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Silberpfeile Roman von Kappacher, Walter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2015
  • Verlag: Deuticke im Paul Zsolnay Verlag
eBook (ePUB)
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Silberpfeile

Ein junger Journalist für Motorsport entdeckt während einer Italienreise ein Museum über den Rennfahrer Tazzio Nuvolari und beschließt, ein Buch über die deutschen Silberpfeile der dreißiger Jahre zu schreiben. Auf den Fotos taucht immer wieder der Name eines österreichischen Ingenieurs auf: Paul Windisch. Seine Recherchen führen den Ich-Erzähler in ein Seniorenheim in Salzburg, wo der fünfundachtzigjährige Paul Windisch seit einigen Monaten lebt. Dieser wünscht sich, noch einmal in seinem eigenen Haus einen richtigen Kaffee zu trinken. Dort erinnert sich der Chefingenieur an seine Arbeit bei der Auto-Union, die Weltrekordversuche und die letzte Fahrt von Bernd Rosemeyer, einem der berühmtesten Rennfahrer der Vorkriegsjahre. Schließlich erzählt Windisch, wie er von der Automobilindustrie in das kriegsentscheidende Werk Schlier geriet, das neben einem Konzentrationslager in der Nachbarschaft der Brauerei Zipf lag. In unterirdischen Stollen wurden V2-Raketen entwickelt, bis eine Explosion 1944 die Versuchsreihen stoppte... Während seiner unsentimental und unbeteiligt geschilderten Reise in die Vergangenheit wird klar, daß der Konstrukteur seine Rolle in der Kriegsindustrie ebenso zu verdrängen versucht wie die Bewohner des Orts. Doch auch für den Journalisten bleibt dieser Ausflug nicht ohne Folgen... Walter Kappacher, geboren 1938 in Salzburg, verließ mit 15 Jahren die Schule und war in verschiedenen Berufen tätig, 1964 Beginn der literarischen Tätigkeit, seit 1967 Veröffentlichungen, seit 1978 freiberuflicher Schriftsteller. Lebt in Obertrum bei Salzburg. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, Hermann-Lenz-Preis 2004, Georg-Büchner-Preis 2009. Bei Deuticke erschienen zuletzt Selina (2005), Der lange Brief (überarbeitete Neuauflage 2007) und Rosina (Erzählung, Neuauflage 2010).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 16.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783552063143
    Verlag: Deuticke im Paul Zsolnay Verlag
    Größe: 949 kBytes
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Silberpfeile

Samstag, 31. Mai

Verweht die Glockenschläge der Eggelsberger Kirche. Auch heute hat Mitsuko nicht angerufen. Ich war am Schreibtisch - dem kleinen alten Küchentisch aus dem Haus meiner Eltern - eingeschlafen. Große und kleine Notizblöcke, darauf Fragen notiert, die ich dem Ingenieur stellen wollte, und Notizen zu notwendigen Recherchen für das geplante Buchprojekt über die Silberpfeile . An den Rand geschoben Car Graphic, eine japanische Zeitschrift, auf dem Umschlag ein roter Sportwagen, über dessen Motorhaube sich eine junge Frau in einem schwarzen Lederbikini beugt, sich mit beiden Armen abstützend. Daneben die Anleitung für die Waschmaschine, die ich demnächst in Betrieb nehmen muß. Zwei Wochen hat Mitsuko - Mitsi, wie ich sie manchmal nenne - wegbleiben wollen. Seit sie vor beinahe vier Wochen nach Portland, ihre Heimat, abgereist ist, habe ich hier im Haus nicht mehr saubergemacht. Überall auf den Holzböden die Staubflocken. Dazu fällt mir immer wieder ein, wie sie einige Tage vor ihrem Abflug in die Vereinigten Staaten mit umgebundenem Mund- und Nasenschutz Staub gesaugt hatte. Im Radio war verlautbart worden, so solle man es machen, es war die Zeit nach dem Reaktor-Störfall von Tschernobyl.

Seit ein paar Tagen ziehe ich die Schuhe nicht mehr aus, wenn ich das Haus betrete. Wie sie sich hatte aufregen können, als ich in den ersten Tagen, nachdem ich hier eingezogen war, vergessen hatte, sie auf der schmalen Veranda, die rund ums Haus führt, stehenzulassen, oder wenn ich während ihrer Abwesenheit eine Zigarette rauchte. Ihr zuliebe - ihrer empfindlichen Nase - hatte ich mir schließlich das Rauchen ganz abgewöhnt; gestern jedoch, als ich abends auf der Veranda stand, hätte ich geraucht, wenn Zigaretten im Haus gewesen wären

Die Euphorie über den - wenn auch nicht gerade erfolgreichen - Besuch beim Ingenieur Windisch am Nachmittag in dem Seniorenheim am Stadtrand von Salzburg hat sich in den letzten Stunden, seit ich wieder zu Hause in Eggelsberg bin, nach und nach verflüchtigt. Morgen ist ein wichtiger Tag, dachte ich, Zeit, mich ins Bett zu legen, ich muß ausgeschlafen sein.

"Eines Tages", hatte Windisch im Café des Seniorenheimes gesagt, das war jetzt schon wieder acht Stunden her, "werden Sie vielleicht in der Zeitung lesen, daß der in den dreißiger Jahren bekannt gewesene Renningenieur der Auto Union, Paul Windisch, gestorben ist. Dann werden Sie sich an mich erinnern. Vielleicht schreibt die eine oder andere Zeitung etwas über meine Patente, zum Beispiel jenes für einen Vier-Ventil-Zylinderkopf (er hatte wieder in seine Serviette gehustet) mit kreuzweise gegenüberliegenden Ventilen. Ich weiß allerdings nicht, ob der Verwalter hier die Daten, die ich auf einem Blatt notiert, in einen Umschlag gesteckt und mit einem entsprechenden Hinweis versehen habe, weitergeben wird. Manchmal habe ich den Eindruck, ich gelte als Querulant, weil ich nicht wie die meisten Insassen den Mund halte, die Mängel in der Pflegeabteilung, den manchmal rüden Ton der Schwestern und Pfleger nicht als etwas Unabänderliches hinnehme ..."

Auf der Heimfahrt, während ich in dem sich immer wieder stauenden Verkehr die Innenstadt durchquerte, hörte ich aus dem Radio ein Concerto von Händel; mit der rechten Hand trommelte ich den Takt aufs Lenkrad. Schon lange war ich nicht mehr so vergnügt gewesen, obwohl es mich immer noch ekelte, wenn ich an die Pflegeabteilung des Heims dachte. Zu Hause hatte ich mir als erstes die Hände gründlich gewaschen. Es war in den zweieinhalb Stunden in dem Café des Heimes, später auf einer Bank in der Parkanlage, zu keinem Interview mit Windisch gekommen, aber morgen werde ich ihn abholen zu einem Ausflug.

Gleich nachdem ich heimkam, läutete das Telefon. Endlich, dachte ich, Mitsi! Aber noch bevor ich die Kommode im Vorzimmer erreichte un

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