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Vom Himmel zum Meer Roman von Marcks, Lisa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.03.2019
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Vom Himmel zum Meer

Hamburg 1892. Die junge Waise Agnes tritt eine Stelle als Gesellschafterin der Pfarrerswitwe Tilly Bevenkamp an. Doch dann bricht die Cholera aus, und die Frauen fliehen in Tillys altes Elternhaus an die Ostseeküste. Eines Tages entdeckt Agnes bei einem Spaziergang ein leer stehendes Herrenhaus mit einer herrlich ausgestatteten Küche. Einer, in der man anders als in der Kate die wunderbarsten Köstlichkeiten zaubern könnte ... Sie hat jedoch die Rechnung ohne den Besitzer, den attraktiven Adligen Benjamin von Reiker, gemacht. Kategorisch verweigert er ihr den Zutritt zu dem Haus. Aber gelingt es ihm auch, ihr den Zutritt zu seinem Herzen zu verbieten? Lisa Marcks ist das Pseudonym der Autorin, Schlussredakteurin und Journalistin Kerstin Sgonina. Wenn die Autorin nicht schreibt oder redigiert, widmet sie sich ihrem Garten oder ihrer Leidenschaft fürs Kochen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 18.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641235796
    Verlag: Goldmann
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Vom Himmel zum Meer

Der Glanz von Karamell
Straßburg, Sankt-Bartholomäus-Waisenhaus
Juli 1892

Hinter dem Fenster tanzten die Sonnenstrahlen. Agnes hielt inne und pustete sich eine rostrote Locke aus dem Gesicht. Sie liebte es, an lauen Sommertagen hier zu stehen, wenn eine Brise das Wispern der Stadt durch das Fenster wehte. Regen hatte die Luft reingewaschen und ließ die Dächer der Fachwerkhäuser rund um das Münster glänzen. Hier und da huschte Rauch aus einem Schornstein, kräuselte sich zu einer Wolke und zerriss, sobald eine Böe hindurchfuhr.

In der Küche des Waisenhauses war es dämmrig und still. Bertrande, die Köchin, war einkaufen gegangen und hatte Agnes mit den Worten zurückgelassen, ja keinen Unsinn zu verzapfen. Als wenn ihr das in den Sinn käme! Heute war ihr letzter Tag im Waisenhaus. Ihr letzter auch in Straßburg, in ihrer Heimat. Wie könnte sie da Unsinn verzapfen? Es war doch viel naheliegender, Bertrandes Schätze zu suchen, die sie vor den Mäusen und den Kindern versteckte und anschließend meist selbst nicht wiederfand.

Während im Herd die Kohlen knackten und in der Speisekammer Mäuse raschelten, blickte Agnes auf das hinunter, was sie zutage gefördert hatte. Einen Schatz, nicht mehr und nicht weniger. Einundzwanzig Rosinen hatte Bertrande in einem Spalt zwischen zwei Fliesen versteckt, in einer Schachtel, die kaum größer war als Agnes' Daumen.

Einundzwanzig Rosinen, das war wie für sie gemacht. Eine Rosine für jedes Lebensjahr, es fehlte bloß eine halbe, denn sie war ja einundzwanzigeinhalb.

Agnes beugte sich hinab und schnupperte. Diese Süße! Am liebsten würde sie sich eine mopsen und gleich essen, aber dann würde der Strudel nicht so gut, und das konnte sie unmöglich zulassen. Eine Fülle Locken hüpfte aus ihrem Dutt und fiel über ihre karamellfarben glitzernden Augen, als sie sich wieder aufrichtete. Sie würde einen Strudel backen, wie ihn das Waisenhaus noch nicht gesehen hatte. Was nicht schwer war, denn einen Strudel hatte noch keines der Kinder je zu Gesicht bekommen. Aber Agnes sah ihn genau vor sich: mit einer zarten braunen Kruste, die hier und dort aufgebrochen war. Einem milden, süßen, wunderbaren Duft, der die Küche und dann das weitläufige Gebäude erfüllen würde. Und im Innern das goldbraune Leuchten der Rosinen ...

Mit einem Hieb ließ sie den Teig auf die Tischplatte niedergehen. Es klatschte zufriedenstellend, und Agnes, die mit so viel Kraft gar nicht hätte vorgehen müssen, lächelte. In den vergangenen Tagen war ihre Stimmung trüb gewesen. Die Zukunft, die morgen beginnen würde, war ihr nicht das kleinste bisschen verlockend erschienen. Der Rosinenfund aber hatte alles verändert. Sie fühlte sich getröstet und war mit einem Mal guten Mutes. Wenn sie noch zu Hause solches Glück hatte - wie würde es dann erst in der Ferne sein!

"Hamburg", murmelte sie leise vor sich hin. Das war sehr weit von hier. Geradezu Sibirien, hatte die Köchin gemosert. Aber hoffentlich nicht so kalt.

Doch ob Hamburg so lebendig wie Straßburg war, so voller Geräusche, Gerüche und Geschmäcker? Wenn sie an Deutschland dachte, malte sie sich schwarze Tannen aus, deren Spitzen sich im Wind bogen. Schiller und Goethe fielen ihr ein, Bismarck und der Kaiser natürlich. Obwohl das Elsass seit 1871 deutsch war, erschien Agnes das eigentliche Kaiserreich fremd. Ihr Zuhause würde sicher immer Straßburg bleiben.

Aber aufregend war es, so weit in die Ferne zu reisen. Erst recht, da sie bislang erst einmal aus der Stadt herausgekommen war. Weiter als bis in die nahen Vogesen war es damals aber nicht gegangen.

Mit einem neuerlichen Knall ließ sie den Teig auf der Tischplatte aufkommen, nahm ihn hoch und hieb ihn wieder auf das Holz, noch einmal und noch einmal, bis er mürbe genug war.

Nun durfte er ruhen. Im Gegensatz zu ihr, die den Boden zu fegen begann. Jeden Winkel der Küche säuberte sie, so wie es seit Jahren wohl niemand mehr

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