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Sterbetage von Kettenbach, Hans W. (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Sterbetage

Eine sehr junge Frau begegnet Kamp, der vom Leben schon lange nichts mehr erhofft. Kamp versteht nicht, warum Claudia immer wieder zu ihm kommt. Er argwöhnt, daß ein krimineller Plan dahintersteckt, und als Claudia wieder einmal untertaucht, sieht er sich bestätigt. Kamp beschließt, die törichten Hoffnungen zu begraben und sich aufs Sterben einzurichten. Aber Claudia kommt zurück. '

Hans Werner Kettenbach, geboren 1928, studierte an vier Universitäten ausgedehnt und vielerlei, wurde Anzeigenvertreter, Stenograph beim Kicker Plärrer FAZ

Produktinformationen

    Größe: 1837kBytes
    Herausgeber: Diogenes
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 256
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783257601046
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Sterbetage

[5] 1

Kamp wacht auf gegen zwei in der Nacht. Nichts Beunruhigendes, nur das Übliche. Der Schlaf ist von ihm gewichen, lautlos, von einer Sekunde zur anderen. Vielleicht war es ein böser Traum, was ihn vertrieben hat. Aber Kamp weiß sich auch dieses Mal nicht zu erinnern. Der Schlaf hat nichts zurückgelassen.

Kamp lauscht. Das Hochhaus ist still. Er hat einmal ausgerechnet, daß es mindestens einhundertfünfzig lebende Menschen sein müssen, die in diesem Wabenbau sich jede Nacht zur Ruhe betten. Wo zwei beieinander schlafen, kann einer, wenn er erwacht, des anderen Atemzüge hören. Aber bis in Kamps Wabe dringt kein Laut. Die Aufzüge hängen regungslos in ihren finsteren Schächten. Es muß schon endlos lange her sein, daß die letzte Wohnungstür zugeschlagen ist, der Riegel des Sicherheitsschlosses ist eingeschnappt, ein Geräusch wie ein Schuß, der auf den Korridoren verhallt.

Vielleicht wird ein Zug die Brücke überqueren. Um diese Zeit sind die Güterzüge unterwegs. Stünde Kamp auf und sähe er aus dem Fenster, dann könnte er den nächsten vielleicht schon entdecken, die Stirnlampen der Lokomotiven ziehen ihre Bahn quer durch die stillen Lichter der Stadt. Aus der Höhe von Kamps Balkon ist das Rollen und Schlagen der schwarzen Räder nicht zu hören, aber sobald sie auf die Brücke fahren, rührt sich das Gitterwerk der Bögen, es dröhnt und singt. Kamp kann es hören wie einen Orgelton von weither.

Kamp hebt den Kopf. Als der Orgelton einsetzt, steht er auf. Er will nicht warten, bis die Brücke wieder verstummt, [6] die Stille sich wieder auf seine Ohren legt und ihn bei lebendigem Leibe begräbt. Er tritt an die Balkontür, die scharfe Januarluft beißt seine Haut.

Gut drei Stunden wird es noch dauern, bis unten auf den Parkplätzen eine Autotür zugeschlagen wird und der erste Motor zu näseln beginnt. Vier Stunden, bis die Zeitung im Briefkasten liegt. Kamp reibt sich die Brust und die Arme. Dann zieht er sich an.

Er verstaut den Wollschal fest im Mantel, setzt die Pelzmütze auf und streift die gefütterten Handschuhe über. Bevor er die Wohnungstür schließt, nimmt er den Handschuh der Rechten wieder ab, er zieht die Tür behutsam ins Schloß, und den Schlüssel hält er ganz fest, während er ihn umdreht, der Riegel soll nicht lärmen.

Ist es nur Rücksicht auf den Schlaf der anderen? Die Frage belästigt ihn wieder, im Aufzug denkt Kamp darüber nach. Er senkt den Kopf, betrachtet die Spitzen seiner Schuhe. Und wieder erinnert er sich, daß er das früher jeden Morgen getan hat, wenn er hinunterfuhr. Er wußte, daß seine Schuhe blank waren, aber er konnte es nicht lassen, sich im Aufzug dessen noch einmal zu vergewissern. Lächerlich.

Und was ist das jetzt?

Er weiß, daß es ihm unangenehm wäre, einem seiner Hausgenossen zu begegnen, auch wenn er ihn nicht einmal flüchtig kennte. Selbst einem Betrunkenen würde Kamp jetzt nicht gern begegnen. Es ist nichts Ungewöhnliches, es ist jedenfalls erklärlich, wenn ein Mensch nachts um zwei betrunken nach Hause kommt. Aber warum sollte ein Mensch nachts um zwei seine Wohnung verlassen? Ist es normal, um diese Zeit spazierenzugehen?

Was für ein Mensch muß das sein, der in der Schlafenszeit spazierengeht, in einer bitterkalten Nacht?

Niemand begegnet Kamp. Er tritt hinaus, legt eine Hand gegen die Haustür und läßt sie langsam ins Schloß gleiten. Bevor er die Außentreppe hinuntergeht, sieht er sich um. Er [7] zieht die Luft ein. Es riecht nach Schnee. Er geht die Treppe hinunter, zählt automatisch die Stufen, die sieben Schritte bis nach unten. Dann geht er in Richtung des Friedhofs, den Schotterweg am Spielplatz vorbei. Die Lichtkreise der Laternen kommen ihm vor wie Inseln, und jedesmal, wenn er eine der Inseln hinter sich läßt, muß er die schwarze Nacht durchqueren, die aus den Büschen fließt.

Schnee wäre schön. Schneefall, Flocken, die wie ein endlos sinkende

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