text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Sommer der Wahrheit Roman von Neuhaus, Nele (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.04.2020
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Sommer der Wahrheit

Wenn ein Sommer dein ganzes Leben verändert Nebraska, Anfang der neunziger Jahre: Sheridan Grant lebt mit ihrer Adoptivfamilie auf einer Farm inmitten von Maisfeldern. Die Eintönigkeit des Farmlebens und das strenge Regime ihrer Adoptivmutter machen Sheridan das Leben schwer, doch zum Glück gibt es Tante Isabella und die Musik, die Sheridan über alles liebt. Der Farmarbeiter Danny, der Rodeoreiter Nick und der Künstler Christopher machen ihr den Hof, und sie stößt auf die Tagebücher der geheimnisvollen Carolyn, die vor vielen Jahren spurlos verschwand. Das Leben ist plötzlich aufregend, bis in einer Halloween-Nacht etwas Furchtbares passiert. Nun erweist sich, wem Sheridan wirklich vertrauen kann ... Nele Neuhaus, geboren in Münster / Westfalen, lebt seit ihrer Kindheit im Taunus und schreibt bereits ebenso lange. Ihr 2010 erschienener Kriminalroman Schneewittchen muss sterben brachte ihr den großen Durchbruch, heute ist sie die erfolgreichste Krimiautorin Deutschlands. Außerdem schreibt die passionierte Reiterin Pferde-Jugendbücher und Unterhaltungsliteratur. Ihre Bücher erscheinen in über 30 Ländern. Vom Polizeipräsidenten Westhessens wurde Nele Neuhaus zur Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber ernannt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 512
    Erscheinungsdatum: 15.04.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843723244
    Verlag: Ullstein
    Größe: 1309 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Sommer der Wahrheit

Die Tage vergingen, und mein Empfinden für Zeit bekam völlig neue Dimensionen. In dem Moment, in dem ich durch die Tür von Riverview Cottage trat, schienen sich Stunden, Minuten und Sekunden aufzulösen und zu verfließen. Wenn ich das Haus wieder verließ, kam es mir so vor, als seien Monate vergangen. Mein normales Leben nahm ich nur noch wie durch einen Schleier wahr, und ich hatte das seltsame Gefühl, im Zeitraffer älter zu werden. Ich dachte nur noch an Sex, verlor den Appetit, das Interesse am Klavierspielen und am Lesen. Ständig erfüllte mich eine fiebrige Unruhe, die mich durch die Tage trieb. In klaren Augenblicken war mir bewusst, dass ich auf dem besten Wege war, zu einer willenlosen Hörigen zu werden. Ich hatte eine sexuelle Besessenheit entwickelt, die mir nicht guttat. Oft bereute ich, mich auf Christopher eingelassen zu haben, nahm mir wütend vor, nicht mehr zu ihm zu gehen, und tat es dann doch immer wieder.

Die Welt, in die er mich entführte, berauschte und beängstigte mich gleichermaßen in ihrer rein physischen Intensität. Alles, was ich bisher bei meinen harmlosen Liebesabenteuern vermisst zu haben glaubte, erlebte ich nun im Übermaß: zügellose Lust und ekstatische Leidenschaft, absolute Hingabe und quälende Selbstbeherrschung, triumphale Macht und demütigende Ohnmacht. Manchmal hasste ich Christopher regelrecht, weil ich so süchtig nach ihm war, nach dem, was er mit mir tat. Er war zu einer Droge für mich geworden, von der ich mich nicht fernhalten konnte und wollte. Ich fürchtete den Tag, an dem er Fairfield wieder verlassen und aus meinem Leben verschwinden würde, gleichzeitig sehnte ich ihn herbei, um wieder frei zu sein von dieser Obsession, die meine Tage, meine Nächte und mein ganzes Sein bestimmte.

Den ganzen Morgen hatte ich Tomaten gepflückt, dann hatte ich mit Martha in der Küche gestanden und das Essen für die Erntehelfer vorgekocht. Anschließend hatte ich mir rasch eine Stunde gestohlen und war zum Riverview Cottage hinübergeritten. Wie jedes Mal, wenn ich in den baumbestandenen Hohlweg einbog, der zu dem kleinen Haus führte, dachte ich an Brandon und schämte mich. Er schrieb mir Postkarten aus Europa und lange Briefe aus Cape Cod, und manchmal dachte ich, es wäre vernünftiger gewesen, seiner Einladung zu folgen, statt mich auf Christopher Finch einzulassen. Doch Minuten später waren alle Gedanken an Brandon vergessen. Ich sprang aus Waysiders Sattel, band ihn an und lief zum Haus. Christopher trat aus der Haustür und schloss sie hinter sich ab, eine Angewohnheit, die er wohl aus Dayton mitgebracht hatte.

"Hi!", rief ich und wollte ihn umarmen, aber er wandte sich ab.

"Ich muss weg", sagte er statt einer Begrüßung und fügte noch ein halbherziges "Tut mir leid" hinzu, als er meine Enttäuschung sah.

"Wo musst du denn hin?", erkundigte ich mich.

"Nach Madison", antwortete er knapp und ging zu seinem Auto. Seine Zurückweisung kränkte mich. "Sorry, ich hab's eilig, Carolyn. Nicht böse sein."

Ich hatte ihm sagen wollen, dass ich heute den ganzen Nachmittag Zeit hätte, aber ich kam nicht mehr dazu, denn er setzte sich in sein Auto, zwinkerte mir kurz zu und fuhr ohne einen Kuss oder ein Wort des Abschieds davon.

Ich blieb zurück, sprachlos darüber, wie kühl er mich abgefertigt hatte. Er verlangte von mir, ihm alles zu erzählen, aber er selbst sprach nie von sich. Wenn ich ehrlich war, kannte ich den Mann, mit dem ich seit drei Wochen beinahe täglich Sex hatte, kaum besser als an dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte; weder erfuhr ich etwas über seine Vergangenheit noch über seine Pläne, Gedanken, Abneigungen, Vorlieben und Träume, sofern sie nicht sexueller Natur waren. Er ließ mich an seinem alltäglichen Leben nicht teilhaben. Es frustrierte und enttäuschte mich, dass er mir keinen Zugang zu sich gestattete und ein Fremder für mich blieb, ein Mysterium, reduziert auf seinen Körper. Vielleicht war es ein

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen