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Unterm Lagerfeuer Stories von Butler, Nickolas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.11.2014
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
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Unterm Lagerfeuer

Nickolas Butler erzählt in seinen Geschichten von einer Welt, die rauh, kalt und gefährlich ist, aber auch ein Sehnsuchtsort der großen Liebe und Freundschaften. Im Heartland der USA gibt es nicht viele Menschen, aber die haben es in sich. Sie bringen ihre Kettensäge zur Party mit und stellen ihre Liebe beim Tauchgang unter einer meterdicken Eisdecke auf die Probe. Eine demente Polizistin in Rente lässt illegale Hundekämpfe auffliegen und aus einem Ölmagnaten und seinem Entführer, der ihn aus Rache zwingt Rohöl zu trinken, werden vielleicht doch noch Freunde.

Nickolas Butler, geboren 1979 in Allentown, Pennsylvania, wuchs in Wisconsin auf. Er studierte u.a. beim University of Iowa Writer's Workshop. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im Herbst 2013 erschien sein Roman "Shotgun Lovesongs".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 22.11.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608107562
    Verlag: Klett-Cotta
    Originaltitel: The Chainsaw Soiree
    Größe: 4170kBytes
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Unterm Lagerfeuer

DIE KETTENSÄGEN-SOIREE

Sie hatten in einer verlassenen alten Kirche der Pfingstgemeinde Unterschlupf gefunden, hoch oben über einem Fluss auf den Felsenklippen. Sobald heftiger Regen über die Kirche hereinbrach, hallte es in ihrem Innern laut von den Wassertropfen wider, die durch das undichte Dach in die aufgestellten Metalleimer fielen. Und war der Boden unter den hölzernen Dielen erst einmal getrocknet, rasselten unzählige Klapperschlangen ihre Maracas in die Hitze hinaus und erst nachts trat Stille ein. Manchmal besuchte ich sie im Frühling, wenn die Klapperschlangen träge und sonnenhungrig wurden. Dann umstellten wir die Kirche, bewaffnet mit Macheten und Harken, und färbten das gelbe Gras rot. Es war ein herrlicher Ort.

Die Kirche war verfallen, aber ihr Garten erstreckte sich in jede Himmelsrichtung über unzählige Hektar. Umherziehende Hippies und Leute, die per Anhalter unterwegs waren, kannten Bear und Luna und das alte Gotteshaus mit den Löchern im Dach. Sie kamen und schlugen dort ihre Zelte auf und erledigten irgendwelche anfallenden Arbeiten, und im Gegenzug bekamen sie Gesellschaft und kostenlose Verpflegung. Aber ich kannte Bear noch von der Highschool. Damals waren wir immer mit denselben Mädchen zusammen gewesen.

Jedes Jahr zur Wintersonnenwende veranstalteten sie eine Art Fest. Sie nannten es Kettensägen-Soiree, denn jeder brachte eine Kettensäge mit, durch deren Einsatz genug Feuerholz zusammenkam, um die zugige Kirche während des gesamten Winters zu heizen. Am Tag einer solchen Party gingen wir frühmorgens mit einer Flasche Whiskey oder Brandy ausgerüstet in den Wald und zersägten das abgestorbene Holz, das wir dort auf dem Boden fanden, und auch die "Witwenmacher" - tote Äste, die noch an den Bäumen hingen und jederzeit herabfallen konnten. Wir benutzten Schlitten, um das Holz zurück zur Kirche zu bringen. Um das Gotteshaus herum gab es verschiedene Arbeitsstationen: Manche spalteten das Holz zu Scheiten, andere trugen die Scheite ein paar Schritte weiter, um sie dort anzuhäufen, und wieder andere schichteten sie zu dichtgefügten, säuberlichen Stapeln zusammen. Am Tag der Wintersonnenwende schien es immer, als sei die Sonne viel zu schwer, um sich noch über den Horizont zu erheben. Doch während der wenigen hellen Stunden arbeiteten wir hart und unter den zahlreichen Kleidungsschichten, die wir trugen, brach uns der Schweiß aus. Überall war das Geräusch der Kettensägen zu hören. Und später, am Abend, wurde dann ein Spanferkel über dem Feuer geröstet und ein Fass Bier aufgemacht und es gab ein Lagerfeuer und immer spielte jemand Gitarre oder Mundharmonika und irgendeine spindeldürre Frau sang den Sternen etwas vor, mit durchdringender, trauriger Stimme.

Die letzte Kettensägen-Soiree, auf der ich war, ist schon Jahre her, noch bevor Shelly und ich geheiratet haben und bevor Samuel geboren wurde. Damals war ich mit einer Krankenschwester namens Nancy zusammen. Sie arbeitete in der Geburtshilfeabteilung der Klinik, hatte kräftige blonde Haare, die sie immer zu einem Zopf geflochten trug, und roch nach Babypuder und Seife. Ich glaube, ich war in sie verliebt. Ich genoss es immer, sie abends nach ihrer Arbeit auszufragen, und sie erzählte mir dann von den Babys, die an diesem Tag geboren worden waren. Die Zwillinge und Drillinge, die seltenen Zwitter, die Totgeburten, die Schönen und die schon Verkrüppelten. Sie rauchte selbstgedrehte Zigaretten und ich habe sie noch genau vor Augen, wie sie nur mit einem T-Shirt bekleidet an meinem Küchentisch saß, mit nackten, muskulösen Beinen, auf dem Stuhl zu einem Schneidersitz verschränkt. Ihre Finger drehten Dutzende von Zigaretten und manchmal auch Joints. Morgens, bevor sie zur Ar

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