text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Wahrheit oder Pflicht Roman von Nössler, Regina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2013
  • Verlag: Konkursbuch
eBook (ePUB)
6,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Wahrheit oder Pflicht

Die Pubertät ist die Zeit, in der die Verwandtschaft peinlich und das eigene Leben um einiges schwieriger wird. Diese Erfahrung muss auch die vierzehnjährige Katja machen, die eigentlich lieber schon sechzehn wäre und somit, in ihrer Vorstellung, schön und frei. Geplagt von ihren Selbstzweifeln, ersten sexuellen Erfahrungen, und die unerreichbar erscheinende Liebe zu ihrer besten Freundin, versucht Katja sich und der Welt zu beweisen. Doch es läuft gar nicht so, wie sie möchte: In der Schule sieht es schlecht aus, sie ist introvertierter als sie gerne wäre und das Mädchen in das sie so sehr verliebt ist, lässt sie ein Wechselbad der Gefühle durchleben. Ihr Badezimmerspiegel avanciert zu einem ständigen Ratgeber, in dem sie sich mit einer Mischung aus Faszination, Ekel und ein kleines bisschen Selbstliebe, betrachtet, während ihre Kalender zu fürsorglichen Seelsorgern und Begleitern werden... Dieses Buch ist mehr als eine Coming- Out Geschichte; sie reißt die Leser mit in die Zeit der eigenen Pubertät und Peinlichkeiten und lässt sie mitfiebern, wenn Regina Nössler ihre Heldin, pointiert, selbstironisch und beeinflusst von eigenen Erfahrungen, auf eine aufregende Reise in die unerwartende Welt des Erwachsenwerdens schickt. Regina Nössler wurde 1964 in Altenhundem im Sauerland geboren. Studium der Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Sie lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin. Bisher 12 Buchveröffentlichungen (Romane und Erzählungen), zuletzt die Thriller 'Kleiner toter Vogel' und 'Auf engstem Raum'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 01.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783887698478
    Verlag: Konkursbuch
    Größe: 999 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Wahrheit oder Pflicht

Dritte Stunde Sport

1

Katja.Schnerwik rieb. Mit dem Mittelfinger ihrer rechten Hand.

Katja Schnerwik lag auf dem Rücken und rieb zwischen ihren Beinen. Noch immer fehlte ihr die ausgefeilte Technik, dabei war sie bereits vierzehn. Sie wäre gerne sechzehn gewesen. Aber zum Erfolg führte es stets – obwohl es sich nie so anfühlte, wie sie in manchen Büchern gelesen hatte.

Von den Wänden ihres Jugendzimmers – da, wo neben Bett-, Schreibtisch-, Regal- und Schrankkombi in Kiefernachbildung noch Platz war – blickten John Lennon und die anderen drei sie voller Verständnis an. Weil Katja die von ihren Eltern ausgesuchten Möbel hasste, lag sie aus Trotz auf dem Fußboden. Dann war da an der Wand noch die Waldlichtung mit einem englischen Spruch, der sinngemäß lautete: Die Kraft liegt in dir selbst, in deinem Herzen.

Jetzt allerdings lagen Kraft und eine gewisse Geschicklichkeit in diesem einen Finger, in Katjas Mittelfinger. Sie rieb fester und schneller, und dieses Heftiger- Werden schien zu Ravels "Bolero" zu passen, der in seiner sich hochschraubenden Endlosigkeit gerade über Katjas Mono-Plattenspieler mit eingebautem Lautsprecher eierte. Die Platte hatte sie zu ihrem zwölften Geburtstag von ihrem fünf Jahre älteren Bruder Christian mit den Worten geschenkt bekommen: "Vielleicht bist du dafür jetzt alt genug." Christian hatte eine Freundin, ein Poster von Jimi Hendrix an der Wand und das größere Zimmer.

Es war nie wie ein Erdbeben und es war auch nie wie die Meeresbrandung. Erdbeben und Meeresbrandung kannte Katja allerdings nur aus dem Fernsehen, da die Schnerwiks schon seit nahezu zehn Jahren in den Sommerferien nach Tirol fuhren. Katja kannte Sessellifte, Wanderwege, drückende Schuhe, Speckknödelsuppen und familiäres Blaubeersuchen. Keine Meeresbrandung.

Sie hatte Mühe, in den engen Jeans herumzufuhrwerken, ohne sich die Finger zu brechen. Es war diese Art von Jeans, die bis zum Knie das Fleisch einzwängte und vom Knie abwärts in einen riesigen Schlag mündete. Katja hatte sich nicht ausgezogen, denn sie befürchtete das Entdecktwerden und lag infolgedessen immer auf der Lauer, obwohl in diesem Moment die 4-Zimmer-Hoch-hauswohnung garantiert Eltern- und Bruderfrei war. Gewöhnlich tat sie es abends im Bett, oder sie schloss sich im Badezimmer ein; in letzter Zeit überkam es sie aber oft unvorbereitet. Und an diesem Freitagnachmittag waren alle Schnerwiks ausgeflogen, sogar ihre gemeinhin häusliche Mutter, die Tante Helga in Gelsenkirchen besuchte. Katja war sicher. Und sie masturbierte gierig dem fünften Orgasmus in Folge entgegen.

Plötzlich klingelte es an der Haustür.

Ertappt! Katja Schnerwik war wie vom Schlag getroffen. Ich sterbe! Ich sterbe! dachte sie, am liebsten will ich sterben – denn das Klingeln schien ihr gleichbedeutend damit zu sein, dass nun alle, ihre Eltern, die 41 anderen aus ihrer Schulklasse, ihre Deutschlehrerin und Birgit aus dem Schwimmverein direkt auf sie und auf das, was sie soeben tat, blicken konnten. Aber leider starb Katja nie, wenn sie es wollte. Es verstrichen eine Sekunde, zwei Sekunden, drei – reglos wartete sie, mit pochendem Herzen und mit der rechten Hand in ihrer engen Jeans und der hellblauen Frotteeunterhose.

Und dann fiel es ihr ein: heute war Freitag. Heute war Konfirmandenunterricht. Genau genommen begann der Konfirmandenunterricht in einer Viertelstunde. Und dort unten vor der Tür des grauen, achtstöckigen Hochhauses, dort wartete ihre Freundin Mini, die sie abholen wollte.

Es klingelte erneut. Früher oder später stehen alle Menschen vor schwierigen Gewissensentscheidungen. Katja blieb einfach liegen und dachte: Wenn

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen