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Tango mortale von Kohout, Pavel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2016
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Tango mortale

Julia, die ehemals gefeierte Primaballerina, ist in die Jahre gekommen. Die Heirat mit einem italienischen Fürsten hat ihr ein Millionenvermögen beschert. In Prag, ihrer Heimatstadt, begegnet sie dem jungen Leo, der seine Position in einer IT-Firma aufgegeben hat, um sich als bezahlter Taxi-Dancer bei Tango-Partys durchzuschlagen. Sein Aussehen, seine Jugend und seine tänzerische Virtuosität machen ihn zu einem geeigneten Kandidaten für ihren raffinierten Plan: Um ihr Vermögen vor der Verwandtschaft zu schützen, soll Leo adoptiert und so der Alleinerbe werden. Aber Leo hat in Prag einen fatalen Deal abgeschlossen, der ihn bis nach Italien verfolgt... Prag, Rom und Capri sind nur einige Stationen des neuesten Romans von Pavel Kohout, dessen Episoden Vergangenheit und Gegenwart Europas berühren. Ein Roman, der nicht nur alle Kohout-Fans in seinen Bann ziehen wird. 'Hinter diesen flachen Hügeln', sagte sie, 'liegt Rom. Und alles, was du siehst, wenn du dich umschaust, ist die Regione Mortadini. Mein Fürstentum.' AUTORENPORTRÄT Pavel Kohout, 1928 in Prag geboren, ist als Schriftsteller und Dramatiker international bekannt geworden. Als einer der Wortführer des "Prager Frühlings" von 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und über zwanzig Jahre totgeschwiegen. Mitverfasser der "Charta 77", daraufhin 1979 ausgebürgert. Zu seinen bekanntesten Werken gehören: "August August, August" (1968); "So eine Liebe" (1969); "Wo der Hund begraben liegt" (1987) und "Sternstunde der Mörder" (1995). Bei Osburg erschienen "Die Schlinge" (2009) und "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel" (2010) und "Der Fremde und die schöne Frau" (2011). Pavel Kohout lebt heute in Wien und Prag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 346
    Erscheinungsdatum: 01.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711449073
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 1429 kBytes
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Tango mortale

III. Prag

Prag zeigte ihr sein freundlichstes Gesicht und begrüßte sie mit dem schönen Wetter des bevorstehenden Sommers. Signore Bartolo, der Direktor ihres Lieblingsreisebüros in Rom, der sich wie ein hoher kirchlicher Würdenträger bewegte und auch so sprach, hatte zweifelsohne die Leitung des Prager Grandhotels mit seinen Mails, Anrufen und Interventionen über Skype so gedrillt, dass diese sich auf sie ebenso vorbereitet hatte wie auf Obama. Als Peppino, der schon einen Tag zuvor mit den Koffern angekommen war und im Flughafenhotel geschlafen hatte, vor dem Haupteingang vorfuhr, so als sei dort eine weiße Yacht gelandet, öffneten die Boys in Livree gleichzeitig beide Flügel der Eingangstür, und der Hoteldirektor sprach sie, eine Rose in der Hand haltend, in englischer Sprache mit dem richtigen Titel an - "Serene highness!" - also "Prinzessin". Natürlich hatte er für sie dieselbe Suite wie für den amerikanischen Präsidenten hergerichtet, denn Bartolo hatte sicher auch nicht versäumt anzudeuten, dass sie als Witwe eines Mannes, der darüber hinaus viele Jahre Senator war, auch weiterhin Mitglied des Klubs führender italienischer Politiker und vor allem des europäischen Hochadels sei. Allerdings wusste er nicht und konnte deshalb das Personal nicht darauf aufmerksam machen, dass sie Tschechisch sprach, somit sprachen anfangs alle mit ihr Englisch, während sie das Vergnügen hatte, solche Aufforderungen zu verstehen wie "Franta, du sollst ihr die Aufzugtür aufhalten!" oder "Idiot, zerkratz den teuren Koffer nicht!". Sie wollte nicht, dass sich daraus ein riesiger Skandal entwickelte, deshalb gab sie ihr Geheimnis schnell preis und betonte, die paar Bemerkungen überhört zu haben. Wiederum amüsierte sie, dass der "Idiot mit dem Koffer", als er sich für das reichliche Trinkgeld mit einem Diener bedankte, sie mit "Frau Prinzessin" ansprach. Im selben Augenblick stellte sich die Hoteldame mit ihrer Assistentin ein, unter ihrer Leitung wurden alle Sachen aufgehängt und verstaut. Aus ihrem Gesichtsausdruck schloss sie, dass selbst die schöne Frau Obama keine drei Paar Tanzschuhe mit sich geführt hatte.

Dann nahm sie einen weiteren Schluck irischen Whisky, legte sich in die Wanne für zwei, schaltete Whirlpool und Fernseher gleichzeitig ein und sah die ersten tschechischen Nachrichten seit den letzten vierzig Jahren, in denen dem Idol des Prager Frühlings, Alexander Dubcek, Tränen in den Augen standen, nachdem die erschöpften Reformatoren und zufriedenen "Konservativen" aus Moskau zurückgekehrt waren, wo man gerade den "vorübergehenden Aufenthalt der Bruderarmee" in der Tschechoslowakei, die somit zum sowjetischen Gubernium wurde, unterschrieben hatte. Ihr Viktor bezeichnete den Versuch, den Totalitarismus zu demokratisieren, von Anfang an als kindlich naiv. "Ein Hase bringt dem Bären nicht bei, Gras zu fressen!" Das Ergebnis des Eintauschs des bösen Fridolin Novotny gegen den braven Pierrot Dubcek kommentierte er mit einem Bonmot: "Ein alter Saustall mit neuem Personal". Und das Weinen des Ersten Sekretärs über das Ergebnis der Moskauer Gespräche, dessen Kern den Bürgern verborgen blieb, widerte ihn förmlich an. "Die Unterstützung von fünfzehn Millionen im Rücken zu haben, in denen sich die Okkupationsarmee wie Zucker auflöst, und alles derart zu vergeigen, dafür müsste sich jeder ehrliche Politiker erschießen!" In Rom konnte man kein tschechisches Fernsehen empfangen, und nach Viktors Tod begann sie, die Zeitungen, die ihnen Bekannte aus Prag über verschiedene Boten geschickt hatten, ungelesen wegzuwerfen. Die Exilzeitungen lasen sie schon seit längerer Zeit nicht mehr, denn den eingefleischten Demokraten Viktor hatten ihr primitiv radikaler Antikommunismus und auch die Kleinkriege der verschiedenen Emigrantenwellen abgestoßen. "Im Totalitarismus Winzlinge, in der Freiheit Riesen!" Was sie jetzt von der Badewanne aus sah, waren die Bilder des Lebens eines unbekannten Landes, wo s

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