt sie zu dieser Entscheidung. Ihren Tod vor Augen lässt sie noch einmal ihr Leben Revue passieren, erinnert sich an ihre Schulzeit in der anatolischen Provinz und die Universitätsjahre in Ankara. Sie selbst gehörte zu der kleinen Schar von Jungen und Mädchen, den Kindern der Republik, die der Lehrer Dündar nach seinen kemalistischen Idealen zu einer pflichtbewussten 'Armee des Wissens' erziehen wollte. Ihm hat sie, die Krämerstochter, es zu verdanken, dass sie studieren durfte. Heute aber will sie nur noch aus ihren eintönigen Verhältnissen ausbrechen und beginnt eine Beziehung zu einem ihrer Studenten. Einen Abend nur hatte sie ungezwungen und pflichtvergessen mit ihm verbracht, nun spürt sie neues Leben in sich keimen. Soll sie die Herausforderung annehmen? Dieser facettenreiche Bilderbogen umspannt dreißig Jahre republikanische Geschichte auf höchstem literarischem Niveau, geschrieben von einer der bedeutendsten Autorinnen der Türkei.

Adalet A?ao?lu, geboren 1929 in Nallihan in der Provinz Ankara, studierte französische Sprache und Literatur in Ankara. Schon seit 1948 veröffentlicht sie Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele, zudem war sie als Übersetzerin sowie als Dramaturgin tätig. Adalet Agao?lu zählt zu den bedeutendsten Erzählerinnen der zeitgenössischen türkischen Literatur, die zentralen Themen in ihren Werken sind die Entfremdung der Menschen und der Wandel traditioneller Werte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 512
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293301610
    Verlag: Unionsverlag
    Originaltitel: Ölmeye Yatmak
    Größe: 8078 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Sich hinlegen und sterben

1

07 Uhr 22

G enau sechzehn Stockwerke sind wir im Fahrstuhl hochgefahren. Dann stiegen wir aus. Ich folgte dem Jungen, der mir das Zimmer zeigen sollte. Er ging einen kurzen Korridor entlang. Vor einem Zimmer blieb er stehen. Auch ich blieb stehen. Er öffnete die Tür, wir traten ein.

Die Vorhänge waren dicht geschlossen. Der Junge wollte sie aufziehen und mir den Ausblick zeigen. Ich hielt ihn zurück. Er schaltete alle Lampen ein, öffnete die Tür zum Bad, machte auch hier das Licht an. Ob ich etwas wünsche, fragte er dann. Nein, nichts, erwiderte ich und gab ihm ein Trinkgeld. Er ging hinaus.

Sobald er draußen war, verschloss ich die Tür und löschte sämtliche Lichter. Rasch zog ich mich aus, schlug die Decke zurück und kroch splitternackt ins Bett - legte mich nieder zum Sterben.

Ich habe nicht nachgesehen, doch es musste ungefähr halb acht sein. Mir scheint, als hätte das der junge Mann unten gesagt, als ich mich ins Hotelregister eingetragen habe.

Meine Tasche habe ich in eine Zimmerecke geworfen. Sie enthält ein ganzes und ein halbes Päckchen Zigaretten, ein Feuerzeug, ein rot eingebundenes Notizbuch, meine Sonnen- und meine Lesebrille, einen Stift, einen halben Sesamkringel, den letzten Rest eines Lippenstifts, mein Portemonnaie für Kleingeld und fünftausend Lira in einem verschlossenen Umschlag. Nicht nur fünftausend Lira befinden sich darin, sondern auch noch eine drei- oder vierzeilige Notiz. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe in dieser Notiz, die ich zu dem Geld legte und dann den Umschlag verschloss, versuche auch gar nicht, mich daran zu erinnern. Nur kommt es mir jetzt lächerlich vor, was ich vorhin getan habe. Dennoch gelingt es mir, ernst zu bleiben an der Schwelle dessen, was man als Letztes versuchen sollte.

Manchmal kommt der Tod einfach nicht so schnell. Man muss kämpfen mit dem Tod . Vielleicht unterdrücke ich deswegen das Lachen in dem dafür so günstigen Augenblick. Ich hätte nicht gedacht, dass man mit dem Tod ringen muss, wenn man sich zum Sterben niederlegt.
Geboren ist das Tageslicht des Ideals

D er bordeauxrote Vorhang aus Sümerbank-Leinen verdeckte die Schulbühne nicht ganz. Bedienen sollte ihn während der Darbietungen der Schuldiener Cemal. Der zog ein wenig an der Schnur, doch der Spalt schloss sich nicht. Und wenn der Vorhang nun überhaupt nicht mehr aufgehen würde? Das war seine größte Sorge. Er probierte es seit Tagen: Vorsichtig zog er an der Schnur, ließ locker, zog wieder, ließ erneut locker.

Hinter dem Vorhang stießen und balgten sich die Kinder. Ein Duftgemisch aus Staub, Fett, Essig, Harn und Läusekraut. Ein wenig stärker als der alltägliche Schulgeruch. Leicht säuerlich zwar, doch ein Geruch, den man auch nach vielen Jahren noch wahrnehmen und als angenehm empfinden konnte. So etwas wie das Wohlgefallen, das man hin und wieder am eigenen Körpergeruch empfindet.

Im zweiten Stock der Schule, einem ehemals armenischen Haus, ging der Rektor über den Flur. Man hatte die Holzwand durchbrochen und dort eine Tür zur Bühne eingesetzt. Vor der blieb er jetzt stehen. Namik, der soeben aus dem Garten kam, wo er sich das Gesicht gewaschen hatte, erblickte den Rektor zuerst. Er wollte schnell zur Bühne durchschlüpfen und Bescheid geben, kam aber nicht am Rektor vorbei. So schlich er seitwärts an der Wand entlang und hielt den Atem an. Doch der Rektor entdeckte Namik bei seinem Krebsgang: "Was lauft ihr denn noch in der Gegend herum? Wollt ihr mich blamieren?", schrie er. Und so aufgebracht wie er war, schoss er durch die einzige Verbindungstür vom Flur auf die Bühne.

Herr Dündar, Lehrer der dritten, vierten und fünften Klasse, gab den Kindern auf der Bühne die letzten Ratschläge: "Nicht vergessen! Sowie der Chor aufhört, also bei 'immerdar', teilt ihr euch in zwei Gruppen. Die Nummern eins, drei, fünf, sie

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen