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Stern geht von Heerma van Voss, Thomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.09.2016
  • Verlag: Schöffling & Co.
eBook (ePUB)
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Stern geht

Seit dem Tag, an dem Hugo Stern in den Vorruhestand geschickt wird, ist nichts mehr, wie es war. Unaufhaltsam entgleitet ihm sein bisher so idyllisches Leben als Grundschullehrer in Amsterdam. Stern denkt zurück an seine Kindheit in dörflicher Enge, an seine Jugend im London der Swinging Sixties, die ihm auch nicht die erhoffte Freiheit gebracht hat, und an die Liebe zu seiner Frau Merel, die sich ihm mehr und mehr entfremdet. Sterns letzter Halt ist der unter großen Mühen im Ausland adoptierte Sohn, und auch dieser droht ihm zu entwachsen. Die Veränderungen in seiner Familie und die gesellschaftlichen Umbrüche stellen Stern auf eine harte Probe. Doch auch er verblüfft seine Umgebung mit seinem kompromisslosen Wesen und bringt sich dabei selbst in Schwierigkeiten. Mit 'Stern geht' ist dem jungen Autor Thomas Heerma van Voss eine berührende Vater-Sohn-Geschichte und das Porträt eines eigenwilligen Träumers gelungen. Thomas Heerman van Voss, 1990 geboren, studierte in London und Amsterdam. Seit 2009 schreibt er, teils auch zusammen mit seinem Bruder Daan, Romane. In den Niederlanden gilt er als eines der größten literarischen Talente seiner Generation. 'Stern geht' ist sein erstes Buch auf Deutsch. Ulrich Faure, Jahrgang 1954, lebt als Journalist und Herausgeber in Düsseldorf. Er übersetzt aus dem Niederländischen, u. a. Werke von Detlev van Heest und Simon Carmiggelt. 1992 hat er eine Geschichte des Malik-Verlags veröffentlicht und mit Jürgen Pütz die Briefe von Albert Vigoleis Thelen herausgegeben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 06.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783731761037
    Verlag: Schöffling & Co.
    Größe: 1306 kBytes
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Stern geht

9.

E s klopfte an die Tür. Einfach so, an einem regnerischen Donnerstagnachmittag. Hugo schreckte aus dem Schlummer hoch, rieb sich die Augen, blieb vor dem Fenster sitzen.

In einer ersten Regung beschloss er, nicht zu öffnen. Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln. Seit Nora, auch schon wieder Wochen her, war niemand mehr bei ihm vorbeigekommen. Er verließ sein Zimmer immer seltener. Die ersten Tage nach ihrer gemeinsamen Nacht hatte er Nora noch gesucht, war durch das Haus gebummelt und hatte die Mitbewohner gefragt, ob sie etwas von ihr gehört hätten ("Wer? Oh, dieses stürmische Mädchen, das hier gern Geld einsammeln kommt, ja, und ob ich die kenne, haha"). Aber als er sie schließlich an der Eingangstür sah und ihr aufgeregt zuwinkte, drehte sie ihm den Rücken zu. Sofort zog er seine Hand wieder zurück. Er wagte nicht zu fragen, warum sie sich so verhielt, er traute sich nicht einmal, zu ihr zu gehen. Offensichtlich wollte sie ihn nicht mehr sehen. Nach einer gemeinsamen Nacht hatte er sich erledigt, war er als unfähig eingestuft worden. Vielleicht sprach sie mit ihren Freundinnen darüber. Siehst du den kleinen, stillen Jungen? Der bringt's nicht im Bett. Der hat eindeutig nichts in Swinging London verloren.

Gelegentlich zwang er sich, Fremde im Speisesaal anzusprechen. Er lachte. Er machte Witze. Er erzählte von seinen Wanderungen durch die Stadt. Aber es klang von Tag zu Tag weniger überzeugend. Wenn ihn selbst die, die mit ihm geschlafen hatte, einige Tage später keines Blickes mehr würdigte, was konnte er dann von anderen erwarten? Nach ein paar Sätzen wusste er in der Regel nicht mehr, warum er das Gespräch überhaupt begonnen hatte, oder er sprach, weil er wirklich etwas loswerden wollte, manchmal aber auch nur deshalb, um nicht allein zu sein.

Wieder wurde angeklopft. "Wer ist da?" Hugoblieb noch immer sitzen. "Ich hab kein Interesse an Charity."

Es blieb still. Danach: ein drittes Klopfen. Leise. Kaum vernehmbar. Das Geräusch schien allein für Hugos Ohren bestimmt. "Hallo, lass es doch sein. Du hast dich in der Zimmernummer geirrt. Hier wohnt Hugo Stern. Die Party ist irgendwo anders."

Er erhob sich trotzdem. Einen Augenblick blieb er mitten in seinem Zimmer stehen, dem kleinen, engen Raum, den er mangels Alternative als sein Zuhause ansah und dessen Einzelheiten er alle auswendig kannte, jeden Fleck auf dem Fußboden, jeden Riss in der Wand.

Dann ging Hugo nach vorn und öffnete, ohne weiter zu überlegen, die Tür.

Vor ihm stand ein asiatischer Junge. Etwa gleich groß wie Hugo, vielleicht noch etwas kleiner.

Er hatte ein zerknittertes DIN -A4-Blatt in der Hand.

"Sicher das Rote Kreuz?" Hugos Stimme klang spöttisch, ein bisschen zynisch, er konnte seinen eigenen Tonfall nur schwer ertragen.

Der Junge schien antworten zu wollen, schwieg aber. Hugo konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal im Frühstückssaal gesehen zu haben.

"Das Rote Kreuz?", wiederholte Hugo.

"Sorry, dass ich störe." Der Asiate schaute auf sein Blatt, nicht zu Hugo. "Aber ich bin neu hier. Ich habe mich gefragt, wer in diesem Zimmer wohnt."

"Na, ich doch."

"Ich wohne ein Stockwerk drunter", las der Asiate in wenig überzeugendem Englisch ab. "Ich bin das erste Mal in Europa. Ich bin gestern aus Südkorea angekommen. Wohnst du schon lange hier? Studierst du?"

Hugo schaute in den Flur. Leer. Da stand niemand, um ihn auszulachen, es gab keine Formulare, die er unterzeichnen sollte. "Fast zwei Monate", sagte er. "Und nein, ich studiere nicht. Ich bin wegen anderer Sachen hierhergekommen."

Der Koreaner blieb stehen. Kein Anzeichen von Verachtung oder Überraschung, nicht einmal die an sich unvermeidliche Frage nach den "anderen Sachen".

"Ich auch", sagte der Koreaner. Es klang unwirsch, war mehr ein Brabbeln als ein Sprechen, aber Hugo konnte ihn trotzdem verstehen. Zum ersten Mal scha

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