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Sie ging nie zurück, Die Geschichte eines Familiendramas von Brockes, Emma (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.05.2014
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Sie ging nie zurück, Die Geschichte eines Familiendramas

Die wahre Geschichte der Familie von Emma Brockes Ihr Leben lang hat Emmas Mutter Paula von ihrer Kindheit und Jugend in Südafrika geschwiegen. Kurz vor ihrem Tod erzählt sie Emma zum ersten Mal davon. Sie war eines von acht Kindern eines gewalttätigen Vaters, der seinen Kindern Schreckliches antat. Nach dem Tod ihrer Mutter will Emma Licht in die Familiengeschichte bringen. Sie reist nach Johannesburg, verabredet sich mit Verwandten, versucht sie zum Reden zu bringen, studiert Gerichtsakten. Was sie dabei erfährt, ist schier unglaublich ...

Emma Brockes schreibt für den 'Guardian', die 'New York Times', 'Vogue', 'Harper's Bazaar' u.a. Sie wurde mit mehreren journalistischen Preisen ausgezeichnet und lebt in New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 23.05.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423422727
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Serie: dtv Taschenbücher 21626
    Originaltitel: She Left Me The Gun
    Größe: 3335 kBytes
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Sie ging nie zurück, Die Geschichte eines Familiendramas

Vorwort

Meine Großmutter dachte, sie heiratete einen lebensfrohen, aufregenden Menschen, einen Mann mit welligem Haar und unbändiger Energie. Er war ein begabter Handwerker, ein begabter Künstler, ein verurteilter Mörder und ein schlechter Dichter. Er arbeitete als Lokomotivführer und in den Goldminen, und als er meine Großmutter kennenlernte, irgendwann in den 1930er Jahren, war er wahrscheinlich auf dem Bahnhof angestellt, den sie als Lehrling täglich auf dem Weg zum Büro passierte.

Meine Mutter sagte zwei Dinge über diesen Mann: Er sei »sehr clever« und »sehr sonderbar« gewesen. Außerdem habe er einen merkwürdigen Sinn für Humor gehabt - er mochte Slapstick -, was ihre hintersinnige Art war, ihn einen Afrikaaner zu nennen. Anscheinend war er eitel, was seine europäische Provenienz anging.

Als meine Großeltern sich kennenlernten, gab es noch einen anderen Mann, der meiner Großmutter den Hof machte, Trevor, beziehungsweise »Bessie Everetts Bruder Trevor«, wie ihre Familie ihn nannte, um damit zu sagen, dass er Referenzen hatte. Der nette Trevor, der langweilige Trevor; ich stelle ihn mir vor, wie er eine Strickjacke trägt, Pfeife raucht und die weniger interessanten Artikel der Zeitung liest. Anscheinend hat Trevor meine Großmutter nur ein paar Mal ausgeführt. Trotzdem bleibt er unvergessen, noch siebzig Jahre später, weil Trevor im Lauf der Geschichte zum leuchtenden Symbol dessen wurde, was hätte werden können, wenn alles anders gekommen wäre.

Meine Großmutter hieß Sarah Doubell, und wie alle, die jung gestorben sind, soll sie sehr schön gewesen sein. Sie hatte langes dunkles Haar, helle Haut, große braune Augen und schmale Fesseln. Sie sei »im Bus angesprochen« worden, sagte ihre ältere Schwester Kathy, von Männern aus besseren Kreisen. Bevor die Familie an die Küste zog, hatten die Doubells in der Halbwüste Karoo als Zaunflicker auf Straußenfarmen gearbeitet, und auf Gruppenfotos wirken ihre Geschwister bodenständig - Landvolk in festen Stiefeln und dreieckigen Kitteln, während Sarah immer wehende Kleider und unpassendes Schuhwerk zu tragen scheint. Sie heiratete Trevor nicht. Sie heiratete den anderen, auf dem Standesamt von Babanango im Beisein ihrer Schwester Johanna und ihres Schwagers Charlie, und dann zog sie in ein Ziegelhaus irgendwo auf dem Land. Zur Geburt des Babys fuhren sie in die Stadt.

Es existiert nur ein einziges Foto aus der kurzen Zeit als Familie, eine Picknickdecke im Sonnenschein, der junge Vater in Hemd und Krawatte, die junge Mutter in einem hübschen Kleid und das Baby in einer Haube, dem Vater zugewandt. Im Vordergrund hechelt eine Bulldogge. »'Wir drei' und Bonza«, hatte Sarah auf die Rückseite geschrieben, »Wir drei« in Anführungsstrichen, in liebevoller Ironie, eine glückliche Verschwörung gegen den Rest der Welt. Ich nehme an, sie waren glücklich, und meine Großmutter wusste nicht, dass ihr Mann ein verurteilter Mörder war. Was bedauerlich ist. Es wäre eine wertvolle Information gewesen, als Sarah im Sterben lag und sich entscheiden musste, wem sie ihr zweijähriges Kind, meine Mutter, anvertraute.

Nach ihrem Tod hielt Sarahs Familie ein paar Jahre den Kontakt zu ihm. Sie waren froh, als sie hörten, dass er wieder heiratete. Und dann war er eines Tages verschwunden. Es sollten fast vierzig Jahre vergehen, bis die Familie meiner Großmutter das kleine Mädchen wiederfand, das inzwischen in London lebte und mit meinem Vater verheiratet war. Kathys Tochter Gloria, die Cousine meiner Mutter, schickte ihr einen Brief, in dem sie sich als Nichte ihrer Mutter vorstellte und fragte, wo sie all die Jahre gewesen war. Ich frage mich heute, was meine Mutter geantwortet hat.

In meiner Jugend sprach meine Mutter nicht viel über ihre Vergangenheit. Ich wusste, dass sie 1960 aus Südafrika nach England eingewandert und seitdem nur zweimal nach Hause zurückgekehrt war. Ich kannte keines ihrer sieben Geschwister und konnte höchstens die

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