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Vergiss kein einziges Wort Roman von Binkert, Dörthe (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.09.2018
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)

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Vergiss kein einziges Wort

Drei Epochen, drei Frauen, drei Schicksale In den Geschichten von Martha, Maria und Magda im schlesischen Gleiwitz spiegelt sich die Geschichte einer Grenzregion wider: die Geschicke von Deutschen, Polen und Tschechen, Christen und Juden, die liebten und hassten, Familien gründeten und einander verließen, vertrieben wurden und sich wiederbegegneten. Gekonnt spannt Dörthe Binkert den großen Bogen von den 20er- bis zu den ausgehenden 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Mit viel Gespür und noch mehr Herzblut zeichnet sie das Porträt einer Zeit und einer Region, in der Freude und Leid nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt waren.

Dörthe Binkert, geboren in Hagen/Westfalen, wuchs in Frankfurt am Main auf und studierte dort Germanistik, Kunstgeschichte und Politik. Nach ihrer Promotion hat sie viele Jahre für große deutsche Publikumsverlage gearbeitet. Seit 2007 ist sie freie Autorin und lebt in Zürich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 21.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423434690
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 1286 kBytes
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Vergiss kein einziges Wort

1921

Die ganze Nacht ging ein Wind durch die Straßen, wirbelte Flugblätter aus der Gosse auf, riss am hellen Grün der Junibäume.

Um Mitternacht setzten die Wehen ein. Carl schlief so fest, dass er nicht bemerkte, wie seine Frau aufstand und in die Küche ging. Auch im Bett der Mädchen regte sich nichts, nur eine seufzte leise im Schlaf, wahrscheinlich war das Ida, die so lebhaft träumte.

Die Wehen waren noch nicht sehr heftig, kein Grund, jemanden aufzuwecken. Nicht beim siebten Kind. Überhaupt wollte Martha nicht ins Krankenhaus. Sie würde nach der Hebamme schicken, wenn es so weit war - »falls das Kind nicht von allein rausrutscht«, wie die Hebamme bei der Untersuchung gesagt hatte, »es ist ja nicht Ihr erstes«.

Auf dem Küchentisch musste noch ein Krug mit kaltem Tee stehen, einen Becher fand Martha blind, ohne Licht zu machen. Handgriffe wie im Schlaf. Nicht, dass Klara noch aufwachte in ihrem Kinderbettchen.

Martha lehnte sich gegen das Fensterkreuz, in ihrem Rücken das schmerzhafte Ziehen und die dunkle, sternlose, windige Nacht. Der ruhige Atem Klaras. Der Frieden, der von schlafenden Kindern ausgeht. Das Knacken der Dielen, ein unregelmäßiges Geräusch, in dem man keine Gesetzmäßigkeit erkennt. Der Wind. Sonst war alles still. Das Haus in der Paulstraße schlief dem Tag entgegen, als stünde nichts bevor.

Am Morgen gingen Carl und die älteren Kinder wie gewöhnlich zur Arbeit und in die Schule. Die Brote für alle hatte Martha schon am Vorabend geschmiert, so, wie sie es immer machte. Auf dem Pergamentpapier blühten inzwischen fettige Stellen vom Griebenschmalz. Sechzehn Scheiben Brot, je zwei Klappstullen für die Männer, eine für die Mädchen. Und noch ein Glas eingemachte Gurken für Carl.

»Die Strebel-Gurken sind bei den Kollegen berühmt«, sagte Carl anerkennend und verstaute das Gurkenglas in der braunen Aktentasche. Es störte ihn, dass die Tasche sich dabei einseitig ausbeulte und unprofessionell gepackt wirkte, aber die Gurken waren es wert. Er kniff Martha unbeholfen in die Wange. »Wird schon alles gut gehen, Martha, wirst sehen.«

»Jetzt geh schon«, erwiderte Martha, »und sag der Frau Liedka unten Bescheid. Sie soll die Hebamme rufen, es ist bald so weit.«

 

»Ja«, nickte Frau Liedka und zog den geblümten Morgenmantel, gelbe Rosen auf blauem Grund, enger über der vollen Brust zusammen, als Carl vor ihr stand. »Sicher doch mach ich das.« Sie nahm ihm den Zettel aus der Hand, auf dem Martha mit ihrer winzigen, säuberlichen Schrift die nötigen Angaben notiert hatte. »Ich geh auch gleich hoch und sehe nach Ihrer Frau und der Kleinen. Die Klara kann solange hier unten mit meiner Rita und der Bärbel spielen. Es wird ja hoffentlich nicht so lange dauern ... obwohl, man weiß nie.«

Aber erst öffnete sie das Fenster und sah Carl nach, wie er auf sein schwarzes Fahrrad stieg, die Paulstraße hinunterfuhr, nach wenigen Metern links in die Barbarastraße einbog und in Richtung Hindenburgbrücke verschwand, ein wenig schwankend im Wind, eine Hand am Hut.

Immer pünktlich aus dem Haus und bei der Arbeit, der Strebel, dachte Frau Liedka bei sich, ein richtiger preußischer Beamter. Der hält nicht bei jeder Destille an, weil er einen Schluck Gleiwitzer Kanalwasser braucht. Er kam ja auch von da oben aus Breslau, wo alles schöner, größer und besser und noch dazu näher bei Berlin war. Dafür sah man ihn bei der heiligen Messe nie, seine Frau und die Kinder ebenso wenig. Es war ihr, Agnes Liedka, gleich klar gewesen, dass sie Evangelen waren, als sie einzogen, so protestantisch, wie die Preußen sich das nur wünschen konnten. Aber hier, in diesem Haus in der Paulstraße, hielt man trotzdem auf gute Nachbarschaft. Egal, was in der Straße geredet wurde. Übrigens war die Martha Strebel Oberschlesierin, auch wenn sie nicht katholisch war, eine geborene Wieczorek aus Oppeln. Irgendwann beim Kaffee in der Küche hatte

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