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Stürmische Jahre Die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs von Hasler, Eveline (eBook)

  • Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
eBook (ePUB)
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Stürmische Jahre

Thomas Mann mit Familie, Franz Werfel, Annemarie Schwarzenbach, Alma Mahler - berühmte Autoren fanden vor dem Krieg in Zürich zusammen, mittendrin das heute vergessene Ehepaar Ferdinand und Marianne Rieser. Ihrem Engagement war es zu verdanken, dass das von ihnen gekaufte und privat betriebene Theater am Pfauen zu einer Heimat im Exil für viele durch den Nationalsozialismus gefährdete Schauspieler aus Deutschland wurde. Sie spielten riskante, nazikritische Stücke. In ihrer romanhaften Art erzählt Eveline Hasler von der angstvoll kreativen Anspannung damals, Schauplätze sind auch Wien, Prag und München. Ein starkes Porträt von Menschen, die mit angehaltenem Atem das Ungeheure erwarten. Eveline Hasler wurde in Glarus geboren, studierte Psychologie und Geschichte in Fribourg und Paris und war einige Zeit als Lehrerin tätig. Heute lebt sie im Tessin. Sie schreibt vor allem historische Romane, aber auch Lyrik, Kinderbücher, Kolumnen, Reportagen sowie Radio- und Zeitschriftenbeiträge. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schubart-Literaturpreis, dem Meersburger Droste-Preis für Dichterinnen und dem Justinus-Kerner-Preis. 1990/91 war sie Guest Lecturer am German Department der City University in New York. Ihre Bücher wurden bisher in zwölf Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783312006762
    Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
    Größe: 1469 kBytes
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Stürmische Jahre

21

DER JANUAR BLIEB KALT , die Straßen waren vereist.

Das hielt den begeisterten Automobilisten Rieser nicht davon ab, am Steuer seines Zweitwagens, eines cremefarbenen Buick, mit Frau und Töchterchen nach Wien zu reisen.

Franz und Alma Werfel erwarteten die Verwandten in ihrem neuen Wohnsitz, der Villa Ast. Sie stand im Edelviertel der Stadt auf der sogenannten Hohen Warte, eine Jugendstilvilla mit sandfarbener Fassade und zwanzig Zimmern. Der Erbauer, reich geworden in der Baubranche, hatte an nichts gespart, überall Marmor, die Zimmer luxuriös eingerichtet, geschmackvoll die Möbel aus der Wiener Werkstätte. Über dem Kanapee prangte, vom ehemaligen Geliebten Oskar Kokoschka gemalt, überlebensgroß die Hausherrin.

Jetzt wurde in einem Rollstuhl die junge Manon hereingeschoben, das Gesicht sorgfältig bemalt, eine kostbare Decke auf den Knien.

Die Gelähmte war Besucher gewohnt. Ein steter Strom von Mitfühlenden und Neugierigen zog vor ihrem Rollstuhl vorüber, und sie war es etwas müde geworden. Doch über den Besuch der kleinen Mucki schien sie sich aufrichtig zu freuen. Bevor Manon vor einem Jahr von der heimtückischen Krankheit erwischt worden war, hatten sich die beiden noch in Venedig gesehen, damals war Manon bei der Rialtobrücke herumgehüpft, ein rehschlankes, übermütiges Mädchen.

"Wunderbar, ihr seid gerade rechtzeitig gekommen", sagte Alma zu den Gästen. Und geheimnisvoll fügte sie hinzu: "Übermorgen ist Manons großer Tag."

Und Marianne: "Ach, was denn? Geburtstag hat sie doch nicht?"

"Sie wird verlobt", sagte Alma lächelnd.

Die Zürcher Gäste schauten verdutzt.

"Nun, es ist ein so reizender Bräutigam, ein junger Politiker. Die Liebe wird zu ihrer Heilung beitragen."

Ferdinand Rieser seufzte. Bestimmt hatte Alma sich das ausgedacht, er hasste Almas gesellschaftliche Betriebsamkeit. Zum Glück schlug Franz Werfel vor, mit den Gästen einen Rundgang durch Haus und Gartenanlage zu machen.

Draußen auf der Terrasse gestand der Hausherr, er möge den pompösen Palais nicht, Alma habe die Villa ausgesucht. Doch auch ihre Begeisterung habe inzwischen nachgelassen. Sie glaube, in den luxuriösen Marmorwänden wohne der Tod.

"Warum denn das?", fragte Marianne.

"Der frühere Besitzer und Erbauer, einer der erfolgreichsten österreichischen Baulöwen, hat nicht nur in der Weltwirtschaftskrise einen großen Teil seines Vermögens verloren, auch zwei seiner Kinder sind in diesem Unglückshaus, wie Alma es jetzt bezeichnet, gestorben. Und nun", Franz seufzte, "leiden wir ja unter der tragischen Erkrankung von Manon ..."

"Mit wem soll sie denn verlobt werden?"

"Mit Erich Cyhlar. Er ist achtundzwanzig."

"Ach, ich erinnere mich", sagte Marianne. "In Venedig, vor Manons Erkrankung, hat Alma ihn uns vorgestellt. Aber Manon schien mir über die Bekanntschaft nicht gerade begeistert zu sein."

Werfel nickte. "Nun, er ist ein liebenswürdiger junger Mann, ein Protégé des Moraltheologen Hollnsteiner. Er liebt Manon. Hollnsteiner und Alma finden, seine Zuneigung werde der Kranken guttun."

Das alles klang sehr nach Almas Inszenierung. Kein Wunder, dass man in den Klatschspalten der Wiener Presse bereits über das bevorstehende Ereignis lesen konnte.

Am Vortag werden denn auch rund um die Uhr weiße Blumenbouquets ins Haus geliefert.

Am Tag des Festes erscheinen die Gäste und sitzen mit leicht betretener Miene in Almas Salon. Unterhalten sich gedämpft. Das Wohnzimmer der kranken Braut, erklärt die Hausherrin, bleibe noch vor fremden Blicken durch einen Vorhang geschützt.

Erst als Hollnsteiner die Szene betritt, kommt Bewegung in die Gäste, als Zeremonienmeister ordnet er alle im Halbkreis an.

Geigenmusik erklingt, Hollnsteiner reißt den Vorhang beiseite.

Da sitzt die Braut, sorgfältig hergerichtet, neben dem Rollstuhl steht der Bräut

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