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Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser Roman von Amann, Jürg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.02.2014
  • Verlag: Haymon
eBook (ePUB)
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Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser

Sensibel und zurückhaltend nähert sich Jürg Amann in seinem Roman dem Schaffen und besonders dem Menschen Robert Walser. Einfühlsam und ergreifend.

Jürg Amann, geboren 1947 in Winterthur/Schweiz, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2013 in Zürich. Studium der Germanistik in Zürich und Berlin, Literaturkritiker und Dramaturg, seit 1976 freier Schriftsteller. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Ingeborg-Bachmann-Preis, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Bei Haymon: 'Zwei oder drei Dinge'. Novelle (1993), 'Über die Jahre'. Roman (1994), 'Und über die Liebe wäre wieder zu sprechen'. Gedichte (1994), 'Schöne Aussicht'. Prosastücke (1997), 'Kafka'. Wort-Bild-Essay (2000), 'Am Ufer des Flusses'. Erzählung (2001), 'Mutter töten'. Prosa (2003), 'Übermalungen. Überspitzungen'. Van-Gogh-Variationen (zus. mit Urs Amann, 2005), 'Zimmer zum Hof'. Erzählungen (2006), 'Nichtsangst'. Fragmente auf Tod und Leben (2008) und 'Die Reise zum Horizont'. Novelle (2010). Zuletzt erschienen: 'Wohin denn wir'. Roman (2012) und 'Lebenslang Vogelzug'. Gedichte (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 117
    Erscheinungsdatum: 05.02.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709973103
    Verlag: Haymon
    Größe: 949kBytes
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Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser

Wie also heute Sie, Herr Seelig, als sein Freund und Vormund, vor mir stehen, stand eines Tages hier vor mir Herr Walser. Nur daß ich ihn nicht hergerufen hatte.

Hölderlin, sagte er, habe es lange vor ihm für durchaus angezeigt gehalten, und das heiße für taktvoll, im vierzigsten Lebensjahr den gesunden Menschenverstand einzubüßen. Er selbst sei jetzt ungefähr fünfzig, so genau wisse er das nicht, er habe seit einiger Zeit die Jahre nicht mehr gezählt, aber das sei ja ohne weiteres nachprüfbar auf dem Geburtsschein, den er mir hiermit vorlege.

Damit legte mir Herr Walser seinen Geburtsschein vor.

Kennen Sie Nietzsche, fragte er mich, sicherlich kennen Sie Nietzsche, indem er mich ins Auge faßte, Sie sind ja doch wohl ein gebildeter Kopf. Urplötzlich, wissen Sie, und auf der Stelle ist er zusammengebrochen, der Wahnsinn, gegen den er jahrzehntelang angeschrieben und in den er sich gleichzeitig jahrzehntelang hineingeschrieben hatte, urplötzlich aus ihm hervorgebrochen und ein für allemal ausgebrochen und über ihn hereingebrochen, sagte Herr Walser, dem er sein Leben lang Wort für Wort entgegengehalten, Satz für Satz entgegengesetzt, Buch für Buch entgegengetürmt hatte, entgegengebaut, entgegen, ins Gesicht geschleudert hatte, aus diesem Gesicht plötzlich hervorgebrochen und über dieses Gesicht hereingebrochen mit Blitz und mit Donner und hat dieses Gesicht auseinandergerissen, entzweigerissen, auseinandergespalten, ich höre noch, wie er das sagt, verzerrt, ein vollkommen verzerrtes Gesicht, hat er gesagt, das da auf dem Turiner Pflaster eines Tages urplötzlich und hart und ohne Schutz aufgeschlagen ist, hingeschlagen ist, hingestreckt durch den Anblick eines ausgepeitscht werdenden Pferdes. Ein Zufall, nichts als ein perfider Zufall, diese brutale Begegnung. Und sofort auf das Tier zugestürzt, weinend sich dem Tier um den Hals geworfen, unter dem Tier im gleichen Augenblick zusammengebrochen und auf der Stelle urplötzlich verrückt gewesen. Dann, erwachend, auf dem Bett seines Hotelzimmers, stundenlang an die Decke gestarrt, ruhig, als ob nichts gewesen wäre, drei, vier Stunden an die Decke gestarrt, dann aus der Ruhe heraus plötzlich aufgesprungen, auf dem Schreibtisch das Papier zurechtgelegt, gefaltet, liniert, wiederum in aller Ruhe, dann sich hingesetzt und auf dem Papier seine Anordnungen getroffen, seine letzten Erlasse erlassen, den Fürstentag nach Rom einberufen und in die Welt hinaus geschrieben, zuletzt wäre er lieber Basler Professor als Gott, aber er habe es nicht gewagt, seinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um deshalb die Schaffung der Welt zu unterlassen, gezeichnet Der Gekreuzigte, und wieder aufgesprungen, nach dem Wirt geklingelt, dem Wirt einen Stoß Papier aufgenötigt und den Wirt eidesstattlich verpflichtet, seine Korrespondenz zu expedieren, dann ermüdet auf den Klavierstuhl zurückgesunken, in die Musik hinein ver sunken, sich in die Klaviatur versenkt, in die Klaviatur mit vollen Händen hineingegriffen, stundenlang die Klaviatur hinauf und hinunter, auf dem Klavier unausgesetzt phantasiert oder seine eigenen und fremde Kompositionen gespielt, ohne Unterbruch, ohne Ruhe phantasiert und das Klavier gespielt und das Klavier zuletzt nicht mehr gespielt, sondern mit Händen und Füßen und mit dem Kopf bearbeitet und beim Spielen und Bearbeiten zerstört und mit dem Zerstören des Klaviers auch sich selber immer weiter zerstört, unter den Augen der in der Türe schon stundenlang stehenden Wirtsleute sich vollkommen zerstört und ruiniert und dann nach stundenlangem ununterbrochenem Phantasieren und Spielen und Sich-und-das-Klavier-Ruinieren hat er den Klavierdeckel zugeworfen und ist von Stund und Minute an ru

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