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Träumen von Knausgård, Karl O. (eBook)

  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)

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Träumen

Die vierzehn Jahre, die ich in Bergen lebte, sind längst vorbei. Ich führte ein Tagebuch, das habe ich verbrannt. Ich knipste ein paar Bilder, von denen besitze ich noch zwölf. Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dort ankam!
14 Jahre verbrachte Knausgård in Bergen, bevor er aus der norwegischen Küstenstadt regelrecht nach Stockholm floh, als ginge es ins Exil. Es waren Jahre, in denen er so unermüdlich wie erfolglos versuchte, Schriftsteller zu werden, in denen schließlich seine erste Ehe scheiterte, in denen sich Momente kurzer Glückgefühle mit jenen tiefster Selbstverachtung die Hand gaben, in denen sich Demütigungen und Höhenräusche ebenso schnell abwechselten wie selbstzerstörerische Alkoholexzesse und erste künstlerische Erfolge. Dabei hatte es am Anfang so gut ausgesehen, dieses Leben in Bergen. Dem jungen Knausgård schien die Welt offenzustehen, all seine Träume schienen sich zu erfüllen. Er hatte einen Studienplatz an der Akademie für Schreibkunst bekommen, endlich eine Freundin gefunden ...

Karl Ove Knausgård wurde 1968 geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiographischen Projektes wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. 2015 erhielt Karl Ove Knausgård den WELT-Literaturpreis, 2017 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er lebt mit seiner Familie an der schwedischen Südküste.

Produktinformationen

    Größe: 715kBytes
    Reihe (Teil): Das autobiographische Projekt Bd.5
    Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag
    Untertitel: Roman
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 800
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783641102081
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Träumen

Das Café Opera am Tag war ein völlig anderer Ort als das Café Opera am Abend. Jetzt war es nicht mehr voller Studenten, die Bier tranken, sondern voller Menschen unterschiedlichster Art, sogar älterer Damen um die fünfzig mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen vor sich. Wir fanden im Erdgeschoss einen freien Tisch am Fenster, hängten unsere Jacken über die Stuhlrücken und gingen bestellen. Ich war pleite, so dass Yngve mir einen Café au Lait ausgab, während Asbjørn sich für einen Espresso entschied. Als ich sah, wie ihm das kleine Tässchen gereicht wurde, erkannte ich es wieder, so eins hatte man Lars und mir bei unserem ersten Stopp unmittelbar hinter der italienischen Grenze serviert, wir hatten um Kaffee gebeten und daraufhin diese winzig kleinen Tassen bekommen, die mit einem Kaffee gefüllt waren, der so stark und konzentriert war, dass man ihn unmöglich trinken konnte. Ich hatte ihn in die Tasse zurückgespuckt und den Kellner angeschaut, der mich jedoch ignorierte, es war ja nun wirklich alles in Ordnung.

Asbjørn schien diesen Kaffee jedoch zu mögen. Er pustete auf die schwarzbraune Oberfläche und trank einen Schluck, stellte die Tasse auf den Unterteller und sah aus dem Fenster.

"Hast du schon einmal etwas von Jon Fosse gelesen?", fragte ich und schaute ihn an.

"Nein. Ist er gut?"

"Keine Ahnung. Er ist einer der anderen Lehrer."

"Ich weiß, dass er Romane schreibt", meinte Asbjørn. "Er ist Modernist. Ein westnorwegischer Modernist."

"Warum fragst du mich nicht, ob ich Jon Fosse gelesen habe?", sagte Yngve. "Weißt du, ich lese nämlich auch Bücher."

"Ich habe noch nie gehört, dass du über ihn redest, deshalb bin ich davon ausgegangen, dass du ihn nicht gelesen hast", erwiderte ich. "Hast du ihn gelesen?"

"Nein", sagte Yngve. "Aber es wäre möglich gewesen."

Asbjørn lachte.

"Man merkt, dass ihr Brüder seid!"

Yngve holte seine Zigarettenspitze heraus und zündete sich eine Zigarette an.

"Wie ich sehe, hast du deine David-Sylvian-Marotten noch nicht aufgegeben?", sagte Asbjørn.

Yngve schüttelte nur den Kopf und blies langsam den Rauch über den Tisch.

"Ich habe mich nach Sylvian-Brillen umgeschaut, aber die Fassung verloren, als ich den Preis gehört habe."

"Großer Gott, Yngve", sagte Asbjørn. "Das war dein schlechtester Witz bis heute. Und das will schon was heißen."

"Ja, da muss ich dir leider recht geben", erwiderte Yngve und lachte. "Aber von zehn Wortspielen sind höchstens ein oder zwei geglückt. Das Problem ist, dass man durch die ganzen schlechten hindurchmuss, um zu den wirklich guten zu gelangen."

Asbjørn wandte sich mir zu.

"Du hättest Yngve sehen sollen, als ihm einfiel, dass der Flughafen in Jølster selbstverständlich Astrup heißen muss. Er hat so gelacht, dass er aus dem Zimmer gehen musste. Über seinen eigenen Witz!"

"Der war aber auch verdammt gut", meinte Yngve und fing an zu lachen. Asbjørn lachte auch. Dann, als wäre ein Schalter umgelegt worden, hörte er auf und war plötzlich für einen Moment vollkommen still. Er zog seine Zigarettenschachtel heraus, ich sah, dass er Winston rauchte, zündet sich eine an und leerte die Espressotasse mit seinem zweiten Schluck.

"Weißt du, ob Ola in der Stadt ist?", fragte er.

"Ja, er ist schon eine ganze Weile hier", antwortete Yngve.

Sie unterhielten sich über ihr Studium. Die meisten Namen, die sie erwähnten, hatte ich noch nie gehört, und da mir der Kontext so fremd war, konnte ich mich selbst dann nicht in das Gespräch einschalten, wenn sie auf Filme und Bands zu sprechen kamen, die ich kannte. Ihre Unterhaltung entwickelte sich fast zu einem Streit. Yngve meinte, es gebe nichts, was an sich echt oder authentisch sei, alles sei auf die eine oder andere Art eine Pose, selbst, so lautete sein Beispiel, Bruce Springsteens Image. Seine Bodenständigkeit sei genauso gekünstelt und kalkuliert wie die Exzentrik

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