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Unter meinen Händen Roman von Fessel, Karen-Susan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.02.2004
  • Verlag: Querverlag
eBook (ePUB)
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Unter meinen Händen

Gunn ist rastlos. Lange Jahre hat sie in ihrem Beruf als Hebamme gearbeitet, sich mit ihrer besten Freundin Greta ins Berliner Nachtleben gestürzt, reihenweise Frauen erobert - jetzt aber genügt ihr das alles nicht mehr. Sie braucht eine Auszeit. So beschließt die charismatische Butch, allen und allem für eine Weile den Rücken zu kehren. Sie streift die von ihr erwarteten, auch selbst kultivierten Rollen ab: die der zuverlässigen Geburtshelferin, der kumpelhaften Trinkkumpanin, der unwiderstehlichen Verführerin. Doch je näher der Abschied rückt, desto mehr zweifelt Gunn. Und gerade, als alles so richtig aus den Fugen gerät, macht Gunn eine verstörend-aufregende Bekanntschaft und neue Zweifel an der Entscheidung machen sich breit. Ein erotisch-literarischer Roman von Karen-Susan Fessel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 27.02.2004
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896565457
    Verlag: Querverlag
    Größe: 165 kBytes
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Unter meinen Händen

I

Montag

Rasmus ist erst einen Tag alt, aber sein Vater scheint ihn schon sehr gut zu kennen.

"Das hat er nicht so gerne", sagt Luis, als ich Rasmus an den Füßen fasse und er zu schreien beginnt.

Ich schiebe meine freie Hand unter den kleinen, kräftigen Körper, hebe ihn an und bette den Jungen an meine Brust. Sofort hört Rasmus auf zu weinen und sieht mich aus hellblauen Augen verwundert an. Ich blicke zu seinem Vater.

"So, das hat er also nicht so gern?"

Luis zuckt mit den Schultern. "Nein, eigentlich nicht", sagt er und lächelt verlegen.

Rasmus zieht die winzige Stirn kraus. "Uh", macht er und strampelt mit den Beinen. Dann seufzt er und verzieht den Mund. Ich fahre mit einem Finger über seine kaum vorhandenen Augenbrauen und schnalze mit der Zunge. Rasmus starrt mich an. Er schielt, wie fast alle Neugeborenen.

"Siehst du aber intelligent aus, mein Kleiner!", sage ich und wiege ihn leicht.

Rasmus gluckst bestätigend.

Neben mir wechselt Luis das Standbein. Ich spüre, dass er den Kleinen nur zu gern aus meinen Armen nehmen und selber halten möchte. Aber noch muss er sich gedulden.

"Wo ist die Waage?", frage ich.

Luis stolpert fast über die eigenen Füße, als er mich durch den Flur ins Bad führt, wo die Waage auf der geliehenen Wickelkommode steht. Durch die offene Tür kann ich Vera sehen, die im Bett liegt und schläft. Sie sieht sehr mitgenommen aus, genau wie Luis auch. Im Geiste notiere ich mir, dass ich mich nachher noch um eine Haushaltshilfe für die beiden kümmern werde.

Rasmus protestiert mit ärgerlichem Gejammer, während ich seine Nabelschnur untersuche, seine Temperatur messe und ihn wiege. Er hat zehn Gramm abgenommen seit gestern, aber das ist normal. Ansonsten ist er gesund. Klein und mickrig zwar, aber gesund. Noch keine Anzeichen von Gelbsucht, normal entwickelte Lungen. Die Atmung ist gut.

Als ich ihn wieder hochnehme und sein Gewicht spüre, bin ich für einen Moment sehr gerührt. Wie hilflos er ist, dieser winzige Mensch in meinen Händen, der sein Leben noch vor sich hat. Jedes Mal wieder rührt mich das an.

Ich blicke zu Luis. "Hast du gut gemacht", sage ich und grinse.

Luis wird rot. "Ach", sagt er und windet sich, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen. "Ach, ich ... Ich hab doch gar nichts gemacht. Leider."

Ich reiche ihm den Kleinen und sehe zu, wie Luis mit der typischen ängstlichen Unsicherheit aller frisch gebackenen Väter das Neugeborene entgegennimmt und vorsichtig in die Armbeuge bettet.

"Natürlich hast du. Das ist dein Sohn."

"Ich wünschte, es wär so", sagt Luis mit einem Anflug von Traurigkeit und betrachtet den Kleinen, der jetzt, erschöpft von der Anstrengung, die Augen geschlossen hat und dabei ist, einzuschlafen. "Ich wünschte, es wär so."

Draußen ist es schwül. Die Wolkendecke, die seit Tagen über der Stadt hängt, ist aufgebrochen, und die Sonne strahlt durch den Dunst wie durch ein Brennglas auf die Straßen hinunter.

Als ich den Wagen aufschließe, strömt mir aufgehitzte Luft entgegen. Ich bleibe einen Moment stehen und betrachte die Häuserzeile gegenüber, den Park am Ende der Straße, das Stück diesigen Sommerhimmel darüber. Weit oben schleppt ein Zeppelin seine Werbebotschaft durch die Luft. Die Werbefahne hängt schlaff herunter, ich kann nur wenige Buchstaben entziffern.

Eine dunkelhaarige Frau geht dicht an mir auf dem Bürgersteig vorbei, mit träge klappernden Absätzen. Als ich sie ansehe, blickt sie zur Seite. Etwas in ihren Augen erinnert mich an Kim.

Dann ist die Frau fort, und mit ihr die Erinnerung. Ich lege den Kopf in den Nacken und merke, dass ich Hunger habe.

Heute ist Montag. Noch zwei Wochen. Noch genau vierzehn Tage, dann lasse ich all das hinter mir - die brütende Hitze der Stadt, ihre Staub und Dreck ausschwitzenden Straßen, die angestrengten Gesichter ihrer Bewohner

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