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Verfahren Roman von Laher, Ludwig (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.11.2012
  • Verlag: Haymon Verlag
eBook (ePUB)
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Verfahren

Jelena, eine Kosovo-Serbin, wird in ihrer Heimat wiederholt Opfer unvorstellbarer Gewalt. Die geht nicht vom Staat aus, sondern von enthemmten Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung. Schwer traumatisiert, hofft die junge Frau nach zwei Selbstmordversuchen auf einen Neuanfang in Österreich. Dort aber gerät sie in die Mühlen eines unmenschlichen Asylrechts, das seinem Namen nicht gerecht wird. Seit langem prägt das Thema Asyl die öffentlichen Debatten und sorgt nach jedem von den Medien aufgegriffenen Einzelfall für heftige Kontroversen. Ludwig Laher überträgt diese brandaktuelle Thematik auf eine literarische Ebene. Er erzählt die exakt recherchierte Geschichte Jelenas als roten Faden eines aufwühlenden Romans, in dessen Mittelpunkt das Justizwesen selbst steht, die Welt der Paragraphen und ihrer Anwendung, ein Spiegelbild unserer Verfassung im doppelten Wortsinn: vielschichtig, mitreißend diskret, erhellend und weit davon entfernt, komplexen Fragestellungen mit einfachen Antworten beikommen zu wollen. Ludwig Laher, geboren 1955 in Linz, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie in Salzburg, lebt in St. Pantaleon (Oberösterreich). Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen, daneben wissenschaftliche Arbeiten. Bei Haymon zuletzt: Herzfleischentartung. Roman (2001, HAYMONtb 2009), Aufgeklappt. Roman (2003), Folgen. Roman (2005), Und nehmen was kommt. Roman (2007) und Einleben. Roman (2009).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 05.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709974537
    Verlag: Haymon Verlag
    Größe: 995 kBytes
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Verfahren

Fremdenwesen

Es ist zehn nach zwei. Die Schreibkraft schaut beim Portier vorbei, erkundigt sich, ob er ihre Richter schon gesehen hat. Für zwei ist nämlich die Nachmittagsverhandlung angesetzt. Bei ihm sind sie jedenfalls noch nicht vorbeigekommen. Da aber alle hier durch müssen, die den Gerichtshof betreten wollen, dürften sie wohl die Mittagspause etwas ausgedehnt haben, sagt sie sich, denn Eile scheint keine geboten, weil der beschwerdeführende Asylwerber ohnehin nicht da sein wird.

Die Richter sind ihre, weil die Schreibkraft fix einem bestimmten Zweiersenat zugeteilt ist, der stets gemeinsam verhandelt, einmal unter dem Vorsitz des einen, dann wieder unter dem des anderen. In der Regel finden die beiden zu einem gemeinsamen Urteil, so gut wie immer, könnte man sogar sagen. Zwanzigtausend zu eins steht die Quote, auf zwanzigtausend Entscheidungen kommt eine einzige, auf die sich das Tandem nicht einigen kann. Nicht die zwei allein natürlich, die da draußen gerade aufgeräumt den Portier mit dem stets freundlichen Naturell grüßen, sondern alle paar Dutzend Zweiersenate zusammen. Ihre Richter, könnte die Schreibkraft bestätigen, sind sich bisher immer einig gewesen, zumindest nach eingehender Beratung.

Wer die Sicherheitsschleuse passiert hat, tritt in eine Art Aufenthalts- oder Warteraum mit zu vielen zu großen braunen Tischen und vielen blauen Stühlen und einer Ecke mit Kinderspielzeug. Direkt vor die Füße eines der beiden Richter auf ihrem gemächlichen Weg in den Verhandlungssaal fährt ein knallrotes Sportauto. Ein blondgelockter Dreijähriger traut sich nicht recht, hinzulaufen und es sich zurückzuholen. Er steckt die halbe rechte Hand in den Mund und starrt den großgewachsenen Mann im dunklen Anzug an, der sich jetzt bückt, ihm zulächelt, das Auto umdreht und mit Schwung zu dem Kleinen zurückschickt. Der freut sich sichtlich über den unerwarteten Spielkameraden, greift sich das schmucke Cabrio und nimmt gleich einen neuen Anlauf. Doch da geht eine junge Frau dazwischen, trotz der pechschwarzen Haare unter dem Kopftuch wohl die Mutter. Sie flüstert ihm mit Nachdruck etwas ins Ohr, packt ihn fest am Arm und läßt sich das Auto aushändigen. Entschuldigung! sagt sie ernst, und der Richter, der zu seinem Kollegen gerade Entzückend! gesagt hat, sagt jetzt: Nein, nein.

Die Art Aufenthalts- oder Warteraum ist eigentlich eine Art Verteilerzentrum, eine relativ kleine, von kaltem Kunstlicht erhellte Vorhalle mit niedriger Decke, von der aus man in die Verhandlungssäle gelangen kann, zu den Büros, den Stiegenhäusern, zum Lift, zur Garage, zu den Getränkeautomaten, den Toiletten. Oben in einer der Ecken hängt eine Art runder Verkehrsspiegel. Nicht für diesen Zweck gebaut, wurde das Gebäude kostengünstig adaptiert, und das sieht man ihm auch an.

Mißtrauische oder womöglich gar ängstliche Vorgeladene mit einschlägiger Vergangenheit könnten sich, kaum glücklich dem Sicherheits-Check entronnen, vielleicht am Blickfang des Raumes, einer großflächigen Milchglasscheibe mitten in der Wand hinter den vielen Tischen stoßen. Auf ihrer anderen Seite befindet sich jedoch nur der ansonsten fensterlose, düstere KGB-Verhandlungssaal. So heißt er jedenfalls im Hausjargon, weil die Richter sich in ihm Beschwerdeführern widmen müssen, die direkt vor ebendieser dominanten Milchglasscheibe Platz genommen haben, hinter der sich aber, wie gesagt, bloß die Art Aufenthaltsraum befindet, in dem die menschlichen Verhandlungsgegenstände warten, bis es so weit ist. Der KGB-Saal ist unbeliebt und dient nur als letzte Reserve, wenn alle anderen ausgebucht sind.

Die Errichtung des Asylgerichtshofes hat wegen des vielzitierten Rucksacks vorübergehend jede Menge Verhandlungssäle nötig gemacht, auch wenn ein Gutteil der Richter die Verfahren gewöhnlich ohne lästiges Verhandeln abschließt. In diesem Rucksack mußten anfangs weit übe

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