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Sonne und Beton Roman von Lobrecht, Felix (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2017
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Sonne und Beton

"Ich wünschte, ich hätte mir mehr ausdenken müssen." Felix Lobrecht "Könn' wa die Scheiße vielleicht ma leiser machen? Mann ey ...", motzt ein Handwerker. Wir sitzen in der letzten Reihe im Bus. Julius stellt das Handy lauter und starrt den Typen provozierend an. Sanchez steht grinsend auf und schreit durch den ganzen Bus: "Sie haben nicht das Recht, mich‚Neger' zu nennen, Sir!". Wir fahren durch Neukölln, im Bus sitzen fast nur Ausländer. "Ick habe nicht ...", sagt der Typ. Alle im Bus starren ihn jetzt an. "Iiieh, richtiger Nazi!", ruft Gino. "Der Einzige, der hier ‚Neger' sagt, bin ick, Nigga!", brüllt Sanchez, nimmt einen großen Schluck der Apfelkorn-Sprite-Mische und verzieht das Gesicht. An der nächsten Haltestelle steigt der Mann aus. "Heil Hiter!", brüllen wir und lachen uns kaputt. "Miiiese Aktion, Alter", sagt Gino. Julius schlägt mit ihm ein. "Ja, Mann. Beste!" Ein heißer Sommer. Vier Jungs in den Hochhausschluchten der Großstadt. Eine folgenschwere Entscheidung.
Felix Lobrecht, geboren 1988, wuchs mit zwei Geschwistern bei seinem alleinerziehenden Vater in Berlin-Neukölln auf. Er ist Autor, Stand-Up-Comedian und einer der erfolgreichsten Slampoeten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 10.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843714778
    Verlag: Ullstein
    Größe: 657 kBytes
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Sonne und Beton

KAPITEL 1

"Mann, is dein Ernst? Lass mich doch mal rein jetzt, Alter. Ich bin seit vier Jahren hier auf dieser bekackten Schule. Du kennst mich. Wir haben uns schon tausendmal gesehen, ja. Ohne Spaß ...", sage ich.

Der Security-Typ am Eingang zur Schule reagiert nicht.

"Alter, ich hab nur heute einmal diesen scheiß Ausweis vergessen, wirklich. Sonst hab ich den immer dabei, Mann. Immer. Lass mich doch einfach rein jetzt."

Der Typ verzieht keine Miene und zieht an seiner Kippe, ohne mich anzugucken. "Kein Schulausweis, dann kommt nicht rein", sagt er.

Ich gucke auf die Uhr - kurz nach zehn, pünktlich zur dritten Stunde zu kommen wird knapp. Eigentlich egal, aber so oft, wie ich dieses Halbjahr gefehlt habe ... Ich hab kein Bock, die Neunte noch ein drittes Mal zu machen, ich muss da jetzt irgendwie reinkommen. Ich sehe mich um. Ist nicht irgendwo ein Lehrer von mir, der dem Typen erklären kann, dass ich hier auf die Schule gehe, oder so? Diese neue Regelung mit diesen Security-Affen hier an den Eingängen und auf dem Schulhof ist so dumm. Es klingelt zur Stunde, der Hof leert sich langsam.

"Mann, weißt du eigentlich, warum du hier stehst?", sage ich. Er schnipst den Stummel seiner Zigarette weg. "Du sollst darauf achten, dass keine Fremden irgendwen von hier zusammenschlagen oder Leute mit Waffen in die Schule kommen. Nicht Schüler, die hier normal auf die Schule gehen, aussperren, Alter!" Er reagiert nicht. "Ihr kontrolliert mich doch sonst auch nicht ... Lass mich doch mal rein jetzt, bitte ..." Er stellt sich direkt vor das Tor, holt sein Handy aus der Tasche und tippt irgendwas. So ein Spast. Ich schaue mich noch mal um, immer noch kein Lehrer in Sicht, den ich kenne. Scheiß drauf, ich gehe. Vielleicht schwänzt Gino ja zufällig, ich schreib ihm mal.

"Halbe Stunde Wutzkyallee vor Videothek", antwortet er. Ich stecke mein Handy wieder ein und laufe los.

Beim Döner hinter dem U-Bahnhof Zwicke kaufe ich mir von meinem letzten Geld eine Cherry Coke, fummel die Kopfhörer aus meinem Rucksack und mache Musik an. Ich laufe durch die Unterführung neben dem DeGeWo-Hochhaus, zu den Blocks dahinter. Wer kam eigentlich auf die Idee, eine Hälfte der Häuser in so einem hässlichen Braun und die andere Hälfte weiß zu bauen? Warum nicht wenigstens dieselbe Farbe?

Die Alkis auf der Bank neben dem Spielplatz unterhalten sich so laut, dass ich sie trotz meiner Musik höre. Ihr Geschrei passt gerade voll gut zu dem Intro von "Elektrofaust". Ich drücke kurz auf Pause, um zu hören, was sie brüllen. So wie die lallen, verstehe ich aber nichts. Die meisten kenne ich vom Sehen, der eine wohnt sogar bei mir im Haus, glaube ich. Ich gucke ihn an, er sieht mich, grüßt aber nicht.

Hoffentlich sitze ich in zehn Jahren nicht auch auf irgendeinem gammligen Spielplatz hier zwischen den Hochhäusern und saufe. Glücklich sehen die nämlich nicht aus. Die meisten Erwachsenen, die mir entgegenkommen, sehen nicht glücklich aus. Egal, ich laufe weiter, skippe zwei Lieder vor auf "Heavy Metal Payback" von Bushido und Fler und rappe leise mit. Ich kenne alle Texte auswendig. Alle.

Vor der Videothek steht Gino schon. Er hat die Hände in den Hosentaschen und lässt die Schultern hängen. Er guckt hektisch nach links und rechts, wahrscheinlich hat er Angst, dass ihn irgendwer beim Schwänzen erwischt. Ich habe mich eh gewundert, dass er sich ausgerechnet auf dem großen Platz treffen will. Wenn man irgendwo gesehen wird, dann hier, außerdem wohnt er direkt um die Ecke. Seine Eltern haben beide keinen Job, nicht unwahrscheinlich, dass die hier vorbeikommen. Vor allem seine Mutter. Die geht einkaufen, ab und zu irgendwo putzen oder erledigt irgendwas für Ginos kranken Bruder. Sein Alkoholikervater kriegt ja gar nichts mehr auf die Reihe, außer saufen und Novoline zocken.

"Lukas, wie geht's!? Auch kein Bock auf Schule heute, oder wie?", fragt Gino leise. Ich

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