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Stadtgespräch von Lenz, Siegfried (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.09.2018
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Stadtgespräch

Eine kleine Stadt an einem Fjord, eine rechtschaffene Stadt. Nur einmal war es anders: Ein Ereignis riss sie aus ihrer Ordnung heraus und wurde zum Stadtgespräch. Tobis, der Erzähler, erinnert sich an die Zeit der Besetzung. Nach einem Attentat wurden 44 Geiseln festgenommen. Daniel, der Anführer der Widerstandsgruppe, sollte gezwungen werden, sich zu stellen. Er muss sich entscheiden: Folgt er der Aufforderung, wird der Widerstand gebrochen, stellt er sich nicht, sterben 44 Männer. Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, gestorben am 2014 in Hamburg, zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen Schriftstellern der Nachkriegsliteratur. Seit 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. Mit den masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken hatte er seinen ersten großen Erfolg, der sich 1968 mit der Deutschstunde zum Welterfolg ausweitete. Mit seiner Novelle Schweigeminute gelang ihm 2008 im hohen Alter abermals ein fulminanter Presse- und Publikumserfolg. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 19.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455000214
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
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Stadtgespräch

U nd wenn Daniel sich gestellt hätte? Und wenn die ganze Stadt, unsere Stadt ihn mit allen Stimmen darin bestärkt hätte, sich um ihretwillen nicht zu stellen? Wäre seine Geschichte dann vielleicht zuende gegangen? Hätte sie aufgehört, wenn Daniel weder gewählt noch geirrt hätte? Aber warum zwingt er uns, seine Geschichte immer neu und immer anders zu erzählen - ohne Aussicht, sie entscheiden zu können mit Hilfe von Genauigkeit? Und was sollte, was kann noch entschieden werden?

Es hilft nichts: immer führt da die helle, sandfarbene Straße am Fjord entlang, staubgepuderte Telegraphendrähte summen über den Klippen, zerschneiden das Ufer in dünne Scheiben; ein steinübersäter Hang fällt zur Straße ab; über dem Boden liegt ein bitterer Geruch von zähem Gewächs. Die Luft ist windlos. Und immer und jedesmal liegen drei Männer flach auf dem Hang mit ihren Waffen, und ein anderer kauert auf dem Felsvorsprung, von dem aus er die gezackten, scharfkantigen Wände des Tunnels erkennen kann.

Erinnere dich doch mit mir: wir lagen auf dem harten Hang, wir lagen hoch über dem Fjord vier Stunden schon, in den Felsen knackte die Hitze, vom Geröll traf ein glühender Hauch das Gesicht: kein Zeichen von Nicolas. Die eingesprengte Straße mit den schrägen Schatten der Sprenglöcher lag unter einem Schleier von Hitze und Staub, die Augen brannten, die Sonne bearbeitete die Stirn, durchbohrte die Lider, und die Detonationen im Steinbruch zerstörten das Gleichgewicht des Nachmittags. Nicolas gab nicht das Zeichen.

Auf den fleckigen Klippen stritten und beratschlagten sich die Möwen, ein auslaufender Kutter schnitt eine weiße Linie in den Fjord, der Fluß drängte die treibenden Stämme zur Mündung. Daniel beobachtete unter geröteten, halbgeschlossenen Lidern den Felsvorsprung, auf dem Nicolas kauerte, schwarz und reglos, nur ein Punkt am Saum unseres Blickfelds; er beobachtete ihn unablässig, auch wenn er mit uns sprach: Nicolas rührte sich nicht. Die Straße, die er bis zum Tunnel übersehen konnte, blieb leer.

Ich lag hinter euch, hinter dir, Daniel, und hinter Christoph, ich sah die Spannung in euren Nacken, sah die bläulich glänzenden Gewehrläufe, die seitlich unter den Körpern herausragten; keine Kühle erreichte uns dort, nicht die Kühle des Schmelzwassersturzes, den wir ständig hinter uns hörten, nicht die Kühle der Schneefelder auf den baumlosen Kuppen. Mein Hemd war naß über der Brust, ich schwitzte an den Schläfen und am Gesäß, ein warmes, rinnendes Gefühl im Unterleib warnte mich, beunruhigte mich immer wieder: besorgt betastete ich meine Hose, schob mich zurück und erleichterte mich schon wieder.

Wir rauchten nicht, wir tranken und aßen nicht während der Stunden am verbrannten Hang, ich hatte Schmerzen in meinem Körper, ich spürte vielleicht die Wunden, die er erhalten könnte, sobald Nicolas sein Zeichen gegeben hätte ... Daniel und Christoph flüsterten, ihre Gesichter näherten sich einander, verdeckten die Wurfgranate, die in einer Mulde vor ihnen lag, mit Steinen umstellt. Das Schmelzwasser strömte ohne Stauung, fiel dem Fjord entgegen, schäumte in unserm Rücken über ausgewaschene Felsen. Der Schaft meines Gewehrs war dunkel von Schweiß, dort, wo ich ihn gepackt hielt. Weiße Muscheln und die Scherben einer gesprungenen Flasche gaben vom steinigen Ufer her blendende Signale. Die Möwen einigten sich nicht über den höchsten Platz auf den Klippen. Nicolas kauerte fern von uns, regungslos über der Straße, als ob er das ausgemachte Zeichen vergessen hätte ...

Sie hatten mich zum ersten Mal mitgenommen, Daniel und Nicolas, nicht Christoph; sie hatten erfahren, daß einer in die Stadt kommen sollte, der noch mächtiger war als der Kommandant - du weißt, Daniel, wen ich meine: den alten eigensinnigen General mit den künstlichen, silbernen Kniescheiben -, und wir waren früh genug am Hang über der Straße, um ihn zu empfangen. Von den Schneefeldern waren wir he

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