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Unbarmherziges Glück von Blaeulich, Max (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.10.2014
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Unbarmherziges Glück

Im Rumänien der Zwischenkriegszeit geboren, in Armut aufgewachsen und von den Kriegswirren nach Österreich gespült, kannte Frau Bertas Leben nur Demütigung, Schmerz und Elend. Diese Landschaften der Niedertracht sind es, die sie, nun im Altersheim, vor dem Erzähler ausbreitet. Der wiederum, wohnhaft in der von Tätowierten, Einarmigen und großherzigen Schwedinnen bevölkerten Adlerschen Pension, beginnt sich in dem Heim mit seinen zwielichtigen Insassen und Pflegern wohlzufühlen und zeichnet getreulich Frau Bertas Bericht auf. Max Blaeulichs Werk funkelt in allen Schattierungen der Verzweiflung. So sprachmächtig und gnadenlos ist die existenzielle Einsamkeit seit Kafka nicht mehr beschrieben worden. Max Blaeulich, in Salzburg geboren, Kaufmannslehre, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte. Tätigkeit als Antiquar und Mitarbeit bei verschiedenen Literaturzeitschriften. Zahlreiche Veröffentlichungen als Autor, Herausgeber und Verleger der Edition Tartin. Als bildender Künstler Ausstellungen seit 1980. Blaeulich lebt in Salzburg und wurde 2009 mit dem Buchpreis der Salzburger Wirtschaft ausgezeichnet. Bei Residenz sind die drei Bände seiner 'Menschenfresser'-Trilogie erschienen: 'Kilimandscharo zweimeteracht' (2005), 'Gatterbauerzwei oder Europa überleben' (2006), 'Stackler oder Die Maschinerie der Nacht' (2008).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 19.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701744800
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 1251 kBytes
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Unbarmherziges Glück

1

Was mich im Asyl am meisten ärgerte, war das Geschmeiß. Ungehindert surrten die Fliegen durch die sperrangelweit geöffneten Fenster. Hinaus, hinein, hin und her, setzten sich auf die Kuchen, auf die Butter, auf Schweiß und Kot. Dabei kündigte sich ein massives Tief an! Die wackelnden Sessel vermehrten sich. Plötzlich stand dort einer, da einer, an den Wänden krochen sie dahin, versperrten den Weg, und es hätte mich nicht gewundert, wenn bald ein ganzes Stockwerk mit ihnen gefüllt worden und, gleich dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, der aufgestaute Sesselhaufen plötzlich als Lawine ins Erdgeschoss gekracht wäre, während draußen sich Tragödien abspielten. Leute stürzten mir nichts, dir nichts um, Revolutionen drohten auszubrechen, Walfische strandeten an einer Küste nach der anderen. Von den unguten Vulkanausbrüchen gar nicht zu reden. Der Zeiten Taumel schien sich genähert zu haben ...

Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, wird Frau Berta ihre verkrüppelten Finger zwischen die Lattenabstände der Sitzbank schieben, vor sich hin murmeln, von fremden Sternen oder fürchterlichen Sternschweifen träumen und nichts mehr von ihrer Krankheit spüren, die sie an den Abgrund des Lebens gedrängt hat. Kommt die Rede aufs Umfallen, spricht sie so davon, als sei es die normalste Sache der Welt, und blickt den Rollstuhlfahrern kichernd nach. Warum? Ich weiß es nicht, oder vielleicht, weil manche so geschickt umkippen, als träten sie im Zirkus auf. Vielleicht werde ich es nie wissen. Eine Zeit lang war ihr, so beschrieb sie es mir einmal, jede Berührung ein Nadelstich, jedes Greifen eine Qual, jeder Neumond, jeder Wetterwechsel ein Tränenmeer. Ihre Finger erlitten, als sie noch halbwegs fühlten, auf das Schmerzhafteste die Stetigkeit innerlicher Zersetzungen, messerscharfe Stiche, eine gegen Knöchlein und Seelchen gerichtete systemische Zerstörung. Viel zu langsam schritt die Gefühllosigkeit, gegen die ihre Abwehrkräfte bis zum Schluss kämpften, voran. Verdrehte Welt, dachte ich mir. Als wollte ihr Körper gegen den Verfall ankämpfen, indes ihre Psyche denselben herbeisehnte. "Endlich nichts mehr spüren", sagte sie, "wissen Sie, die Krankheit dauert schon mehr als dreißig Jahre." Dreißig Jahre Schmerzen, bis die Kräfte, die ihre Arthrose ausgelöst hatten, endlich auch die Nerven kaltmachten. Ich bemerkte, wie lange ihr Blick im Nichts oder in der Ferne hängenblieb, bis sie plötzlich sagte: "Habe ich ein graues Haar? Nein? Oder? Nur diese verfluchten, verkrüppelten Hände! Oh, ich hatte schöne Hände. Heute kann ich mit diesen Klumpen nichts mehr halten. Habe ich graue Haare?" Ich verneinte. Tatsächlich schienen mir ihre Hände wie morsches Gezweig, das nach einem Gewitter ... Stümpfe, bewegt von Armen, verkrüppelte Finger, die sich schamhaft zwischen den Latten zu verstecken schienen. Solches geht mir durch den Sinn. Zugleich erinnern mich diese Hände an den Tischler namens Skupien, einen Flüchtling aus der Slowakei, der im Block C des Asyls wohnt. Ursprünglich wohnte er meines Wissens in derselben Siedlung wie Frau Berta, bevor sie ins Asyl übersiedelte. Arme-Leute-Gegend. Die Straßen waren geschottert, Holler stand an den Wegrändern, wilde Apfel- und Zwetschkenbäume ehemals bäuerlicher Kulturen hielten sich verzweifelt an ihrem Platz, Flaschen, Abfall und Trümmer rostiger Räder staken im hohen Gras, ein zerbeultes Ringelspiel hatte sich über den Krieg hin in den Wiederaufbau gerettet. Zwei Hutschen an rostigen Ketten auch. Ein Glasscherbenviertel, wie ich es kannte und kenne, rund ums Gaswerk. Erzählte sie mir nicht, Skupien habe sogar im gleichen Wohnblock gewohnt, in einer jener Anlagen, die die Nazis noch 1944 aus dem Boden gestampft hatten, nur eine Haustür weiter? Skupien habe ich vor einiger Zeit kennengelernt. Frau Berta plauderte gerade mit ihm. Ich kam hinzu. Dabei stellte sie ihn mir vor. Er sei ins städtische Altersheim gekommen, um seinen Vate

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