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Tagtraum von Mittmann, Michael (eBook)

  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Tagtraum

Das Überschreiten von Grenzen, der Übergang vom Alltäglichen zum Besonderen, vom Wachsein zum Traum, vom scheinbar Normalen zur Manie - dieser manchmal nur schmale Grat beherrscht thematisch die Erzählungen von Michael Mittmann. Dafür werden die unterschiedlichsten Szenarien entworfen: ein Spaziergang durch Dublin, die nächtliche Wache auf einem Segelboot in der Biskaya, der Kampf mit einem neuen Redaktionssystem. Selbst ein Umzug aufs Land gerät völlig außer Kontrolle und sprengt die Grenzen des Vorstellbaren. Die Protagonisten ringen darum, das richtige Maß zu finden; sei es in der Liebe, beim Erinnern, beim Sport, beim Leben überhaupt. Michael Mittmann, geboren 1952 in Hannover, studierte ebendort an der Leibniz Universität Politik und Soziologie mit dem Abschluss Magister Artium. Nach einiger Zeit als Promovend entschied er sich gegen eine Hochschultätigkeit und arbeitete zunächst in verschiedenen Jobs wie Dachdecker, Möbelpacker und freier Sportreporter, bevor er ein Volontariat bei der Deister-Leine-Zeitung in Barsinghausen machte. Die Liebe zum Meer zog ihn 1988 nach Leer, dann ins Rheiderland, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2016 Lokalredakteur bei der Ostfriesen-Zeitung war. Parallel dazu hat er an Kurzgeschichten gearbeitet, die in verschiedenen Anthologien erschienen sind. Tagtraum ist sein zweier Erzählband, der postum von seiner Ehefrau Insa Segebade herausgegeben wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 332
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783750473966
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 489 kBytes
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Tagtraum

St. Michan's Church

Er wachte vom Geräusch des Regens auf, der aufs Fensterbrett tropfte. Eine Zeitlang gelang es ihm, das Geräusch in einen Traum einzubeziehen, in dem er in rasender Fahrt über Stromschnellen jagte, während am Ufer eine menschenleere Landschaft mit verlassenen Häusern und stillgelegten Fabriken vorbeizog. Dann kenterte sein Boot, er geriet mit dem Kopf unter Wasser, das ihm in Mund und Nase drang. Das Klirren von Tassen und Tellern aus der Küche irgendwo unter ihm weckte ihn und bewahrte ihn vor dem Ertrinken.

Unten erwartete ihn die geballte Wucht eines irischen Frühstücks. Vorsichtig schob er die Sausages und die kross gebratene Scheibe Blutwurst an den Rand des Tellers, schnitt den Frühstücksspeck in schmale Streifen und teilte das Rührei mit der Gabel in winzige Bissen auf, die er bedächtig wie ein Testesser in einem Drei-Sterne-Restaurant kaute. Dabei spülte er reichlich mit Tee nach, den er so kräftig mit Milch verdünnte, dass er seine Wirtin um ein zweites Kännchen bitten musste.

Von seiner Bleibe in der Camden Row waren es nur ein paar Schritte bis St. Stephen's Green, den der Reiseführer als einen möglichen Ausgangspunkt für eine Sightseeing-Route vorschlug. Atemholen vor dem Start. Die Schwäne auf dem Teich streckten ihre Hälse, spreizten ihre Federn, stellten sich zum keltischen Reihentanz auf, und die Inschriften auf den Grabsteinen des alten Hugenottenfriedhofs blinzelten ihm träge zu. Es klarte auf, der Regen ging in ein feines Nieseln über, und von der See her kam ein frischer Wind auf. Die Luft tat ihm gut.

Von St. Stephen's Green war es nur ein Katzensprung bis ins Zentrum. Er warf einen flüchtigen Blick auf das Leinster House in der Kildare Street mit seinen dorischen Säulen, den hohen, schmiedeeisernen Toren und der prachtvollen Kuppel. Das heutige Parlamentsgebäude war 1745 als das Stadthaus der Herzöge von Leinster erbaut worden, wusste er aus dem Reiseführer. Alle Schätze Dublins, ja Irlands, lagen auf seinem Weg. Die Nationalgalerie mit Bildern von Rembrandt, Tizian, Goya, Michelangelo und Turner. Die National Library mit ihrer Sammlung von Erstdrucken und alten Landkarten. Das Nationalmuseum mit der Tera-Brosche aus dem 8. Jahrhundert und dem Cross of Cong, einem Prozessionskreuz aus Eichenholz, beschlagen mit Tierornamenten aus Silber und vergoldeter Bronze, mit Reliquienschreinen, reich verziert mit Gold, Silber und Edelsteinen. Jede einzelne Station eines mehrstündigen Besuchs würdig, ein Muss für jeden Touristen. Er verschob es auf später.

Das geschichtsträchtige Trinity College mit der altehrwürdigen Old Library, Ausstellungsort des Books of Kells und zwei der ältesten irischen Harfen, ließ er rechts liegen, als er in die Leinster Street abbog und durch die Nassau Street Richtung Grafton Street zog. Das moderne Dublin. Straßencafés, Boutiquen, Läden mit teurem Schnickschnack. Hand knit wool, Jacketts aus Donegal-Tweed, pompöse Kristall-Leuchter aus Waterford, Aschenbecher aus grünem Connemara-Marmor. Porzellanfiguren, Schäferin und Schäfer, aus Fermanagh, Silberschmuck, Keramik.

Er schlenderte ziellos von Schaufenster zu Schaufenster. Eine Fußgängerzone wie an jedem anderen beliebigen Ort der Welt. Austauschbar. Vor einer Einkaufspassage ein Straßenmusiker mit Gitarre. Drei oder vier Akkorde zu einer getragenen Melodie. Etwas Irisches, er kannte die Melodie, musste sie erst kürzlich gehört haben. "My young love said to me, my mother won't mind. And my father won't slight you for your lack of kind", formten sich in seinem Kopf die Worte. Als er genauer hinhörte, stellte er allerdings fest, dass er sich geirrt hatte. Das war nichts Irisches, der Musiker da vor den Schaufenstern spielte nur eine schräge Fassung von "Blowin' in the wind".

Irische Folkmusik, wo gab es die in Dublin? Vage Erinnerung an einen Abend mit Harp und Guinness. Eine Seitenstraße von Templebar, hier irgendwo in der Nähe. "She moved

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