text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Vom Licht von Neft, Anselm (eBook)

  • Verlag: Satyr Verlag
eBook (ePUB)
12,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Vom Licht

Aussteigerroman, radikale Reflexion und verstörende Familiengeschichte: 'Vom Licht' ist eine literarische Herausforderung, die lange nachwirkt. In seinem neuen Roman gewährt Anselm Neft einen tiefen Einblick in fundamentalistisches Denken und den radikalen Kern des Christentums. Brisanter Stoff und exzellente Prosa. Adam ist 21 und ganz allein. In der Dachkammer eines entlegenen und verwilderten Selbstversorgerhofes im österreichischen Voralpenland schreibt er über sein bisheriges Leben: das abgeschottete Landleben ohne Schulbesuch, die religiöse Heimerziehung durch seine Zieheltern und seine innig geliebte, drei Jahre ältere Stiefschwester Manda. Durch seine Notizen versucht Adam zu verstehen, was mit seiner Familie geschehen ist, wie er der wurde, der er ist, und was er tun kann, um trotzdem weiterzuleben.

Anselm Neft schrieb bereits Hunderte von Satiren, Nachrufen, Kolumnen, Kurzgeschichten und Essays unter anderem für taz, Tagesspiegel, Welt, Titanic, Eulenspiegel, Das Magazin und Christ & Welt. Er studierte vergleichende Religionswissenschaften, schrieb seine Abschlussarbeit über zeitgenössischen Satanismus und legt mit 'Vom Licht' nach 'Hell' seinen zweiten Roman bei Satyr vor. Weitere Veröffentlichungen: 'Die Lebern der Anderen' (Ullstein: 2010) und 'Helden in Schnabelschuhen' (Knaus: 2014). Neft lebt in Hamburg, schreibt an seinem nächsten Roman und tritt monatlich mit der Lesebühne 'Liebe für alle' auf.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783944035789
    Verlag: Satyr Verlag
    Größe: 987 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Vom Licht

2
DAS HAUS

Seit Tagen versuche ich, die Traurigkeit zu ergründen, die mich beim Anblick des Esstisches überkommt, und glaube, eine Ursache in der Unverrückbarkeit des Tisches gefunden zu haben. Er ist zwar theoretisch verrückbar, steht praktisch aber, seit ich denken kann, an derselben Stelle und erfüllt eine einzige Funktion. An diesem Tisch haben wir mittags und abends gegessen. Gefrühstückt und gearbeitet und beisammengesessen wurde am Küchentisch in der Küche, einem Tisch unter dem Manda und ich als Kinder manchmal gehockt haben, wohingegen der Esstisch im Esszimmer nie dazu eingeladen hätte, Teil eines Spiels zu werden.

So selbstverständlich mir die Unverrückbarkeit des Tisches in vielen Jahren erschienen ist, so sehr vermute ich nun darin einen Grund für meine Traurigkeit. Zuerst war das traurige Gefühl da, dann fand ich den Gedanken, der dem Gefühl zugrunde lag, die Absicht des Gefühls. Ich kann gar nicht sagen, was ich gerne an diesem Tisch noch getan oder beobachtet hätte, ich kann nicht einmal sagen, dass ich gerne etwas anderes getan oder beobachtet hätte, ich kann nur sagen und sage es mir seit Tagen immer wieder, dass es mich traurig macht, dass der Tisch immer an der gleichen Stelle gestanden und immer nur die eine Funktion erfüllt hat. Durch unser Verhalten ist er mehr und mehr zum Esstisch und im Laufe der Zeit schwerer und dichter geworden, sodass es immer undenkbarer wurde, ihn zu verrücken oder, auch dieses Wort schon eine Festlegung: zu zweckentfremden. Etwas von der Erstarrung des Tisches ist in mich übergegangen und geht weiter in mich über, wenn ich ihn betrachte oder mir vorstelle.

Eine weitere Ursache der Traurigkeit sehe ich in der Erinnerung an die Mahlzeiten. Wir aßen schweigend. Valentins Kauen verursachte mir Kopfschmerzen und einen Druck in der Brust, in der ich meine Schreie erstickte. Ich stellte mir die eingespeichelte, zerkaute Masse vor, die er im Mund bewegte und dann durch eine Röhre hinab in die Eingeweide sog. Ich dachte an die wimmelnden Bakterien, die im Mund und in der Röhre und im Magen und im Darm leben und den Brei für ihre Zwecke nutzen und umwandeln. Ich bemühte mich, möglichst lange selbst zu essen, um mich nicht auf Valentins Kauen und Schlucken konzentrieren zu müssen, aber oft machte das Essen keine Freude, auch weil mir die eigene Speiseröhre widerlich wurde, ich schaffte nicht viel, und ich durfte nicht stochern. Wir sollten keine Meinung zum Essen haben, wir sollten nicht gierig oder angewidert sein. Wir aßen, weil wir es mussten, aber ich wusste früh, dass Valentin oft gerne aß und Norea das Essen in der Regel verabscheute, auch wenn sich keiner von beiden etwas anmerken lassen wollte.

Wir saßen immer auf den gleichen, uns jeweils zugewiesenen Stühlen. Wir blieben jedes Mal sitzen, bis alle ihre Mahlzeit beendet hatten. Damals hätte ich es nicht ausdrücken können, sondern erlebte es wie einen Traum, der in der Erinnerung etwas anderes ist als im Augenblick des Träumens: Keiner von uns wollte auf diese Weise an diesem Tisch sitzen, und doch taten wir es jahrelang jeden Tag. Denke ich heute daran, betrachte ich heute den Tisch, werde ich so müde, dass ich mit geschlossenen Augen auf dem Sofa im Wohnzimmer oder auf meinem Bett oder einem Stuhl in der Dachkammer sitze und warte, dass die Müdigkeit aufhört, aber ich weiß, dass es immer nur kurze Unterbrechungen sind und dass ich immer schon müde gewesen bin: im Haus vor allem im Kopf, mit Druck von innen gegen die Augen, im Freien vor allem als Schwere des ganzen Körpers, vor allem der Beine, die träge werden und nicht weit laufen wollen, obwohl ich glaube, dass ich weit laufen will.

Mich beschäftigt der Gedanke, dass der Tisch, bevor er ein Ding wurde, ein Gedanke gewesen ist. Jemand muss ihn sich ausgedacht haben, natürlich ausgehend von anderen Tischen, aber auch diese anderen Tische sind ursprünglich ausgedachte Tische, die vielleicht auch anders hätten ausg

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen