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Sieben Tage mit Lidia Novelle von Becker, Artur (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.09.2014
  • Verlag: weissbooks
eBook (ePUB)
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Sieben Tage mit Lidia

Dezember 1981: Andrzej, 36jähriger Dichter aus Polen, kommt, eingeladen von seinem Freund Jacek, mit einem auf zwei Wochen befristeten Visum nach Venedig. Umgehend verzaubert ihn die Stadt, allabendlich lernt er interessante Leute kennen und taucht in die ihn anziehende Kunstszene rund um den Canale Grande ein. Am Ende der ersten Woche passiert es dann: Lidia, Jaceks Tochter, tv-Moderatorin in London, taucht auf. Von der ersten Sekunde an beeindruckt und verwirrt Lidia den Freund ihres Vaters - durch ihre Schönheit und eine für ihre Jugend ungewöhnliche Selbständigkeit. Andrzej verliebt sich hoffnungslos. Jeden Tag verbringt er nur noch mit ihr, in der Stadt, in Cafés, in Hotelzimmern. Doch die Uhr tickt: Andrzejs Visum läuft unerbittlich ab. Nach sieben Tagen mit Lidia steht er vor einer schweren Entscheidung. Soll er zurück nach Polen reisen, zu Frau und Kind - nach Polen, wo seit wenigen Tagen das Kriegsrecht herrscht? Oder in Venedig bleiben und Asyl beantragen? In seiner 'Republik der Liebe'?

Artur Becker, geboren 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland, heute in Verden an der Aller. Er ist Romancier, Lyriker und Essayist. Nach 'Die Zeit der Stinte' (dtv 2006) und 'Das Herz von Chopin' (Hoffmann und Campe 2006) veröffentlichte er 2008 'Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken' bei weissbooks.w. Im März 2009 erhielt Becker den Adelbert-von-Chamisso-Preis, im November 2012 folgte der DIALOG-Preis der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband e.V.' Im September 2013 ist sein Roman 'Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang' erschienen. Im Herbst 2014 folgte die Novelle 'Sieben Tage mit Lidia'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 196
    Erscheinungsdatum: 25.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863370602
    Verlag: weissbooks
    Größe: 1199 kBytes
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Sieben Tage mit Lidia

Erstes Kapitel

1

Das Flutwasser war endlich zurückgegangen - auch in Andrzej Olsztynskis Träumen, in denen er sogar einmal Lidia begegnet war, jedoch nicht hier in Venedig, sondern an einem ihm unbekannten Ort. Im Treppenhaus des vierstöckigen Palazzos, in dem Lidias Vater Jacek Maj - immerhin sein bester Freund - und Stiefmutter Elsa Masseida-Ossowiecki die zweite Etage bewohnten, hatte das Wasser zwei Tage lang fußknöchelhoch gestanden: Der süßlich-modrige Geruch war unerträglich gewesen, genauso wie der Anblick einer toten Ratte, die bereits am ersten Tag der winterlichen Flut vor den Eingang der Chiesa Santa Maria Mater Domini gespült worden war. Die für hiesige Verhältnisse zwergenhafte Kirche, ein direkter Nachbar, war für die Zeit der Flut geschlossen worden. Sie stand gleich gegenüber dem Palazzo, und man betrat sie über den breiten Fußweg und nach wenigen Schritten wie ein zweites Wohnzimmer.

Der Campo Santa Maria Mater Domini , auf dem seine beiden Gastgeber zu Hause waren, sah an diesem frühen Dezembermorgen, einem kaltfeuchten und vernebelten Sonntag, spiegelglatt und wie reingewaschen aus: Andrzej hatte den Eindruck, als hätte sich Venedig für die Ankunft von Lidia einer gründlichen Reinigung unterzogen.

Er war in dieser Stadt noch kein einziges Mal alleine unterwegs gewesen, obwohl er schon seit einer Woche bei seinem Freund weilte. Und überhaupt: Er war schon sechsunddreißig, hatte aber Italien noch nie bereist. Er war zwar mehrmals nach Venedig eingeladen worden, um dort seine Gedichte zu lesen, doch die Regierung der Volksrepublik Polen hatte ihm bis jetzt - wohl aus Angst, dass er bei seinem Freund bleiben oder sich in einem Interview verplappern könnte - den Reisepass für einen Besuch in Italien immer verweigert. Seine Regierung hatte viele Dinge zu verbergen. Er kannte Westeuropa nicht allzu gut, er war ein Mal in Paris gewesen, und ein anderes Mal in Westberlin, und obendrein geschäftlich sozusagen. In Paris hatte er nämlich seinen Verleger Jerzy Giedroyc getroffen, der dort neben Gedichten und Romanen vor allem politische Schriften publizierte, allerdings alles auf Polnisch, und alles war verboten, verfemt und unerwünscht, zumindest an der kommunistischen Weichsel: Es glich überhaupt einem Wunder, dass Giedroyc, dieser alte unverwüstliche Mann, noch nicht einem Attentat zum Opfer gefallen war ...

Andrzejs Freude kannte keine Grenzen, als er im Sommer vom Passamt die gute Nachricht bekommen hatte, er dürfe verreisen und das italienische Visum beantragen. Er wollte seinen Freund wiedersehen, seit ihrer Trennung waren zehn Jahre vergangen, und vor der Abreise hatte er gehofft, Giedroyc oder jemand anders aus den Kreisen der polnischen Emigration in Frankreich oder Italien würde ihm in Venedig einen kurzen Besuch abstatten, doch die alten Herren waren reisefaul und mit ihren Schreibtischen wie verschweißt. Ihre Produktivität und scheinbar stählerne Gesundheit beeindruckten Andrzej sehr, denn sie tranken ab und zu immer noch gerne einen Whiskey und rauchten Zigaretten.

"Du kannst dich in Venedig nicht verlaufen!", hatte ihm Jacek am Abend erklärt. "Unsere Vaporetto -Haltestelle ist gleich um die Ecke, in zehn Minuten bist du da! Dann nimmst du die 2 oder die 1 - beide fahren zur Santa Lucia , da ist der Bahnhof!"

In zehn Minuten bist du da!, wunderte er sich jetzt, ich bin doch schon fast am Fischmarkt angekommen ... Wahrscheinlich laufe ich in die falsche Richtung ...

Den Fischmarkt hatte er gleich am ersten Tag in Venedig in sein Herz geschlossen, es war für ihn der lebendigste Platz in der Lagunenstadt, aber auch ein Ort, an dem die Zeit keine Macht über den Menschen hatte - hier waren Zeitreisende aus jeder Geschichtsepoche willkommen, seit Jahrhunderten sc

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