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Stille über dem Schnee Roman von Shreve, Anita (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.04.2018
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Stille über dem Schnee

Ein tragisches Geheimnis aus der Vergangenheit und ein Findelkind im Schnee - Einfühlsam beschreibt Anita Shreve eine besondere Vater-Tochter-Beziehung Zusammen mit seiner zwölfjährigen Tochter Nicky hat sich der erfolgreiche Architekt Robert Dillon ins einsame New Hampshire zurückgezogen. Doch erst als die beiden in dem verschneiten Wald hinter ihrem Farmhaus ein erfrierendes Neugeborenes finden, stellen sie sich der Tragödie, die sie an diesen menschenleeren Ort geführt hat ... Eine berührende Geschichte über die Geheimnisse, die wir in uns tragen und doch irgendwann miteinander teilen müssen, um Erlösung zu finden.

Anita Shreve, geboren 1946 in Massachusetts, verbrachte einige Jahre als Journalistin in Afrika und bereiste weite Teile Kenias, bevor sie in die USA zurückkehrte und Schriftstellerin wurde. 'Die Frau des Piloten' und der für den Orange Prize nominierte Roman 'Das Gewicht des Wassers' waren große internationale Erfolge. Es folgten zahlreiche weitere Romane, die weltweit millionenfach verkauft wurden. Anita Shreve verstarb Ende März 2018 im Alter von 71 Jahren in New Hampshire.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 16.04.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492984362
    Verlag: Piper Verlag
    Serie: Piper Taschenbuch 50158
    Originaltitel: Light on Snow
    Größe: 576 kBytes
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Stille über dem Schnee

 

 HINTER DEM FENSTER DER WERKSTATT streift Winterlicht den Schnee. Mein Vater steht auf und streckt den Rücken.

»Wie war's in der Schule?« fragt er.

»Gut«, sage ich.

Er legt den Hobel weg und nimmt seine Jacke vom Haken. Ich streiche mit der Hand über die Tischplatte. Sie ist mit Holzmehl bestäubt, darunter jedoch reiner Satin.

»Fertig?« fragt er.

»Fertig«, sage ich.

Mein Vater und ich verlassen die Werkstatt in der Scheune und treten in die Kälte hinaus. Die stille, kalte Luft brennt mir beim Atmen in der Nase. Wir schnüren unsere Schneeschuhe und setzen sie fest auf die gefrorene Schneekruste. Ein Rostton färbt die Baumrinde, und die Sonne bildet violette Schatten hinter den Stämmen. Von Zeit zu Zeit steigt aus dem Licht ein Widerschein wie von gesplittertem Glas auf.

Wir laufen flott, weichen ausladenden Zweigen aus, werden hin und wieder im Nacken von einem Schneeschauer erwischt. Mein Vater sagt: »Ich fühle mich wie ein Hund, der abends endlich raus darf.«

Die Stille des Waldes überrascht immer wieder, eine Stille wie im Theater vor Beginn der Vorstellung. In dem tiefen Schweigen hört man dürres Laub rascheln, ein Ästchen knacken, den Bach unter der Eisdecke dahinströmen. Jenseits des Waldes ist das dumpfe Wummern eines Lastwagens auf der Route 89 zu hören, das Brummen eines Flugzeugs vor der Landung in Lebanon. Wir gehen einen Weg, den wir gut kennen, er endet an einer Steinmauer am Fuß der Anhöhe. Die Mauer hat früher einen Bauernhof eingegrenzt. Das Haus und der Stall stehen nicht mehr, nur die Fundamente sind noch da. Manchmal setzt sich mein Vater, wenn wir ankommen, auf die Mauer und zündet sich eine Zigarette an.

Ich bin an diesem Nachmittag Mitte Dezember zwölf Jahre alt (heute bin ich dreißig) und weiß nicht, daß ich mich auf der Schwelle zur Pubertät befinde, dieser gnadenlos narzißtischen Phase, in der Waldwanderungen mit meinem Vater so ziemlich das letzte sein werden, worauf ich nach der Schule Lust habe. Die gemeinsamen Wanderungen sind meinem Vater und mir mit der Zeit zur Gewohnheit geworden. Mein Vater steht jeden Tag viel zu lange über seiner Arbeit, und ich weiß, daß er an die frische Luft muß.

Wenn der Tisch fertig ist, wird mein Vater ihn ins Vorderzimmer zu den anderen Möbeln stellen, die er gemacht hat. Vierzehn Stücke in zwei Jahren, das ist keine große Ausbeute, aber er mußte sich alles aus Büchern selbst aneignen. Was er aus den Büchern nicht erfährt, erfragt er bei einem Mann namens Sweetser unten im Eisenwarenladen. Die Möbel von der Hand meines Vaters sind einfach und zweckmäßig, und so will er sie haben. Die Proportionen stimmen, die Ausführung ist passabel, aber eigentlich spielt das alles keine Rolle. Wichtig ist, daß er sich beschäftigt und daß es mit seiner früheren Tätigkeit möglichst wenig Ähnlichkeit hat.

Ein Zweig bricht und hinterläßt einen Kratzer auf meiner Wange. Die Sonne geht langsam unter. Wir haben vielleicht noch zwanzig Minuten Tageslicht. Der Rückweg zum Haus hinunter ist ohne Schwierigkeiten und läßt sich in zehn Minuten bewältigen. Wir haben noch Zeit, zur Mauer hinaufzugehen.

Da höre ich den ersten Schrei. Eine Katze, denke ich und bleibe lauschend unter Kiefernzweigen stehen. Da ist es wieder. Ein rhythmisches Weinen, eine Klage.

»Dad«, sage ich.

Ich gehe einen Schritt in Richtung des Geräuschs, aber so plötzlich, wie es angefangen hat, hört es wieder auf. Hinter mir fällt ein Schneeklumpen mit gedämpftem Aufprall auf die hartgefrorene Decke.

»Eine Katze«, sagt mein Vater.

Wir machen uns an den steilen Anstieg. Meine Füße hängen wie Gewichte an meinen Beinen. Wenn wir den Gipfel erreichen, wird mein Vater abschätzen, wie es mit dem Licht steht, und wenn wir noch Zeit haben, wird er sich auf die Steinmauer setzen und unser Haus suchen - ein gelber Schimmer zwischen den Bäumen. »Da«, wird er sagen und hügelabwärts zeigen.

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