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Tabu Roman von Schirach, Ferdinand von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.02.2017
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Tabu

Sebastian von Eschburg verliert als Kind durch den Selbstmord seines Vaters den Halt. Er versucht, sich durch die Kunst zu retten. Er zeigt mit seinen Fotografien und Videoinstallationen, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Es geht um Schönheit, Sex und die Einsamkeit des Menschen. Als Eschburg vorgeworfen wird, eine junge Frau getötet zu haben, übernimmt Konrad Biegler die Verteidigung. Der alte Anwalt versucht, dem Künstler zu helfen - und damit sich selbst.

Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen "großartigen Erzähler", die New York Times einen "außergewöhnlichen Stilisten", der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei "eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur". Die Erzählungsbände "Verbrechen", "Schuld" und "Strafe" und die Romane "Der Fall Collini" und "Tabu" wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück "Terror" zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch "Kaffee und Zigaretten" sowie "Trotzdem", ein Band mit Gesprächen mit Alexander Kluge.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 13.02.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641203313
    Verlag: btb
    Serie: btb 71498
    Größe: 1410 kBytes
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Tabu

4

Es war der erste Tag der großen Ferien. Sebastian hatte kaum geschlafen. Sie fuhren um vier Uhr früh ins Revier. Nachts hatte es geregnet, die Wiesen waren feucht, die Erde klebte an den Gummistiefeln und machte sie schwer. Der Vater trug die Doppelbüchse über der Schulter. Der Schaft rieb am Lodenmantel, der Stoff dort war mit den Jahren dünn geworden. Die Rosen und Goldlinien der englischen Gravuren waren kaum noch sichtbar, der Schaft war fast schwarz. Der Lodenmantel roch nach Kaninchen und Tabak. Sebastian dachte an das Gewehr, das ihm sein Vater zur Jagdprüfung versprochen hatte. Mit 17 könnte er die Prüfung machen, aber bis dahin würde es noch lange dauern.

Er ging gerne neben seinem Vater. Jagen ist eine ernste Sache, hatte der Vater oft gesagt, und Sebastian verstand, was er meinte. Nur auf den Treibjagden war es anders. Im Hof des Jagdhauses gab es dann Kartoffelsuppe, es war laut. Oft kamen neue Gäste, »Frischlinge«, wie die Treiber sie heimlich nannten. Sie trugen neue Mäntel und hatten neue Gewehre. Man brachte die »Frischlinge« zu besonderen Plätzen, wo sie mit ihren Gewehren nichts anstellen konnten. Sie redeten immer, auch während sie auf das Wild warteten. Sie sprachen über ihre Arbeit in der Stadt oder über Politik oder über irgendetwas anderes, und Sebastian wusste, dass sie die Jagd nicht begriffen. Später wurde vor dem Jagdhaus die Strecke gelegt, die Tiere waren tot und schmutzig. Sebastian ging nicht mehr mit auf die Treibjagden. Aber wenn sie alleine waren und der Vater kaum sprach, gehörte ihnen der Wald und das Wild und es gab nichts Schmutziges und nichts Falsches.

 

Sie stiegen auf den Hochsitz und warteten, bis der Frühnebel sich aufgelöst hatte. Als der Rehbock auf das Feld trat, gab der Vater Sebastian das Fernglas. Es war ein kapitaler Sechserbock, er war groß und stolz und er war sehr schön. »Wir haben noch Zeit«, flüsterte der Vater. Sebastian nickte. Es war Anfang August, die Schonzeit würde erst Mitte Oktober beginnen. Er überlegte, warum der Vater überhaupt ein Gewehr dabeihatte, wenn er es nicht benutzen wollte. Aber dann dachte er, dass er später auch immer sein Gewehr mitnehmen würde.

Der Vater zog eine Zigarre aus dem Etui, das Leder war fleckig und alt, so wie alles alt war, was der Vater besaß. Von hier oben konnten sie weit ins Tal sehen, bis zu dem Kirchturm des Dorfes und an klaren Tagen noch weiter, bis zu den Alpen. Sebastian würde sich später an jede Einzelheit erinnern, an den Rauch der Zigarren, an den Geruch von Harz und von nasser Wolle und an den Wind in den Bäumen.

Sie wechselten sich mit dem Fernglas ab, es war so schwer, dass Sebastian sich mit den Ellbogen auf dem Querbalken abstützen musste. Lange beobachteten sie die Rehe.

 

Dann legte der Vater kurz an und schoss. Sie kletterten vom Hochsitz, Sebastian rannte über das Feld. Die Vorderläufe des Rehs sahen aus, als würde es noch laufen, sie waren abgeknickt und klein, die Augen standen offen, halbrund gewölbt und trüb, die rote Zunge war seltsam verdreht. Sebastian kannte die alte Sprache der Jäger, sie sagten Lichter anstelle von Augen und Äser anstelle von Maul. Der Vater hatte gesagt, Jäger seien abergläubisch und man dürfe im Wald keine normalen Worte benutzen, das Wild würde sonst gewarnt. Aber jetzt war das Reh tot und die Worte spielten keine Rolle mehr.

Der Vater beugte sich über das Tier, spreizte dessen Hinterläufe und kniete sich darauf. Er schnitt die Bauchdecke vom Darmausgang bis zur Kehle auf. Blut und Gedärme quollen hervor. Der Vater zog Pansen, Herz, Milz und Lunge aus dem Körper und legte sie neben sich ins Gras.

Sebastian fühlte sich wie damals, als er auf einer Wanderung in eine Schlucht geschaut hatte, er hatte sich nicht mehr lösen können. Er hatte in die Tiefe gestarrt, immer weiter, wehrlos und ohne Willen, bis der Vater ihn zurückgerissen hatte. Und jetzt war es die

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