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Simple Stories Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz von Schulze, Ingo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.11.2016
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Simple Stories

Das ostthüringische Altenburg - einst kaiserliche Pfalz und herzogliche Residenz, vergrößert durch Plattenbausiedlungen, umgeben von Chemieindustrie, von Braunkohle- und Uranabbau, gesäumt von lieblicher Burgenlandschaft - ist der Schauplatz von Ingo Schulzes Roman. In 29 nur scheinbar 'einfachen Geschichten', in vielen kleinen Alltagsbegebenheiten offenbart sich das Zusammenstürzen einer ganzen Welt, jener dramatische Bruch, der sich nach 1989 durch so viele ostdeutsche Biographien zieht. Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Von 1983 bis 1988 studierte er Klassische Philologie in Jena und arbeitete anschließend als Dramaturg am Landestheater in Altenburg. Im Herbst 1989 verließ Ingo Schulze das Theater, um als politischer Journalist zu arbeiten. 1993 lebte er für ein halbes Jahr in St. Petersburg, wo er half, ein Anzeigenblatt redaktionell aufzubauen. Für sein Debüt '33 Augenblicke des Glücks' erhielt Ingo Schulze 1995 u. a. den Förderpreis des Alfred-Döblin-Wettbewerbs sowie den aspekte-Literaturpreis. Der New Yorker druckte 1997 drei Erzählungen aus dem Band ab - eine Ehre, die unter den deutschsprachigen Autoren zuletzt Max Frisch zukam - und ließ ihn im April 1998 als einen der 'Five Best European Young Novelists' von Richard Avedon porträtieren. Für seinen zweiten Erzählband 'Simple Storys' erhielt er 1998 den Berliner Literaturpreis. 2001 wurde Ingo Schulze, zu gleichen Teilen mit Thomas Hürlimann und Dieter Wellershoff, der Joseph-Breitenbach-Preis verliehen. In dem Briefroman 'Neue Leben', in dem er ästhetisch neue Wege geht, erwartet den Leser ein breit angelegtes Panorama des Jahres 1989 und seiner Folgen. 'Neue Leben' wurde in die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2006 gewählt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann vergab im Juni 2006 an Ingo Schulze das Massimo-Stipendium 2007, das für einen einjährigen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom steht. Im März 2007 erhielt Schulze für seinen Erzählungsband 'Handy' den Preis der Leipziger Buchmesse. Mit 'Adam und Evelyn' stand er 2008 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ingo Schulze ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 17.11.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827077684
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 1025 kBytes
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Simple Stories

Kapitel 1 - Zeus

Renate Meurer erzählt von einer Busreise im Februar 90. Am zwanzigsten Hochzeitstag ist das Ehepaar Meurer zum ersten Mal im Westen, zum ersten Mal in Italien. Den mitreisenden Dieter Schubert treibt eine Buspanne vor Assisi zu einer verzweifelten Tat. Austausch von Erinnerungen und Proviant.

Es war einfach nicht die Zeit dafür. Fünf Tage mit dem Bus: Venedig, Florenz, Assisi. Für mich klang das alles wie Honolulu. Ich fragte Martin und Pit, wie sie denn darauf gekommen seien und woher überhaupt das Geld stamme und wie sie sich das vorstellten, eine illegale Reise zum zwanzigsten Hochzeitstag.

Ich hatte mich darauf verlassen, daß Ernst nicht mitmacht. Für ihn waren ja diese Monate die Hölle. Wir hatten wirklich anderes im Kopf als Italien. Aber er schwieg. Und Mitte Januar fragte er, ob wir nichts vorbereiten müßten - am 16. Februar, einem Freitag in den Schulferien, sollte es losgehen - und wie wir mit unseren DDR -Papieren über die italienische Grenze kämen und über die österreichische. Als ich ihm sagte, was ich von den Kindern wußte, daß wir von dem Reisebüro in München westdeutsche Ausweise erhalten würden, gefälschte wahrscheinlich, spätestens da dachte ich, jetzt ist Schluß, nicht mit Ernst Meurer. Aber er fragte nur, ob die beiden Paßbilder dafür gewesen seien. "Ja", antwortete ich, "zwei Paßbilder, Geburtsdatum, Größe und Augenfarbe - mehr brauchen die nicht."

Es war wie immer. In den dunkelgrünen Koffer packten wir unsere Sachen, in die schwarzrot karierte Tasche Besteck, Geschirr und Proviant: Wurst- und Fischkonserven, Brot, Eier, Butter, Käse, Salz, Pfeffer, Zwieback, Äpfel, Apfelsinen und je eine Thermoskanne Tee und Kaffee. Pit fuhr uns nach Bayreuth. An der Grenze fragten sie, wohin wir wollten, und Pit sagte Shopping.

Der Zug hielt in jedem Nest. Außer Schnee, beleuchteten Straßen, Autos und Bahnhöfen sah ich nicht viel. Wir saßen zwischen Männern, die zur Arbeit fuhren. Als Ernst eine Apfelsine schälte, dachte ich zum ersten Mal wirklich an Italien.

Auf dem Münchner Bahnhof werden Ernst und er sich erkannt haben. Ich bekam davon nichts mit. Woher sollte ich wissen, wie er aussieht? Nicht mal seinen richtigen Namen hätte ich angeben können.

Ab Venedig erinnere ich mich an ihn. Ein mittelgroßer Mann mit hastigen Bewegungen und einem schlechtsitzenden Glasauge ohne Lidschlag. Er schleppte so einen Wälzer mit sich herum, einen Finger zwischen den Seiten, um immer, wenn Gabriela, unsere italienische Reiseleiterin, etwas erklärte, seinen Senf dazugeben zu können. Ein richtiger Besserwisser eben. Andauernd strich er sein schwarzgraues Haar zurück, das ihm im nächsten Augenblick wieder über Stirn und Augenbrauen fiel.

Den Dogenpalast und die Säule mit dem Löwen kannte ich aus dem Fernsehen. Die Venezianerinnen - selbst die in meinem Alter - trugen kurze Röcke und schöne, altertümliche Käppchen. Wir waren viel zu dick angezogen.

Um unabhängig zu sein, nahmen wir tagsüber in der Provianttasche ein paar Konserven, Brot und Äpfel mit. Abends aßen wir auf dem Zimmer. Ernst und ich sprachen nicht viel, aber immerhin mehr als in den letzten Monaten. "Una gondola, per favore", rief er mal morgens beim Waschen. Überhaupt machte Ernst den Eindruck, als ob ihm Italien gefiel. Einmal griff er sogar nach meiner Hand und hielt sie fest.

Ihn hat er mit keinem Wort erwähnt. Bis zuletzt nicht. Das heißt, in Florenz, als wir darauf warteten, daß alle vom Glockenturm herunterkämen, fragte Ernst: "Wo ist denn unser Bergsteiger?" Ich achtete nicht darauf oder glaubte, die beiden hätten sich irgendwann mal unterhalten - Ernst ging ja immer vor mir zum Frühstück. Er sagte noch etwas von Klimmzügen am Türrahmen. Vorher, in Padua, wollte der Bergsteiger unbedingt, daß wir anhielten, um eine Kapelle zu besichtigen oder eine Arena, was gar nicht im Programm stand. Ich

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