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Warum du mich verlassen hast Roman von Ingendaay, Paul (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.09.2019
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Warum du mich verlassen hast

Marko ist fünfzehn und hat das Gefühl, nicht zur Welt dazuzugehören. Er wächst in einem katholischen Jungeninternat auf und versucht den streng geordneten Tagesabläufen zu entkommen. Mit seinen Leidensgenossen Motte, Tilo und Onni nähert er sich vorsichtig Mädchen an, macht erste Erfahrungen mit Alkohol und Zigaretten, und sucht Zuflucht in der Welt der Bücher. Als auch sein kleiner Bruder Robert ins Internat kommt, erhärtet sich Markos Verdacht, dass die Ehe seiner Eltern aus dem Ruder läuft. Paul Ingendaays Internatsroman ist einer der großartigsten dieser Gattung. Paul Ingendaay, geboren 1961 in Köln, lebte als Schriftsteller und Journalist lange in Madrid. 1997 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, 2006 wurde er für sein Debüt "Warum du mich verlassen hast" mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Nach dem Roman "Die romantischen Jahre" und dem Erzählungsband "Die Nacht von Madrid" erschien von Paul Ingendaay zuletzt die "Gebrauchsanweisung für Andalusien".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 496
    Erscheinungsdatum: 02.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492993418
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 3652 kBytes
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Warum du mich verlassen hast

1

Ich träume von einem Drachen mit Kaninchenlippen. Der katholische Suppenwürfel. Ich zeige euch die Schädelstätte. Die Tantenführung. Ich drehe mich wie ein Rad.

Dass etwas mit mir nicht stimmte, merkte ich daran, dass ich wieder diese Träume hatte. Ich werde sie euch nicht erzählen. Nur soviel, damit ihr ein Bild habt. Schwester Gemeinnutz kam darin vor, meine frühere Erzieherin, die mich zwei Jahre lang gequält hat, die ersten zwei Jahre auf dem Collegium Aureum. Schwester Gemeinnutz war ein grauer Drache mit Kaninchenlippen. In meinen Träumen trug sie ihr Nonnenhabit, aber es war länger und flatterte viel stärker, als ich es in Wirklichkeit je gesehen hatte. Ungefähr so wie ein Drache mit Kaninchenlippen, der Nonnensachen anhat und damit hoch in die Lüfte steigt und bei starkem Gegenwind seine Runden dreht.

Bitte!, rief ich in meinen Träumen, und meine Stimme war wie das Piepsen einer Maus. Bitte! Flieg davon! Verpiss dich! Lass mich in Ruhe!

Aber der graue Drache drehte nur seine Runden, und dann legte er sich in die Kurve, ließ die Flügel lässig ausschwingen und kehrte zurück. Seine Augen glühten, und ich konnte seine Kieferknochen arbeiten sehen. Er schoss so dicht über meinen Kopf hinweg, dass ich mich ducken musste. Ich glaube, er stank auch ein bisschen.

Jetzt kommt das Komische. Je stärker der Wind blies, desto böser guckte der Drache. Als gäbe der Wind ihm Nahrung. Ich wusste ja, wie Schwester Gemeinnutz gucken konnte, ich kannte diesen Blick, kalt und glühend zugleich. So guckte sie immer, wenn sie uns im Gruppenraum beim Abendgebet musterte und nachzählte, ob alle da waren. Oder wenn sie überlegte, wer bei der Gewissenserforschung vorsprechen durfte. Oder wenn sie sich fragte, wer bei der Wahrheitserforschung in die Mitte des Stuhlkreises treten musste, damit die anderen über ihn die Wahrheit sagten, auch gemeine und hässliche Wahrheiten, die niemand über sich selber hören will. Auch die Schande. Es muss im Gruppenraum alles heraus, sagte Schwester Gemeinnutz. Alles muss ans Licht des Herrn.

Aber ich dachte in den ersten zwei Jahren auf der Insel der Verzweiflung nur daran, wie ich alles, was mich betraf, einsperren und verbergen konnte. Ich wollte nicht, dass der Herr es sieht. Weil ich nicht wollte, dass Schwester Gemeinnutz es sieht. Ich dachte, wenn ich es dem Herrn zeige, zeige ich es auch Schwester Gemeinnutz, und das wollte ich nicht. Es gab einfach keinen Weg zum Herrn, ohne dass Schwester Gemeinnutz davon erfahren hätte. Schwester Gemeinnutz war immer schon da. Ich war zehn, als ich das dachte. Und ich dachte es mindestens zwei Jahre lang.

Marko!, rief die Stimme von Schwester Gemeinnutz aus den Höhen herunter, in denen sie mümmelnd herumsegelte. Denkst du an die Gruppe? Oder denkst du nur an dich? Gemeinnutz geht vor Eigennutz!

Das war auf der Insel der Verzweiflung immer die Frage. Dachte ich an die Gruppe? Oder dachte ich nur an mich? Wir waren vierundvierzig zehnjährige Jungen, als wir auf dem Collegium Aureum anfingen. Auch später fragte ich mich oft, wieviel ich an die anderen dreiundvierzig Jungen gedacht hatte. Ob es genug gewesen war oder ob ich an ihnen nicht etwas Wichtiges versäumt hatte.

Natürlich hätte ich Tilo und Motte fragen können, ob sie fanden, dass ich an ihnen etwas versäumt hatte. Aber ich fragte sie nicht. Wahrscheinlich hätte Tilo gesagt: Mann, bist du bescheuert? Und Motte hätte gesagt: Hast du sie noch alle? Brauchst du Hilfe?

Mann, damals hätte ich Hilfe gebrauchen können. Damals hatten wir gegen alle Zweifel das Abendgebet, aber es war zu wenig, fand ich.

Jeden Abend mussten wir in den Gruppenraum kommen, und wenn alles besprochen und geregelt, wenn das bisschen Lob und die große Menge Tadel ausgeteilt waren, die unser Tag so mit sich brachte, dann beteten wir alle zusammen immer dieselben Zeilen, ein verdammter kleiner Kinderchor mit fiepsigen Stimmen und weit aufger

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