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Verlangen von Steenberge, Kris van (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.08.2016
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
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Verlangen

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt und hält fortan dem Vater und den anderen Dorfbewohnern den Spiegel vor. Das 19. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu. In dem kleinen belgischen Dorf Woesten, unweit von Ypern, erwarten das junge Ehepaar Duponselles Zwillinge. Doch die Ehe steht unter keinem guten Stern. Beim erstgeborenen Valentijn geht alles gut, aber das zweite Kind kommt mit einem deformierten Gesicht zur Welt und geht fortan als Namenlos durchs Leben. Als die Brüder heranwachsen, ist Valentijn bei allen beliebt, während die Dorfbewohner und sogar sein eigener Vater nichts mit Namenlos zu schaffen haben wollen. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und das kleine Woesten liegt mitten im großen Weltgeschehen. Als auch noch Elisabeth ermordet aufgefunden wird, ist für niemanden mehr die Zukunft wie zuvor. Vor der historischen Kulisse des ländlichen Flanderns entfaltet Kris Van Steenberge mit zeitloser Aktualität das psychologisch eindringliche Porträt einer Familie, eines Ortes und einer vergangenen Epoche.

Kris Van Steenberge, geboren 1963 in Lier/Belgien, arbeitet als Dramatiker, Regisseur und Lehrer. Die Geschichten seines Großvaters über den "Großen Krieg" waren der Ausgangspunkt für seinen ersten Roman. 2014 wurde "Verlangen" mehrfach als das beste flämische Debüt ausgezeichnet und wird derzeit verfilmt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 440
    Erscheinungsdatum: 27.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608100426
    Verlag: Klett-Cotta
    Originaltitel: Woesten
    Größe: 2613 kBytes
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Verlangen

I

Lenkte der Wind sie zu ihm hin? Oder gab ihr das Schicksal einen kleinen Schubs? Er stand mit dem Rücken zu ihr unter einem einsamen Baum neben dem Rübenfeld, in einem langen Mantel und mit einem grauen Hut auf dem Kopf. Sie schwankte einen Moment zwischen den Ermahnungen ihrer Mutter, sprich nicht einfach fremde Leute an , und ihrer Neugier, vielleicht kommt er ja aus der Stadt. Erst als sie fast bei ihm war und er sich umwandte, erkannte sie ihn. Herr Funke. Also kein Fremder. Obwohl ...

"Hier weht es einen fast um", sagte Elisabeth. Es klang ein bisschen zu erwachsen.

"Der Wind kommt von Westen", antwortete Herr Funke. "Noch ein, zwei Tage, dann legt er sich." Eine warme Stimme.

Sie hatte ihn noch nie reden hören, aber ihn schon einmal bei ihrem Vater in der Schmiede gesehen, mit Zeichnungen für ein Geländer am Treppenpodest von Zulmas Haus. Ein Löwe sollte darin eingearbeitet sein, mit einer Rose im Maul. Der Löwe war gelungen und die Blume in seinem Maul auch, und obgleich niemand begriff, was es zu bedeuten hatte, fand es Anklang, man hielt es für eine gute Idee, passend für ein so großes Haus an der Hauptstraße. Ihr Vater hatte mehrere Wochen dafür gebraucht, nicht schlecht daran verdient und pünktlich die vereinbarten Raten bekommen.

"Ich mag das", sagte Elisabeth.

Er sah sie an und schwieg.

"Ich mag so einen Wind", fuhr sie fort. "Er pustet einem zugleich den Kopf leer."

Er hüstelte. "Ist dein Kopf denn so voll?" Ein durchdringender Blick, doch nicht unfreundlich.

"Bis zum Platzen", sagte sie.

"Du lernst sicher viel in der Schule?" In seinen Augen las sie Neugier.

"Ich geh nicht mehr zur Schule ...", sie zögerte einen Moment, "... also mein Kopf ist vor allem voll von den Sachen, die ich nicht weiß."

Er schmunzelte. "Sachen, die man nicht weiß, sind die schönsten. In ihnen steckt Verlangen."

Sie begriff nicht so ganz, was er meinte, aber sie schloss aus seinen Worten, dass er sie ernst nahm.

Dunkle Wolken. Es würde regnen.

Zusammen gingen sie heimwärts. Er schritt kräftig aus, und um das Tempo zu halten, hopste sie fröhlich neben ihm her, ihr Kleid und ihre Zöpfe wippten. Er schwieg und sie erzählte. Freiheraus. Über Schwester Imelda, die eiserne Hand der Nonnenschule. Über brünstige Hengste, die in der Schmiede nicht stillhalten wollten. Über den Riss im Bezug von Mutters Kirchenstuhl. Über die Steine, die sie schon von klein auf sammelte, weil sie fest daran glaubte, dass man Geschichten aus alten Zeiten hören konnte, wenn man sie sich ans Ohr hielt. Aber man musste wirklich daran glauben. Sie erzählte auch alles von dem Tag, an dem die Schwalbe gestorben war, vor drei Jahren. Was für ein Jammer das doch war, weil sie nun keine Entdeckungsreisende werden konnte oder Erfinderin oder Künstlerin oder so. Sie würde nun niemals etwas ihren eigenen Namen geben können. Einem Lied, einem Automobil, einer Insel, einer Geige, einem Theaterstück. Einerlei, was.

"Möchtest du das denn?", fragte er.

"Wer nicht", antwortete Elisabeth. "Nur dann lebt man weiter nach dem Tod."

Ein paar blonde Haare, die sich gelöst hatten, flatterten ausgelassen um ihren nackten Hals.

"Ich will nicht, dass du so lange wegbleibst." Ihre Mutter rieb sich nervös mit beiden Händen über die Ärmel ihres geblümten Kittelkleids.

Mütter haben keine Sorgen, dachte Elisabeth, sie machen sich welche.

"Du wolltest mir doch bei dem Auftrag für Freitag helfen. Das hast du mir versprochen." Sie setzte sich ans Fenster und griff zu ihrer Spitzenklöppelei. Die Blüten, die Weinranken, die Tiere, die filigranen, verschnörkelten Muster, diese ganze minutiöse Arbeit hatte ihre Augen verdorben. Sie brauchte eine Brille, aber das würde sie niemals zugeben.

Der Kalbskopf würde am Freitag hier stehen, sich in sein

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