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Vorstadtjunge von Sturm, Moritz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.01.2012
  • Verlag: Bruno Gmünder Verlag
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Vorstadtjunge

Der anstrengende Weg, erwachsen zu werden. Geistreich und ungeheuer lustig! Vorstadtjunge ist das gelungene Portrait eines frühreifen und schlagfertigen Teenagers auf dem Weg erwachsen zu werden. Auf seinen Streifzügen durch die Hafenstadt bekommt der 17-Jährige dank seines guten Aussehens eindeutige Angebote...

Moritz Sturm studierte zunächst Germanistik und Philosophie, wechselte dann zur Medizin und arbeitet heute als Arzt in eigener Praxis in Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 196
    Erscheinungsdatum: 01.01.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783867872638
    Verlag: Bruno Gmünder Verlag
    Größe: 283 kBytes
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Vorstadtjunge

A-Ware, B-Ware

Natürlich habe ich noch ein Kinderzimmer: Eine Schutzhöhle mit Ikea-Halbmond, Hochbett und hellblauen Tapeten - ich genieße das, und lasse es für meine Eltern so bestehen. In zwei, drei Jahren werde ich mich verabschieden und ausziehen, das ahnen sie zwar, aber ich möchte uns mit dem Thema noch nicht belasten.

Mein Bruder Leonard kommt rein: "Weißt du, wo Papas Kiffzeug versteckt ist? Ich brauch heute was."

"Hey Leo, du bist einundzwanzig und packst es nicht mal, dein eigenes Gras zu organisieren. Noch alles klar, du Schwachstromleuchte?"

Leonard zieht schweigend ab. Oh ja, Schweigen ist ziemlich angesagt in meiner Familie. Alles Kuscher und Konfliktvermeider. Außer meiner dicken, schweren Mutter. Nur sie hat etwas Ahnung, wie es in mir aussieht. Natürlich weiß meine Mutter, sie hat keinen kleinen Jungen mehr, sondern einen Sohn, der nachts onanierend unter seinem Leuchtsternhimmel liegt, und der - wie alle Söhne - am Geisteszustand seiner Eltern zweifelt. Ob sie mich vermissen wird, wenn ich einmal fort bin?

Nichts gegen meine Familie. Oder doch? Mein Vater macht einen auf kiffenden Hippie und ist ansonsten zu nichts zu gebrauchen. Meine Mutter ist so groß wie breit und liebt mich über alles. Manchmal spielt sie die Intellektuelle. Dann ist sie für niemanden zu sprechen, sitzt alleine im Wohnzimmer, trinkt viel zu trockenen Rotwein und liest Bücher auf Französisch. Das hält sie aber nur ein paar Abende durch, landet schließlich wieder fröhlich auf der Erde und vertändelt ihre Tage mit Telefonieren, Fernsehen und experimentellem Kochen - andere sagen Resteessen dazu.

War da noch was? Ach ja, Balduin und Leo. Leo, mein älterer Bruder, ist noch von jeder Schule geflogen, und Balduin, unser uralter Bernhardiner, stinkt und furzt. Er hat Flatulenzen. Das Wort habe ich in einem Roman gelesen. Dort furzt der Hund hundertmal am Tag. Das kann Balduin auch. Irgendwie passt der Hund zu uns. Darum hasse ich ihn. Er passt zu meiner Sippschaft, einer Hamburger Vorortfamilie mit zu wenig Geld für die Großstadt. Meine Eltern sind ab vierzig nicht mehr vorangekommen. Sie sind stehen geblieben, stecken geblieben. Sie können sich über Tage damit beschäftigen, an welcher Wand und auf welcher Höhe ein neues Ölpanschbild von Oma angenietet werden soll, doch die Mülltüten in der Küche bleiben so lange stehen, bis sie aus Langeweile und Verzweiflung von selbst auf die Straße kriechen.

Weil wir nicht weiterkommen, wohnen wir in Pinneberg, einem verschlafenen Nest, das nicht einmal zu Hamburg gehört. Pinneberg ist bekannt für seine prima Baumschulen - so verschnarcht ist das Kaff. Kleines Dorf, große Hölle. Zum Glück gibt es die Hochbahn in die Stadt. Einfach U-Bahn darf das Ding ja nicht heißen, das wäre zu schlicht für Hamburg. Natürlich wohnen wir nicht in einem dieser tollen Bürgerhäuser an der Außenalster, ganz in weiß, unwirklich, mit Rasen bis zum Wasser, Blick auf die Innenstadt, und einem gepflegten Hund. Einem Irish Setter, Windspiel oder anderen exklusiven Köter, wie sie in den Familien meiner Klassenkameraden mit Rinderhack von Feinkost-Käfer hochgepäppelt werden. Mit Menschen wie Achim von der Alster und Sören Heperdink muss ich zur Schule gehen. Achim von der Alster! Wohnt an der Alster. Heißt wie die Alster. Versnobter geht es doch nicht, oder? Natürlich sind Eva und ich neidisch! Neidisch auf diese Familien mit ihren schlanken Müttern und den schönen Kindern, aprilfrisch, sanft und blond, wie aus der Mercedes-Werbung. Wirklich: Sie umsäuselt Tag und Nacht eine leichte Fahrstuhlmusik - manchmal, wenn ich ganz ruhig und still neben ihnen stehe, kann ich es hören. Sie wirken so zart und federnd und rein, duften fast nach Rosen. Wahrscheinlich baden morgens alle in Weichspüler. Ihre Zähne glänzen, ganz weißes Porzellan. In ihren Häusern fällt kein lautes Wort, sie schlafen tief und traumlos, und alle sind grundgut, glücklich und erfolgreich.

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