text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Uns geht's ja noch gold Roman von Kempowski, Walter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.02.2016
  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Uns geht's ja noch gold

Wo Walter Kempowskis Buch 'Tadellöser & Wolff' endete, beginnt dieser 'Roman einer Familie': 1945, als die Rote Armee in Rostock eindringt. So 'gold' kann es den Kempowskis, wie der Titel im Familienjargon ankündigt, also gar nicht gegangen sein. Man erlebt am eigenen Leibe oder bei Nachbarn und Freunden Elend, Hunger, Plünderungen und Gewalttätigkeiten. Aber man ist nicht ausgebombt, hat noch etwas Geld, und zwischen Trümmerschutt und Ausgangssperren, Schwarzem Markt und Hamsterzügen versucht man, die bürgerliche Kontinuität wiederherzustellen. Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren. Er besuchte dort die Oberschule und wurde gegen Ende des Krieges noch eingezogen. 1948 wurde er aus politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach acht Jahren im Zuchthaus Bautzen wurde Walter Kempowski entlassen. Er studierte in Göttingen Pädagogik und ging als Lehrer aufs Land. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitete Walter Kempowski planmäßig an der auf neun Bände angelegten 'Deutschen Chronik', deren Erscheinen er 1971 mit dem Roman 'Tadellöser & Wolff' eröffnete und 1984 mit 'Herzlich Willkommen' beschloss. Kempowskis 'Deutsche Chronik' ist ein in der deutschen Literatur beispielloses Unternehmen, dem der Autor das mit der 'Chronik' korrespondierende zehnbändige 'Echolot', für das er höchste internationale Anerkennung erntete, folgen ließ. Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 15.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641060589
    Verlag: Knaus
    Größe: 2361 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Uns geht's ja noch gold

I

Wenn ich mich etwas vorbeugte, konnte ich vom Schlafzimmerfenster aus alles gut überblicken. Drogerie Kotelmann, Schlachter Timm. Seifenheimchen schloß das Fenster.

Gegenüber die Paulstraße, die machte hinten einen Knick: bis dahin war das Feuer gedrungen, bei der "Katastrophe", wie die Leute die Angriffe von 1942 nannten. Vor der Katastrophe und nach der Katastrophe. Jetzt würde es vor und nach dem Zusammenbruch heißen.

Bis zu Bäcker Kofahl hatte es sich gefressen. "O watt Löckers", hatte der alte Kofahl gesagt, in seiner kleinkarierten Bäckerbüx. "All dat Mähl ..."

Ich kniete auf der Couch und hatte die Innenfenster geöffnet. Aus allen Häusern hingen weiße Fahnen. Als ob das alles Bunker wären, die kapitulierten. Gegenüber, bei Arbeiter Krampke sogar eine rote. Ein "Fahnenwald", wie man früher gesagt hätte. Aber dies erinnerte doch eher an alte Postkarten von Neapel, mit Unterwäsche von Haus zu Haus.

An der Ecke hielt ein Motorrad mit Russen. Im Beiwagen lagen Schuhe, die herunterbaumelten. Die Schuhe hatten sie vom Schuster geholt. Rrrrt! mit der Maschinenpistole die Scheibe kaputtgeschossen: einen ganzen Arm voll, noch mit Paketanhängern, wem sie gehörten. Hoffentlich viel einzelne.

Die Russen flachsten mit einer Ostarbeiterin. Die zeigte auf unser Haus.

"Komm lieber vom Fenster weg", sagte meine Mutter.

"Sonst werden die noch aufmerksam."

Sie räumte den Kleiderschrank auf.

Geblüht im Sommerwinde
gebleicht auf grüner Au
ruhst still du jetzt im Spinde
als Stolz der deutschen Frau.

Alles schön auf Kante. Waschlappen, Taschentücher (früher ritsch-ritsch-ritsch mit Kölnisch Wasser). Badelaken noch aus Wandsbek. Indanthren: links Sonne, rechts Regen, in der Mitte ein stilisiertes I.

Die Fächer müßte man mal wieder mit Papier auslegen, weiß mit kleinen blauen Sternen, und zählen, was man so hat. Bettücher, Bettbezüge und die dazugehörigen Knopfstreifen. Auch mal wieder alles durchsehen und flicken. Was Tante "Basta" wohl machte? Aus erstklassiger Familie, aber verarmt irgendwie, die hatte immer so schön geholfen. Die gute Alte. Die ganze Aussteuer hatte sie damals genäht.

Hier waren ja auch noch die Handtücher von MAGGI, die es früher auf Rabattmarken gegeben hatte (als Kinderhandtücher gar nicht so schlecht), damals, als es auch glasartige Bonbons zu kaufen gab, bei Mudding Schulz, mit schwarzem Hakenkreuz, aus Lakritze.

"Sind sie weg?"

Nein, sie waren noch da.

Vatis Hemden erstmal nach hinten legen, bis er wiederkommt. Und die Strümpfe auch, die dicken grünen Knickerbockerstrümpfe. Und die Wickelgamaschen. O, wie war das schrecklich gewesen, wenn er alles durchgrabbelte, zum Verzweifeln, fuchsteufelswild. "Warum nimmst du nicht vorne weg?" Nein, alles grabbelte er durch.

Nach Markgrafenheide war man gewandert. So oft, so oft.

"Ist denn der olle Wald nicht bald zu Ende?" hatte ich gesagt, ihr kleiner Peter Pump, und ob's hier auch Wildschweine gäb, und die Bäume mir so angekuckt, ob man da hochklettern kann.

Zu süß. Und Vati hatte gesagt: "Nein, mein Junge, da kannst du ganz ruhig sein"; und geschmunzelt und sie so angepufft. "Hier gibt's keine Wildschweine." Und wenn wirklich eins käm, dann hätte das mehr Angst vor uns, als wir vor ihm.

Und in Gelbensande die schönen Erdbeeren? Erdbeeren mit Milch? Nun wär der Krieg ja zu Ende, da gäb's bestimmt auch bald wieder Erdbeeren, vielleicht.

Was wohl als nächstes passiere, fragte sie sich.

Soweit war man ja gut durchgekommen. Den Naziquatsch. Diese Muschpoke! Nicht ausgebombt und am Leben.

Ulla sicher in Dänema

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen