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Vergesst unsere Namen nicht Roman von Stranger, Simon (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.12.2019
  • Verlag: Eichborn AG
eBook (ePUB)
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Vergesst unsere Namen nicht

Eine wahre Familiengeschichte, die zeigt, wie nah Dunkelheit und Hoffnung beieinanderliegen können In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen. Ein auf wahren Begebenheiten basierender Roman, der achtzig Jahre Geschichte und vier Generationen umfasst. Eine Erzählung über den Holocaust, über Familiengeheimnisse und über die Geschichten, die wir an unsere Kinder weitergeben.

Simon Stranger wurde 1976 geboren und lebt mit seiner Familie in Oslo. Sein Roman 'Vergesst unsere Namen nicht' war in Norwegen ein durchschlagender Erfolg und wurde in vierzehn Länder verkauft.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 350
    Erscheinungsdatum: 31.12.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732578436
    Verlag: Eichborn AG
    Originaltitel: Bandeklosteren
    Größe: 542 kBytes
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Vergesst unsere Namen nicht

A

A wie Anklage.

A wie Aussage.

A wie Arrest.

A wie alles, was verschwinden und in Vergessenheit fallen wird. Alle Erinnerungen und Gefühle. Alle Habseligkeiten und Besitztümer. Alles, was den Rahmen eines Lebens gebildet hat. Die Stühle, auf denen man saß, und das Bett, in dem man schlief, werden hinausgetragen und in andere Wohnungen gebracht. Teller, mit denen andere Hände einen Tisch decken, und Gläser werden an die Lippen anderer Menschen geführt, die das Wasser oder den Wein trinken, bevor sie sich jemand anderem zuwenden und das Gespräch fortsetzen. Dinge, an denen viele Geschichten hängen, werden irgendwann ihre Bedeutung verlieren und in reine Form verwandelt werden, wie ein Konzertflügel, der von einem Hirsch oder einem Käfer betrachtet wird.

Eines Tages wird es geschehen, eines Tages wird für uns alle der letzte Tag kommen, ohne dass wir wissen, welcher es ist oder auf welche Weise das Leben enden wird. Ich weiß nicht, ob ich die letzten Stunden meines Lebens in einem Pflegeheim zubringen werde, mit röchelndem Husten und mit einer Haut, die mir weiß und schlaff wie Brotteig von den Oberarmen hängt, oder ob ich plötzlich und unerwartet sterben werde, mit fünfundvierzig oder sechsundvierzig, durch eine Krankheit oder bei einem Unfall.

Vielleicht werde ich von einem Eiszapfen getötet, der von der Dachkante eines Häuserblocks fällt, gelockert von den Vibrationen eines Handwerkers, der im darunterliegenden Stockwerk einen Badezimmerboden aufbohrt, oder von einer warmen Meeresbrise, sodass der Eiszapfen an den Fenstern vorbeischießt. An Wohn- und Schlafzimmern vorbei, bis er meinen Kopf trifft, der sich über die Nachrichten in meinem Handy beugt, und das Telefon gleitet mir aus den Händen und bleibt leuchtend auf dem Bürgersteig liegen, während entsetzte Passanten sich in einem Halbkreis um mich scharen. Zufällige Zeugen, die unvermittelt an den Abgrund erinnert werden, der sich stets neben jedem Einzelnen von uns befindet, aber nur selten zum Vorschein kommt: Alles, was wir sind und was wir haben, kann weggerissen werden, direkt aus dem alltäglichen Leben.

In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zweimal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie in einer Stadt, in der der Strom ausfällt.

Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen. Dieser zweite Tod war der Ausgangspunkt für den deutschen Künstler Gunter Demnig, als er die Idee entwickelte, Pflastersteine aus Messing herzustellen und darauf die Namen von Juden einzugravieren, die während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis ermordet wurden, und sie vor den Häusern, in denen diese Familien gewohnt hatten, in den Bürgersteig einzulassen. Er nennt sie »Stolpersteine«. Diese Kunstwerke sind der Versuch, diesen zweiten Tod hinauszuschieben, denn indem er die Namen der Opfer in den Weg ritzt, sorgt der Künstler dafür, dass sich in den folgenden Jahrzehnten Passanten über die Steine beugen und damit die Toten am Leben erhalten, wodurch gleichzeitig die Erinnerung an eines der schlimmsten Kapitel der europäischen Geschichte lebendig gehalten wird, als sichtbare Narben im Gesicht der Städte. Bis jetzt sind 67000 Stolpersteine in zahlreichen Städten Europas eingelassen worden.

Einer von ihnen ist deiner.

Einer der Steine trägt deinen Namen und ist dort in den Bürgersteig versenkt worden, wo du gewohnt hast, in der mittelnorwegischen Stadt Trondheim. Vor ein paar Jahren ging mein Sohn vor diesem Stolperstein in die Hocke und wischte die Kiesbrocken und den Dreck mit seinem Handschuh von dem Metall. Dann las er laut.

»Hier wohnte Hirsch Komissar.«

Mein Sohn war in jenem Jahr zehn geworden, und er ist einer deiner Ururenkel. Wie au

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