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unter uns von Reitzer, Angelika (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.09.2011
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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unter uns

Nominiert für den Österreichischen Literaturpreis Alpha 2011 Ein Familienroman ohne Familie, berauschend klar und berührend nüchtern erzählt Am Beginn steht ein Familienfest, das ein Abschiedsfest ist: Clarissas Eltern steigen aus, auch aus dem Leben der Kinder. Clarissa und all die anderen stehen in der Mitte des Lebens, aber doch nur irgendwie, ungefähr. Sie suchen ihren Platz in wechselnden Verhältnissen, zwischen einem Projekt und dem nächsten, ohne dass davon mehr bleibt als ein unsicheres Netzwerk von Kontakten und losen Beziehungen. Prekäre Ensembles. Sicher, auch ein solides Familienleben ist möglich, in einem Haus, das Freunde von Clarissa erben. In einem der Zimmer im Keller kommt sie unter, vorübergehend, solange sie bleiben möchte. Aber eines Tages geht sie, sie steigt aus, als wäre sie in ihr Leben und das all der anderen nicht wirklich involviert gewesen. Ein großes Panorama der Gegenwart, einer Gegenwart der neuen Lebens- und Arbeitsverhältnisse, in der alles nur mehr auf Zeit ist. Und dieser Roman trifft ihren

Angelika Reitzer, geboren 1971 in Graz, lebt als Schriftstellerin in Wien. Diverse Auszeichnungen, u. a. manuskripte-Förderungspreis, Hermann-Lenz-Stipendium 2007, Robert-Musil-Stipendium 2008, Reinhard-Priessnitz-Preis 2008. Ihr erster Roman, 'Taghelle Gegend' (2007), war für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Zuletzt erschienen: 'Frauen in Vasen' (2008)

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 15.09.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701742097
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 2169 kBytes
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unter uns

06

Die Rehe sind stehen geblieben, ganz natürlich, sehr ruhig. Die Kitze äsen und halten sich dicht an die Böcke und Ricken. Plötzliche Geräusche machen ihnen nichts aus, Autos stören sie nicht. Sie wissen nichts von Gefahr. An alles können sie sich gewöhnen, schauen genau. Wer die Zuschauer sind und wer Darstellende, ist nicht mehr eindeutig zu erkennen, schon gar nicht für Clarissa. Aug in Aug und Aug in Aug. Eine Familie von mindestens zwei Dutzend Rehen. Wer würde sich zuerst bewegen? Dann macht sie einen Schritt, und die Gruppe zieht sich zurück, vorsichtig, immer noch. Ein Schritt nur, ein Schritt. Der Wald liegt hinter ihnen, das Fest beginnt in dem Moment, als alles schon hinter ihnen liegt, aber es erinnert in nichts an die Feste von früher.

Die Kinder sind mit Sport- und Spielgeräten ausgestattet, ein Mädchen, Lina oder Lena, posiert auf ihrem Roller. Ein bisschen ermattet wirken sie, vielleicht haben sie im Wald Ball gespielt, oder sie haben mit ihren Softbällen ein Turnier veranstaltet, wie früher : Familytennis. Der Garten hier ist fantastisch, mit einem uralten Kastanienbaum in der Mitte, um den herum eine alte Holzbank, einmal im Kreis, und einem großen, morschen Holzbrett, das schon Generationen als Schaukel dient. Auf den Tischen bunte Tücher, und wenn sich die eisernen Sesselbeine in den Kies bohren oder hin und her geschoben werden, knirscht es laut und leise im Kopf, und die jungen Frauen, die immer wieder nachschenken und ununterbrochen neue Speisen auftragen, lächeln die ganze Zeit, aber das strengt sie anscheinend nicht an. Das Essen ist gut und ausreichend, wenngleich die Portionen nicht so riesig sind wie zuhause, der Salat ist frisch, und der Wein schmeckt. Alle bemühen sich um eine halbwegs ausgelassene Stimmung, die Unterhaltung setzt sich eher schleppend in Gang, nur die Eltern amüsieren sich blendend.

Der Vater isst die Hälfte von früher, was die Mutter sichtlich mit Stolz erfüllt und ihm Zärtlichkeiten von ihr verschafft, die Clarissa an sehr viel früher erinnern. Aber diese Erinnerung hat auf der Stelle etwas Verlogenes, unzutreffend, macht alle anderen, die am Tisch sitzen, zu zufälligen Fremden. Ein Wir ist auf diese verzweifelten Menschen, die sich unbedingt gut unterhalten wollen, nicht anwendbar. Der Vater hat nicht nur ein bisschen abgenommen, aus der Nähe sieht man sein faltiges Gesicht und dass ihm sein Anzug jetzt bestimmt zwei Nummern zu groß ist. Das macht Clarissa stutzig, dass er für diesen Anlass nicht einen Anzug gekauft hat, der ihm passt. Noch immer kein Gefühl für die richtige Größe; er wird ja nicht von gestern auf heute so viel Gewicht verloren haben. Sein Hals verliert sich in dem Kragen, und die Krawatte gibt ihm den Rest. Ihr Vater ist alt geworden, wann ist das passiert? Er macht Pausen zwischen den Sätzen, manchmal wirkt es, als würde er mitten im Reden vergessen, was er gerade sagen wollte. Dann holt er wieder aus und spricht einfach weiter, fast wie früher. Er war fremd in dieser Gastwirtschaft, und das gefiel ihm, ließ ihn auch ein bisschen unsicher erscheinen. Zu den Kellnerinnen ist er höflich, wie er es niemals zu einer seiner Angestellten war. Er fragt Clarissa, wie es ihr geht, will, dass sie ausführlicher erzählt. So unvermutet steht er plötzlich neben ihr, dass sie sich umschauen muss, ob sein Erscheinen sonst noch jemandem auffällig vorkommt. Sie bemerkt nichts : später, sie wolle ihm nicht die Party verderben. Gleich ist er wieder verschwunden, und da versteht Clarissa, was sie so nervös gemacht hat : ihr Vater ist nie auf sie zugekommen.

Wenn sie Klärchen und den Vater in einem Restaurant am Nebentisch sehen würde, als Fremde, dann würden sie ihr wahrscheinlich nicht besonders auffallen : ein Paar, dem man zutraut, dass sie ein volles Leben hinter sich haben und noch ein paar fidele Jahre vor sich. Wenn. Sie hätte sich ausmalen können, wie sie am näc

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