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Unter dem Apfelbaum von Büchler, Gudrun (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2015
  • Verlag: Septime
eBook (ePUB)
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Unter dem Apfelbaum

Magda, Mathilda, Marlies, Milla - vier Generationen einer Familie, die von Sprachlosigkeit geprägt ist. Während Magda immer stiller wird, kommt Milla bereits stumm zur Welt. Und obwohl die vier Frauen über ein Jahrhundert verstreut leben, vermischen sich ihre Schicksale zunehmend. Vier Generationen von Frauen und ihre Lebensgeschichten: Millas Urgroßmutter Magda wird 1902 im Alter von zehn Jahren an einen reichen Hof gegeben, um zu arbeiten und die eigene Familie zu entlasten. Da Magda bei der Geburt ihrer Tochter Mathilda stirbt, schickt ihr Mann diese ins Internat einer Landwirtschaftsschule. Der Krieg veranlasst Mathilda, die eigene Tochter, Marlies, vor der anrollenden Front fortzuschicken, während sie selbst das Gut zu hüten versucht. '... Die Plane des letzten Wagens verdeckte ihr den Blick auf Marlies. Mathilda kniff die Augen zusammen, suchte nach einem Riss oder einem Loch in der Plane, nach einer Möglichkeit, hineinzuspähen und etwas zu sehen, was das Herzklopfen und die Übelkeit eindämmte, die sie mit jeder Wagenlänge stärker spürte, die sich der Treck entfernte. Mathilda hob die Hand und öffnete den Mund. Ein stummer Schrei verpuffte in der Kälte.' Marlies' Tochter, Milla, ist von Geburt an taub und stumm und wird schließlich in die Obhut einer Bäuerin gegeben, die ihr Haus als Heim für behinderte Jugendliche führt. Dies ist der Beginn der Geschichte, wir schreiben das Jahr 1973 Gudrun Büchler wurde 1967 in Mödling bei Wien geboren und lebt auch dort. Sie absolvierte 2008/09 die Leondinger Akademie für Literatur und veröffentlichte bislang zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften. Für ihr Romandebüt 'Unter dem Apfelbaum' erhielt sie 2014 den Anerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich..

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 23.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903061064
    Verlag: Septime
    Größe: 655 kBytes
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Unter dem Apfelbaum

Mathilda sah zum Gutshaus hinüber.

"Darfst ihn sogar halten und so. Schmeckt anders als ein Hirschkäfer."

Da sie dort keiner hören würde und es hier alle sicher nur lustig fänden, konnte sie sich einen Schrei wie gestern ersparen. "Idiot", sagte sie, stand auf und ging hinter Ludwig vorbei. "Dich hätten sie auch gleich schlachten sollen." Zwischen seinem Gelächter hindurch hörte Mathilda ihn gegen die Stallwand pinkeln. Blitzschnell griff sie um seinen Oberarm herum in die Hemdtasche, zog den Schaber heraus und trat auf den Hofplatz.

"He, was soll das?"

"Hast du schon ein totes Schwein gesehen, das sich selbst die Borsten wegmacht?", rief sie über die Schulter zurück und stellte sich, ohne Lehrer Gentz oder die anderen mit einem Blick zu beachten, an den freien Platz des zweiten Holztrogs und schabte über die dampfende Haut des Schweins, als hätte sie nie etwas anderes getan.

"Verschwinde, das ist mein Platz." Ludwig riss sie am Zopf hoch und zerrte. Sie stolperte rückwärts und fiel. Er gab nicht nach und so hing sie mehr an seiner Hand, als sie am Boden kniete, streckte die Hände hinunter, wollte sich aufstützen, um den Zopf zu entlasten, reckte zugleich den Hals, um den Zug zu verringern. "Aus", zischte sie, das Ziehen in der Kopfhaut und diese Wut überall, sie konnte nicht reden, schreien vielleicht, aber schreien nützt nicht, sie ...

... dreh dich um und schlag ihm in die Magengrube, flüsterte ich ihr zu. Zum stummen Zeugen eignete ich mich nicht mehr, vergaß jedoch, dass ein Gedanke alleine noch nicht handlungsfähig macht.

"Lass sie jetzt los", hörte Mathilda Lehrer Gentz' Stimme.

Ludwig gab den Zopf frei.

Mathildas Arme zitterten, als sie sich auf dem Boden abstützte. Vor ihren Augen verschwammen wenige Schritte entfernt die Sandalen des Lehrers. "Du, Irmi, kannst jetzt in den Hafer gehen", hörte Mathilda ihn sagen. Sie rieb sich die Kopfhaut und wischte mit dem Ärmel über Nase und Augen.

Ausgerechnet Irmgard war es, die an ihrer Statt am Blutbottich stehen musste und rührte. Mathilda sah ihr bleiches Gesicht, den angespannten Hals, mit dem sie die Nase so weit weg vom Blutgeruch streckte wie nur möglich. Tränen liefen über diesen Hals. Mathilda fühlte sich elend.

"Das wirst du lernen müssen", sagte Lehrer Gentz. "Blutscheu hat hier noch keiner absolviert. Und arbeitsscheu erst recht nicht."

Nun war sie gemeint, wusste Mathilda, auch ohne aufzusehen.

"Geh endlich an deinen Platz, Thilda."

Eine seiner Sandalen machte einen Schritt auf sie zu. Die große Zehe bohrte sich durch die Socke.

Mathilda wollte Irmgard noch etwas sagen, wenigstens mit den Augen. Aber die lief schon davon, bevor sie an den Blutbottich trat. Sie begann zu rühren und hob das Kinn; zwang ihre Mitschüler mit gelassenem Blick, das Grinsen einschlafen zu lassen und die Ketten wieder aufzunehmen, die Schweine im heißen Wasser zu schwenken und die restlichen Borsten zu entfernen.

"Holt jetzt die Leitern", Lehrer Gentz deutete Ludwig und den beiden, die soeben die Zuber für das Waschen der Därme und Mägen gebracht hatten.

Mathilda blickte in den Himmel. Schwalben zählen und Schäfchenwolken interessierte sie mehr. Schließlich kannte sie jeden Handgriff. Die Sonne stand hinter den Kastanienbäumen. Es mochte sieben Uhr sein, nur noch die beiden Schweine zum Abkühlen aufhängen, Innereien heraus und einwassern, dann frühstücken gehen. Sie hielt der Sonne das Gesicht entgegen und schloss die Augen.

Einer ließ die Stehleiter über das Pflaster rattern. Sie hörte die Jungs die dünnen Ketten über die obersten Sprossen legen. Ganz anders klangen die als die groben, mit denen die Schweine durch die Tröge gezogen wurden. Neben ihr spuckte einer aus. Mathilda stellte sich taub.

"Wo ist der Strick? Wer bindet die Hinterläufe?" Lehrer Gentz schlurfte vorbei. "Du, Luzi? Ja, probier's. Wo sind die Haken?"

Mathilda hörte einen Kuc

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