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Triumphgemüse Geschichten von Schmidt, Jochen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
12,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Triumphgemüse

'Die jungen Wilden aus dem literarischen Untergrund Berlins ... Sie beobachten alles. Und sie erinnern sich an alles' - so Henryk M. Broder im SPIEGEL über Jochen Schmidt und seine schreibenden Kollegen, die sich regelmäßig in der Berliner Literaturszene zu öffentlichen Lesungen treffen. In der Tat schreibt Jochen Schmidt über all das, was er um sich herum erlebt, sieht und hört, und läßt daraus wunderbar skurrile Charaktere entstehen. Seine Geschichten tragen so schöne Titel wie Harnusch mäht als wärs ein Tanz oder Triumphgemüse. Sie sprechen vom Leben im Oderbruch und davon, wie eine Stadt sich verändert, sie sprechen von der Gegenwart und von der Vergangenheit, von Zeit im allgemeinen und von ihrem Stillstand im besonderen - und vom alten Harnusch, der so schön mähen konnte, daß sogar der Tod ihm seine Sense überließ.1999 hat Jochen Schmidt für seine Geschichte Harnusch mäht als wärs ein Tanz einen der drei ersten Preise des Open-Mike-Wettbewerbs der Literatur-WERKstatt Berlin gewonnen - wie zuvor schon Karen Duve, Julia Franck und die Bachmann-Preisträgerin Terézia Mora. Die vorliegende Sammlung von Geschichten enthält die prämierte Erzählung und zeigt zugleich das Spektrum seines Könnens in ganzer Breite. Jochen Schmidt ist 1970 in Berlin geboren und lebt dort. Er liest jede Woche in der Chaussee der Enthusiasten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 248
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406699160
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 3061 kBytes
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Triumphgemüse

Harnusch mäht als wärs ein Tanz

"Harnusch weiß nich, was Krankheit uff sich hat", hatte Frau Tatziet jahrelang bewundernd, aber auch ein bißchen mißtrauisch versichert, denn bei Bauer Harnusch wußte man nie, und wenn der nicht krank wurde, dann war das nicht das einzige, was bei ihm nicht wie bei allen war.

"Und jetzt ist er tot, wenn man das so nennen kann." "Wieso? Tot ist doch tot?" "Das sagst du so, aber das ist doch nicht das gleiche, ob einer wartet, bis seine Zeit gekommen ist, oder ob er sich einfach aus dem Staub macht." "Er hat sich umgebracht?" "Doch nicht der Harnusch." "Aber er lebt nicht mehr?" "Nein, leben lebt er nicht mehr, aber tot kann man das nicht nennen, ich weiß nicht, wie mans nennen soll, darüber zerbrich du dir mal den Kopf, du siehst ja auch schon wieder ganz vergeistigt aus, iß lieber noch was, die Wurst war für dich berechnet, oder soll ich das wieder einpacken? Iß mal, ich wasch ab, und du kannst dich verkrümeln." "Jetzt will ich aber wissen, was mit Harnusch war, ob er gestorben ist, und warum das was anderes sein soll als tot." "Ich quatsch doch sowieso schon bloß noch Unsinn." "Ich weiß noch, wie er immer den Pirol verjagt hat, damit der keinen Regen bringt, und wie ich nie verstanden habe, was er gesagt hat, weil das ganz anders klang als bei uns. Er hat mir auch versucht, das Mähen beizubringen, aber ich konnte machen, was ich wollte, er hat immer nur den Kopf geschüttelt." "Hier haben alle von ihm Mähen gelernt. Aber weil sies schnell haben wollen, kaufen sich die Jungen diese schrecklich lauten Motordinger. Muß man ja auch verstehen, wenn mans nicht richtig kann, ists kein Vergnügen." "Ich weiß noch, wie er einmal zu mir gesagt hat: heut gibts Frikadellen, und ich sag: das heißt Fleischklößchen, und er sagt: ich kenn mich mit den Ausdrücken nicht so gut aus, und ich war ganz empört: Fleischklößchen ist doch kein Ausdruck! da sagt er: na, wenn ichs zu dir sage schon." "Na bitte, du erinnerst dich doch selber." "Deshalb muß ich aber jetzt auch wissen, wie das war zuletzt." "Da muß ich mich erst in Ruhe hinsetzen, sonst krieg ich meine Gedanken nicht zusammen." "Dann setz dich, ich hol dir die Wolldecke."

"'Heef mich hoch', war immer sein erster Satz gewesen, wenn er am Morgen aufgewacht war, und seine Frau schon in die Pantoffeln schlüpfte: 'Heef mich hoch, du alte Schachtel.' Du hast ja die Frau Harnusch nie anders als gebückt gesehen, weil sie immer bei der Arbeit war, immer was aufsammelte oder einpflanzte, und später war ihr Rücken krumm, und obwohl sie jünger war als Harnusch, trug sie schwerer an allem. Und sie stand auch wirklich immer vor ihm auf, aber nicht, weil sie so verliebt war in den Morgen, sondern, weil sie ihrem Mann aus dem Weg gehen mußte, der wurde ja, je weniger er sich bewegen konnte, um so streitsüchtiger. Jetzt hat ihn der Herrgott hochjeheeft, aber ob der sich das nicht noch mal anders überlegt, ich möcht fast dran glauben, bei Harnusch weiß man nie. Es gab keinen schlimmeren Deibel als den, seine Frau hat er ins Grab gebracht mit seinen Trietzereien, und die Enkelin, die für ihn sorgte, hatte es weiß Gott schwer, weil er noch immer nicht zur Ruhe gekommen war, in seinem Wesen, als Mann, du verstehst schon, da hat er ihr mit dem Stock nachgestellt, vom Bett aus, der Enkelin, so ein Deibel war das, aber du hast ihn ja auch noch mähen sehen, und da mußt du mir zustimmen, mähen mähte der, als wärs ein Tanz, so elegant wie einer vom Ballett, wie ichs mir jedenfalls vorstelle beim Ballett, ich habs ja nie gesehen." "Du warst nie im Ballett?" "Wie denn? Soll ich die Hühner an der Garderobe abgeben? Ich kanns mir doch auch so ganz gut vorstellen, so wie der Harnusch gemäht hat, genau so stell ichs mir vor, wenn ichs mir vorstelle. Ich war übrigens überhaupt nicht mehr im Theater, seit der Theaterbus nicht mehr verkehrt, dabei war das immer ein treues Völkchen gewesen, im Theaterbus nach der Stadt, aber jetzt haben

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