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Volker Bruck oder Die Reise in den Osten von Johanson, Katharina (eBook)

  • Verlag: neobooks Self-Publishing
eBook (ePUB)
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Volker Bruck

Das Jahr 1991 war eins der denkwürdigsten in der deutschen Geschichte. Die Währungsunion war vollzogen, die deutsche Einheit herge-stellt. Die Menschen in Ost und West wollten oder mussten mit veränderten Verhältnissen fertig werden, auch irgendwie miteinander auskommen lernen. Jenseits der großen Politik nahmen sie ihr Schicksal begeistert oder gedrungen an. Raushalten konnte sich niemand. Mit gutem Willen gehen die Protagonisten der vorliegenden Geschichte an ihr Werk. Allerdings sorgen die sich aus oberflächlichen Urteilen und Halbwahrheiten zusammensetzenden subjektiven Befindlichkeiten hier und dort für Verwirrung, an denen die Gemeinschaft zu zerbrechen droht und das hohe Ziel, sich zusammenzuraufen, zeitweilig in unerreichbare Ferne rückt. Katharina Johanson wurde 1955 in Berlin/DDR geboren. Berufsausbildung und langjährige berufliche Tätigkeit in der Landwirtschaft. Nach der Wende: Studium der Erziehungswissenschaften und Kulturwissenschaften im Fernstudium bei gleichzeitiger Beschäftigung im Schuldienst. Seit 2018 Rentnerin. Jetzt als Hobbyhistorikerin in Sachen Heimatgeschichte unterwegs.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 150
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783750216174
    Verlag: neobooks Self-Publishing
    Größe: 1217 kBytes
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Volker Bruck

Prolog

Volker Bruck und Maria saßen sich am Küchentisch gegenüber. Sie plauderte während des Essens ungezwungen. Er aß schweigend und hörte mit halbem Ohr zu. Ab und an hob Maria die Stimme. Mit "Haben Sie gehört?" oder "Ist doch wahr!" versicherte sie sich seiner Aufmerksamkeit. Gewohnheitsmäßig quittierte Bruck an dieser Stelle mit "Aber ja" oder "Ist ja interessant", obwohl er wenig Anteil nahm. Die Mahlzeit dehnte sich in die Länge. Den Mann und die Frau drängten nichts und niemand.

Bruck schaute auf den Kalender am Schrank. Es war der 4. September 1990. Seit Monaten wartete Maria mit Episoden über die Entwicklung im Osten auf. Bruck reagierte mürrisch. Was gingen ihn die dortigen Ereignisse an? Ob die friedlich demonstrierten, irgendwelche Vereinbarungen trafen oder sich die Köpfe einschlugen, war ihm gleichgültig. Man lebte hier in München, hatte sich eingerichtet. Man lebte gut. Das Kapitel Osten war für ihn seit Jahrzehnten abgeschlossen. Bruck knurrte: "Lassen Sie doch bitte die Politik und den Osten sowieso." Maria schwieg pikiert, um wenig später unbekümmert auf ein anderes Thema einzugehen. Sie wollte ihn nicht verärgern. Sie kannte ihn gut und schätze seine ansonsten so friedfertige Art.

Des Mannes heutige Einstellungen resultierten aus seinem Lebensüberdruss, ja einer sich allmählich eingeschlichenen Müdigkeit. Der jetzt fast Fünfzigjährige war auch in jungen Jahren niemals drängend oder stürmisch gewesen. Er neigte eher zu Zurückhaltung und Bedachtsamkeit. Er fühlte sich nie berufen, die Welt zu verändern. Er lobte sich die bescheidene Karriere eines Kunsthistorikers, strebte selbst im universitären Alltag niemals die hohen Ziele einer ordentlichen Professur an. Er mochte nicht im Rampenlicht stehen. Er blieb nach seiner Promotion Privatdozent. Ihm genügten seine Forschungen, gelegentliche Veröffentlichungen und die Arbeit mit wenigen, sehr begabten Studenten. Er richtete sich maßvoll, anspruchslos in der Mitte der Gesellschaft ein. Gerade diese Bescheidenheit beförderte seinen stetigen beruflichen Aufstieg und seine Beliebtheit im Umfeld. Da hätte er sich glücklich schätzen können. Allein, es war ihm nicht vergönnt, seinen kleinen Traum vom Glück fest- und lebendig zu erhalten. Das machte ihn schwermütig.

Brucks Traum vom Glück war die junge, schöne Helena gewesen. Helena hatte bei ihm einige Semester Kunstgeschichte des frühen, abendländischen Mittelalters belegt, sich nicht nur als ausgesprochen talentiert für das Fach, sondern sich gleichfalls als sensibel für die Forschungsintentionen ihres Lehrers erwiesen. So kam es zu gemeinsamen Arbeiten, über diese zu intimer Vertrautheit und schließlich gingen sie den Bund fürs Leben ein. Die Vermählten hatten niemals materielle Sorgen. Sie schöpfte aus einer reichen Erbschaft, er aus den gut fließenden Tantiemen seiner Veröffentlichungen. Da leisteten sich die jungen Brucks das schöne Haus, beschäftigten ein paar Dienstleute, unternahmen Reisen, betrieben ihre wissenschaftliche Arbeit, pflegten einen auserwählten Freundeskreis. Bis zu dem Unglück! Helena starb an einem Fieber. Der Bund hatte gerade mal zehn Jahre Bestand gehabt. Bruck blieb verzweifelt und resigniert zurück.

Nach Helenas Tod entließ Bruck den Gärtner und den Hausmeister mit der Begründung, man könne Dienstleistungen preiswert extern einkaufen. Nicht notwendige Sparsamkeit trieb den Witwer an, sondern der Wunsch nach völliger Ruhe. Helenas Räume durften nicht verändert werden, Altäre mit Porträts der geliebten Frau, mit Blumenschmuck und mit Kerzen wurden errichtet, Erinnerung und Trauer nahmen den Mann vollständig ein. Seine Haushaltshilfe Maria fortzuschicken, dazu kam er nicht, denn sie sah deutlich, wie sehr er im Begriff war, dieses Haus in ein Mausoleum zu verwandeln und sich selbst zu zerstören. Sie drängte sich dem Hausherrn förmlich auf. Sie riss konventionelle Schranken nieder und wendete sich ihm wie ei

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