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Vereinigungen Zwei Erzählungen (Reclams Universal-Bibliothek) von Musil, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2014
  • Verlag: Reclam Verlag
eBook (ePUB)
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Vereinigungen

Robert Musil kämpfte mehrere Jahre mit der Fertigstellung seiner später unter dem Titel "Vereinigungen" zusammengefassten Novellen ?Die Vollendung der Liebe? und ?Die Versuchung der stillen Veronika?, bevor beide Texte 1911 erstmals veröffentlicht wurden. Nach seinem Erstlingserfolg "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" zeigt er hier im fragmentarischen Handlungsgerüst um Ehebruch und der genauen Analyse der sich verändernden Charaktere lange Zeit vor "Der Mann ohne Eigenschaften" seine erzählerische Meisterschaft. E-Book mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe - Buch und E-Book können parallel benutzt werden.

Robert Musil (6. 11. 1880 St. Ruprecht bei Klagenfurt - 15. 4. 1942 Genf) arbeitete nach verschiedenen Studien mit anschließender Promotion (Maschinenbau, Philosophie und Psychologie) sowie freiwilligem Wehrdienst und Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg im Außen- und Heeresministerium, danach als freier Schriftsteller, der auch Dramen und Theaterkritiken verfasste. Musil suchte in seiner Literatur einer zweiten, der falschen Realität entgegengesetzten Wirklichkeit zum Ausdruck zu verhelfen. Sein größter Erfolg war sein Internatsroman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß"; berühmt ist außerdem sein monumentales unvollendetes Werk "Der Mann ohne Eigenschaften".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 130
    Erscheinungsdatum: 12.11.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783159606606
    Verlag: Reclam Verlag
    Größe: 1025kBytes
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Vereinigungen

[69] Die Versuchung der stillen Veronika

Irgendwo muß man zwei Stimmen hören. Vielleicht liegen sie bloß wie stumm auf den Blättern eines Tagebuchs nebeneinander und ineinander, die dunkle, tiefe, plötzlich mit einem Sprung um sich selbst gestellte Stimme der Frau, wie die Seiten es fügen, von der weichen, weiten, gedehnten Stimme des Mannes umschlossen, von dieser verästelt, unfertig liegen gebliebenen Stimme, zwischen der das, was sie noch nicht zu bedecken Zeit fand, hervorschaut. Vielleicht auch dies nicht. Vielleicht aber gibt es irgendwo in der Welt einen Punkt, wohin diese zwei, überall sonst aus der matten Verwirrung der alltäglichen Geräusche sich kaum heraushebenden Stimmen wie zwei Strahlen schießen und sich ineinander schlingen, irgendwo, vielleicht sollte man diesen Punkt suchen wollen, dessen Nähe man hier nur an einer Unruhe gewahrt wie die Bewegung einer Musik, die noch nicht hörbar, sich schon mit schweren unklaren Falten in dem undurchrissenen Vorhang der Ferne abdrückt. Vielleicht daß diese Stücke hier dann aneinander sprängen, aus ihrer Krankheit und Schwäche hinweg ins Klare, Tagfeste, Aufgerichtete.

"Kreisendes!" Nachträglich, in den Tagen einer fürchterlichen Entscheidung zwischen einer mit unsichtbarer Bestimmtheit wie ein dünner Faden gespannten Phantasie und der gewohnten Wirklichkeit, in diesen Tagen einer verzweifelten letzten Anstrengung jenes Unfaßbare in diese Wirklichkeit zu ziehen - und dann des Fallenlassens und sich in das einfach Lebendige wie in einen wirren Haufen [70] warmer Federn Werfens sprach er es an wie einen Menschen. Er sprach in diesen Tagen stündlich mit sich selbst und sprach laut, weil er sich fürchtete. Es hatte sich etwas in ihm gesenkt, mit jener unverständlichen Unaufhaltsamkeit, mit der sich plötzlich irgendwo im Körper ein Schmerz verdichtet und zu einem entzündeten Gewebe wird und als Wirklichkeit weiter wächst und zu einer Krankheit wird, die mit dem milden, zweideutigen Lächeln der Peinigungen den Körper zu beherrschen anfängt.

"Kreisendes", flehte Johannes, "daß du doch auch außerhalb meiner wärst!" Und: "daß du ein Kleid hättest, an dessen Falten ich dich halten könnte. Daß ich mit dir sprechen könnte. Daß ich sagen könnte: du bist Gott, und ein kleines Steinchen unter der Zunge trüge, wenn ich von dir rede, um der größeren Wirklichkeit willen! Daß ich sagen könnte: dir befehl ich mich, du wirst mir helfen, du siehst mir zu, mag ich tun was ich will, etwas von mir liegt reglos und mittelpunktsstill, und das bist du."

Aber so lag er bloß mit dem Mund im Staub und einem wie ein Kind danach tastenden Herzen. Und wußte bloß, daß er es brauchte, weil er feig war, wußte es. Aber es geschah dennoch, wie um aus seiner Schwäche eine Kraft zu holen, die er ahnte und die ihn lockte, wie sonst nur in der Jugend manchmal etwas gelockt hatte, der mächtige, noch gänzlich antlitzlose Kopf einer unklaren Gewalt und man fühlt, daß man mit den Schultern unter ihn hineinwachsen und ihn sich aufsetzen könnte und mit dem eigenen Gesicht ihn durchdringen.

Und einmal hatte er zu Veronika gesagt: es ist Gott; er war furchtsam und fromm, es war lange her und war sein erster Versuch, das Unbestimmbare, das sie beide fühlten, [71] fest zu machen; sie glitten in dem dunklen Haus aneinander vorbei; aufwärts, abwärts, aneinander vorbei. Aber wie er es aussprach, war es ein entwerteter Begriff und sagte nichts von dem, was er meinte.

Was er meinte aber, war damals vielleicht nur etwas wie jene Zeichnungen, die sich manchmal in Stein bilden, - niemand weiß, wo das lebt, worauf sie deuten, und wie es in seiner vollen Wirklichkeit sein mag, - an Mauern, in Wolken, in wirbelndem Wasser, was er meinte, war vielleicht nur das unbegreiflich Hergekommene von etwas noch Abwesendem wie jene seltenen Mienen in Gesichtern, die gar nicht mit diesen, sondern mit irgendwelchen anderen, plöt

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